Hinter den Kulissen der Friedrichstraße

Karl Schäfer und seine Frau Maria - beide vereidigte Wiegemeister - betreiben hinter ihrem Hotel mit über 80 Jahren noch immer täglich die weithin einzige öffentliche LKW-Waage. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) „Auf‘m Gossen“, „Wermingser Weg“ oder auch „Iserlohn-Deilinghofener-Actienstraße“… – erst spät im 19. Jahrhundert führte das Adressbuch der Stadt die Friedrichstraße unter ihrem heutigen Namen. Besonders entlang dieser Straße machte Iserlohn einst einen großen Schritt vom verwinkelten, engen Städtchen zur modernen Großstadt.

Schon in der vergangenen wk-Ausgabe war die Rede von den hier angesiedelten Industrieunternehmen mit ihren neuzeitlichen Fabrikationsstätten und den dazugehörigen eleganten Villen der Industriekapitäne.

Stadtführerin Marlis Gorki hat zum Thema Friedrichstraße eine neue Stadtführung „Vom Kreishaus bis zum Amtsgericht“ erarbeitet und am vergangenen Freitag bereits dem ersten Trupp Interessierter vorgestellt.

Einst Aktienstraße

Die Straße – so weiß sie zu berichten – war zuerst eine privat gebaute Straße. Sie gehörte der Deilinghofener Straßenaktiengesellschaft. Diese hatte am 4. November 1845 die Arbeiten für den Bau der sogenannten „Actienstraße“ von Iserlohn über Westig, Sundwig und Deilinghofen bis zur Hönnetalstraße bei Klusenstein ausgeschrieben. Natürlich war sie bestrebt, die hohen Investitions- und Unterhaltskosten dieser Einfallsstraße möglichst mit Gewinn schnell wieder reinzukriegen.

Am 4. Mai 1848 waren drei Barrieren zur Wegegelderhebung errichtet worden und zwar in Oberhemer, Deilinghofen und Wermingsen. An letzterer Adresse schaltete und waltete der als „Purreir-Fritz“ stadtbekannte Fritz Berkenhoff als Zollbeamter der Aktiengesellschaft. Erst 1892 gelangte die Straße in den Besitz der Stadt Iserlohn.

Hotels und Gaststätten

Entlang der Friedrichstraße und besonders im Bereich des inzwischen abgerissenen Ostbahnhofs finden sich bis heute etliche Gaststätten und Übernachtungsbetriebe. „Nach wie vor besteht das Publikum hier vorwiegend aus Handelsreisenden, Vertretern und Monteuren“, erzählt Marlis Gorki.

Das Hotel Schäfer ist in dieser Hinsicht ein Paradebeispiel. Das Gebäude aus dem Jahr 1903 liegt direkt am ehemaligen Ostbahnhof. Früher führte es Wilhelm Pfänder unter dem Namen „Hotel Restaurant Zum Löwen“. Es folgten verschiedene Inhaber und Wirte. Seit 1961 trägt es den Namen Schäfer. Zwischen dem Hotel und dem alten Bahnhofsgelände befindet sich immer noch eine LKW-Waage.

Auf die Waage!

Gewogen wird bei Schäfers täglich ab 7 Uhr. (Foto: Claudia Eckhoff)

Maria und Karl Schäfer sind beide vereidigte Wiegemeister und stellen auch heute noch täglich mehrere Wiegeformulare an ihrer von Iserlohn bis Lüdenscheid einzigen öffentlichen Waage aus.

Waren es früher Pferde, Lumpen oder Papier, so kommen heutzutage tonnenweise Späne, Halbfertigwaren oder Abfälle, die zur Umarbeitung weitertransportiert werden sollen, auf die Waage. Mit über 80 Jahren beherrschen Karl und Maria Schäfer ihr Metier noch immer aus dem „Eff-Eff“ und öffnen für jeden Kunden gern das Schiebefenster an der Wiegestation direkt neben ihrer Hotelküche.

Maler Beckhaus

Nicht alles hat Stadtführerin Marlis Gorki restlos erforschen können. „Je tiefer man in eine Sache eindringt, um so mehr Fragen tun sich auch auf“, sagt sie. „Ich bin zum Beispiel bei meinen Nachforschungen rund um die Friedrichstraße auch auf den Maler Walter Beckhaus gestoßen und wüsste nun gern mehr über ihn.“

Sie fand seinen Namen im Adressbuch unter der Hausnummer 110. Das war die Villa Sudhaus, die später dem Amtsgericht Platz gemacht hat. Der gebürtige Iserlohner war gelernter Drogist, später technischer Leiter von Filmtheatern in Rostock und ab 1952 sogar in Südafrika. Von dort kam er 1963 offensichtlich krank nach Iserlohn zurück, wo er 1966 oder 67 verstorben ist. Als Maler war Beckhaus Autodidakt. Sein Atelier befand sich zeitweise in der Mansarde des Rampelmannschen Hauses am Fritz-Kühn-Platz. „Ich wüsste gern mehr über ihn, denn immerhin hat die Stadt ihm noch 1987 eine eigene Ausstellung im Stadtmuseum gewidmet“, las Marlis Gorki in alten Zeitungsausschnitten.

Das Schriftenmuseum

Und noch eine andere Sache lässt ihr jetzt keine Ruhe mehr: Im Zusammenhang mit der Schreibfederfabrik Brause hat es einmal ein „Iserlohner Schriftenmuseum“ gegeben. Im Jahr 1951 gründete sich gar ein „Iserlohner Schreibkreis“ , zu dem auch überregionale Pädagogen und Schreibfachleute gehörten und der sich der Schrifterziehung und der Erforschung alter und fremder Schriften widmete.

So kam es, dass 1961 gar ein Kongress von Schriftreformern in der Waldstadt tagte. Sogar die lateinische Ausgangsschrift wurde vom Iserlohner Schreibkreis aus der deutschen Normalschrift entwickelt und 1953 durch Erlass der Kultusministerkonferenz in allen Bundesländern eingeführt.

„Jetzt wüsste ich zu gern, wo die damals gesammelten Schriftproben und sonstigen Sachen des Schriftenmuseums wohl geblieben sind. Vielleicht könnte man sie wieder einmal ausgraben und entstauben?“

Kontakt zu Marlis Gorki gibt es unter Telefon 32365. Sie bittet besonders die Dame, die sich telefonisch in der wochenkurier-Redaktion gemeldet hatte, um mitzuteilen, dass die abgebildete Villa der Familie Wilke gehörte, bei der sie als Kind ein- und ausging, sich mit ihr in Verbindung zu setzen.