Hilfe, die ankommt

Iserlohn. (as) Eng war‘s in den alten Räumlichkeiten der Iserlohner Tafel. Viel zu eng. Da konnten Lieferwagen nicht geparkt werden. Bedürftige Menschen mussten ein paar ´Häuser weiter auf die Ausgabe ihrer Lebensmittel warten. Waren mussten über die Straße geschleppt und durch Fenster gehievt, beschmutzte Obst- und Gemüsekisten zur Reinigung bis nach Letmathe gekarrt werden. „Das hat sich geändert“, sagt Josef Radine vom Leitungsteam der Iserlohner Tafel. Im Juni wurden die neuen, großzügigen und auch hellen Räumlichkeiten in der Pütterstraße 27 offiziell eingeweiht. Die 150 ehrenamtlichen Tafel-Helfer haben sich bereits eingelebt. Kaum jemand denkt noch daran, wie es war, als man sich kaum drehen konnte, ohne gegen eine Gemüsekiste zu stoßen, oder als vertrauliche Gespräche irgendwo zwischen gestapelter Babynahrung und Milchtüten stattfinden mussten.

Die Iselohner Tafel, die im Volksmund immer noch Cari-Tasche genannt wird, präsentiert sich heute mehr denn je wie ein kleiner bis mittelständischer Betrieb. In zwei Schichten wird gearbeitet. Morgens und vormittags werden all die Waren aufbereitet, die von den ehrenamtlichen Fahrern mit den drei Tafel-Lieferwagen herbeigeschafft werden. Da werden Obst und Gemüse aussortiert, Brot, Brötchen und Kuchen verpackt, Regale aufgefüllt. Denn nachmittags, wenn Schicht Nummer zwei ihren Dienst antritt, muss alles bereit sein für die Warenausgabe.

„Hier“, sagt Hannelore Brunswicker, strahlt und zeigt in die Räume, „hier kann zusammenwachsen, was zusammen gehört.“ Josef Radine schließt sich an: „Wir möchten zweierlei leisten“, sagt er. „Wir wollen bedürftigen Menschen helfen, aber wir wollen auch Lebensmittel vor der Vernichtung retten.“

Zu retten gibt es zurzeit allerlei. Denn gerade jetzt, im August, ist die Hochzeit von Obst und Gemüse. Kisten- und palettenweise wird es angekarrt. Jede Hand wird benötigt, um Gutes von Schlechtem zu trennen und appetitlich zu präsentieren. Jede Erdbeere wird genauestens untersucht, exotische Früchtchen auf fiese Druckstellen untersucht, Blumenkohlköpfe gestapelt. „Hier wird keine verdorbene Ware herausgegeben“, sagt Hannelore Brunswicker. Verdorbenes wird aussortiert und entsorgt – in der Biogasanlage oder im Restmüll.

Nur ein wenig sozial engagieren…

Ein bisschen sozial engagierten wollte sich Hannelore Brunswicker. Groß umzuschauen, wo solch ein Engagement möglich wäre, brauchte sie sich nicht. „Meine Schwägerin meinte: Geh doch zur Cari-Tasche.“ Und sie ging. Das war damals, vor sechs Jahren. Heute gehört Hannelore Brunswicker zum Leitungsteam der Iserlohner Tafel – und hat beinahe einen ehrenamtlichen Vollzeitjob.

Genau wie Josef Radine: Etwas Soziales sollte es nach dem aktiven Berufsleben sein. Aus etwas wurde eine ganze Menge. Im Leitungsteam. Genau wie Hannelore Brunswicker hat er sich sogar einen Heimarbeitsplatz eingerichtet, um nicht permanent auf Achse sein zu müssen. Denn viel ist zu erledigen: Dienstpläne müssen erstellt, die Buchhaltung gemacht werden. Und, und, und. „Es ist wie im richtigen Leben“, sagt Hannelore Brunswicker und lacht. Wie im richtigen Berufsleben – nur eben ehrenamtlich.

