Hilferuf einer Lehrerin, Teil 2:

Iserlohn. (clau, 24.04.2010)

In der letzten Ausgabe gewährte eine heimische Lehrerin einen ungewohnten und teilweise sehr beklemmenden Einblick in ihren persönlichen Grundschulalltag. Dies wollen wir heute fortsetzen und dabei auch Erzählungen anderer Pädagogen einfließen lassen:

Schon zu Beginn der Schulzeit fehlt offenbar immer mehr Kindern vieles vom dem, worauf Schule eigentlich aufbauen will. So erleben etliche Pädagogen im Unterrichtsalltag, dass i-Männchen die Stifte halten wie Besenstile, als seien sie im Vorschulalter keinem Malstift auch nur nahe gekommen. Sogar das Schneiden mit einer Bastelschere lernen immer mehr Kinder offenbar erst in der Schule kennen.

Balancieren, hüpfen, rückwärts gehen, klettern oder auf einem Bein stehen… – all diese Selbstverständlichkeiten beherrschen immer weniger Kinder in den ersten Schuljahren. Englischlehrer etwa, die auf den Einfall kommen, das triste Vokabellernen durch ein bewegendes Ballspiel in Schwung zu bringen, erleiden oft schon nach wenigen Minuten Schiffbruch: Etliche Extra-Sportstunden wären nötig, um dem Großteil der „Dötze“ das sichere Fangen und Werfen beizubringen.

Alles Fehlanzeige

Fahrradfahren? – Seilchenspringen? – Einfach mal eine längere Strecke zügig gehend zurücklegen? – Alles Fehlanzeige bei einer alarmierend wachsenden Kinderzahl.

Nach der Gesundheit und dem Vorbild der Eltern ist als Drittes der Faktor „Zeit“ für eine gute Kindheit entscheidend. Jemand müsste sich Zeit nehmen und die Kinder anleiten, neugierig machen, begeistern, ihnen Hilfestellung geben. Doch genau dies geschehe wohl in mehr und mehr Familien nicht mehr in ausreichendem Maße, beklagen Lehrer immer häufiger.

Die Folgen sind geradezu dramatisch. Die Bewegungsentwicklung bleibt zurück, Talente verkümmern, wichtige Erfahrungen bleiben aus, der Mut wird nicht gefordert, die Stärke nicht trainiert, kein Stolz auf das Geschaffte oder Entdeckte entwickelt, keine Begeisterung entflammt.

Keine Frage des Geldes

All das, was hier im Argen liegt, hängt kaum vom Familieneinkommen ab. Es ist keine Frage des Geldes. Die Möglichkeiten, die der Wald, der Spielplatz, die Stadtbücherei und etliche andere Kulturstätten zu bieten haben, stehen allen kostenlos zur Verfügung. Man braucht als Eltern eigentlich nur zuzugreifen. Für „umsonst“ oder für kleines Geld lässt sich mit Fantasie unendlich viel Spannendes mit dem Nachwuchs erleben und erlernen.

Die Kinder am Montagmorgen die Schulwoche damit beginnen zu lassen, dass jeder in der Runde von seinem Sonntag berichten darf, nun, diese schöne, „alte“ Idee haben nicht wenige Lehrkräfte längst abgeschafft. Zu sehr zerfallen die Klassen dabei in zwei Teile: Die einen haben strahlend viel Interessantes zu erzählen. Die anderen zucken stumm mit den Achseln oder geben haarklein die Details des Wochenend-Fernsehprogrammes wieder.

Der aufgeweckte Fünftklässler Levin zählt auf: „In meiner Klasse haben jetzt alle ein eigenes Handy, einen MP3-Player, einen Gameboy, einen eigenen Laptop und einen eigenen Fernseher. – Also, das find‘ sogar ich jetzt echt ein bisschen übertrieben.“ Kinder wie er kommen locker ohne das aus. Viele andere aber nicht. Tagsüber nicht und vielleicht auch nicht nachts. In den meisten Kinderzimmern steht längst ein eigenes TV-Gerät. Was dort geguckt wird? Zahllose Eltern interessiert’s offenbar nicht.

Oft sich selbst überlassen

Selbst die Schulferien bringen vielen Kindern immer häufiger fragliche Erfahrungen. Hierzu noch einmal die letzte Woche bereits zitierte Pädagogin: „Wenn wir anschließend fragen: ,‘Wo warst du denn?‘ heißt die Antwort oft einfach ‚Am Meer‘ . Dabei waren die Kinder die meiste Zeit sich selbst überlassen. Häufig wissen sie kaum, in welchem Land sie eigentlich gewesen sind. Es spielt wohl auch eigentlich gar keine Rolle.“

Viele Lehrer fühlten sich angesichts dieser beklemmenden Entwicklungen hilflos und frustriert, sagt sie. „Dabei sind die Lösungen auf etliche der Probleme der Kinder eigentlich so einfach. Aber wir Lehrerinnen und Lehrer in der Schule sind nicht diejenigen, die es leisten können. Und die, die es könnten und müssten, wollen es zunehmend wohl gar nicht.“

Frage: Vergessen zu viele Eltern ihre eigenen Kinder?

(wird fortgesetzt)