Pfandbons für den guten Zweck

Für die Akquise ist übrigens Jürgen Nafe zuständig. Er betreut all die Händler, die der Tafel Waren zur Verfügung stellen. Und er kümmert sich um ein recht neues Projekt: Pfandbon nennt sich das. An den Getränkerückgabestellen in fünf Supermärkten in Iserlohn und auch in Nachrodt gibt es mittlerweile eine Taste, die das Pfandgeld der Iserlohner Tafel gutschreibt. „Mit kleinen Beträgen kann man so etwas Gutes tun“, sagt Josef Radine.

Auch auf die kleinen Beträge ist die Iserlohner Tafel angewiesen. Die Miete muss bezahlt, die Lieferwagen müssen unterhalten werden. Energiekosten, Wasser, Entsorgung – es läppert sich. „Wir selbst bekommen keinen Cent“, sagt Hannelore Brunswicker. „Aber wir benötigen das Geld, damit die Tafel weiter bestehen kann.“

Damit Menschen aus der Region geholfen werden kann. 1.600 Menschen aus ganz Iserlohn, Hemer und vereinzelt sogar aus Nachrodt und Altena sind es, die zur Tafel kommen. Viele Rentner sind dabei. Frauen und Männer, die sich schämen, zum Amt zu gehen. Menschen, die aufgrund ihrer Misere von der Iselohner Tafel einen Ausweis bekommen, der sie berechtigt, ihre Lebensmittel bei der Tafel zu holen. Menschen, die ohne die Tafel nicht über die Runden kommen würden.

Nicht umsonst, aber mit Würde

Hier gibt‘s zwar auch nichts umsonst. Aber für 1,50 Euro pro Erwachsenen und 50 Cent pro Kind kann eingekauft werden. „Es geht um Würde“, sagt Hannelore Brunswicker. „Wer einen kleinen Betrag gibt, ist kein Bettler.“

In einem der Warteräume, der wie ein kleines Café, genannt Cari-Tasse, gestaltet ist, können die Tafel-Kunden ihre Wartezeit mit Kaffee oder Tee für 10 Cent verkürzen. „Für manche Menschen ist der Besuch der Tafel das Highlight der Woche“, sagt Josef Radine. Raus aus der Isolation daheim, Kontakte zu Frauen und Männern in ähnlichen Lebenslagen. „Da sind schon Freundschaften entstanden“, sagt er.

Das gilt auch für die ehrenamtlichen Tafel-Helfer. „Wir geben viel, aber wir bekommen auch viel zurück“, sagt Hannelore Brunswicker. Dankbarkeit ist es, die den Helfern entgegengebracht wird. Sie lernen Menschen – auch aus anderen Kulturkreisen – kennen. Und sie können konkret helfen.

Diskrete Gespräche sind jetzt möglich

Jetzt auch in persönlichen Gesprächen. Denn dafür gibt‘s in den neuen Räumen ein Büro und einen Aufenthaltsraum, in den man sich zurückziehen kann. Und es gibt sogar eine Rampe, damit Frauen und Männer, die auf Rollatoren oder Rollstühle angewiesen sind, die Tafel erreichen können. Viel hat sich geändert in den neuen, großzügigen und hellen Räumen der Tafel an der Pütterstraße 27.

„Schön wäre es, in einer Gesellschaft zu leben, die Tafeln wie uns überflüssig macht“, sagt Josef Radine. Doch in solch einer Gesellschaft leben wir nicht. Leider. Armut und Bedürftigkeit können jeden und jede treffen. Und so arbeiten sie weiter – ehrenamtlich. Um zu helfen.

Wie auch Sie helfen können…

Durch ehrenamtliche Mitarbeit beispielsweise. Oder durch Geldspenden für Miete, Strom, Kfz-Kosten, damit die Tafel auch weiterhin helfen kann. Eine Spende ist möglich an die Iserlohner Tafel: Sparkasse Iserlohn, BLZ 445 500 45, Konto 4 00 90 64.