Hochexplosives Jungen-Spielzeug

Hemer. (clau) Der Krieg war für die Hemeraner spätestens am 14. April 1945 zu Ende. An diesem Tag erreichten die amerikanischen Streitkräfte die Felsenmeerstadt. Der heute 80-jährige Ernst Alberts, der auf der Sundwiger Mühle groß wurde, erinnert sich noch gut daran, wie „verrückt“ die Zeiten aber zunächst weitergingen.

Die beiden Jungen im Bild sind nicht die Brüder Alberts aus Sundwig. Aber so ähnlich hat es abgespielt, als Peter und Ernst bei den amerikanischen Soldaten in den Verdacht gerieten, Paketdiebe zu sein. (Foto: privat)

Ausgerechnet in Hemer, und zwar im Sundwig-Westiger Feld, blieben die Fahrzeuge und Ausrüstungsgegenstände der aufgelösten Ruhr-Armee in großer Zahl zurück. Da standen drei Sturmgeschütze (Schützenpanzer) mit großkalibrigen Geschützen, zwei oder drei Panzerspähwagen mit aufmontierten Flakgeschützen und einige Lkw und Pkw.

Lebensgefährliche Spiele

Auf diesem unerwarteten und gefährlichen „Abenteuerspielplatz“ fanden der junge Ernst und seine Gefährten große Mengen an Waffen und Munition jeglicher Art.

Sehr beliebt bei den Jungen war das sogenannte „Döppen“ der Patronen und Flakgranaten: Mit dem richtigen „Dreh“ holten sie das Geschoss aus seiner Hülse.

„Das Pulver mehrerer Hülsen schütten wir zusammen, legten eine ein Meter lange Pulverlinie als Zündschnurersatz und zündeten ihr Ende mit einem Brennglas an“, erzählt Ernst Alberts. „Der Pulverhügel explodierte dann mit einer kräftigen Stichflamme.“

Ein Junge aus Sundwig kam ums Leben, als beim „Döppen“ eines 4,4-Zentimeter-Kalibers die Patrone explodierte.

Ernst Alberts selbst verwendete als Brenngläser zwei Linsen, die er mühevoll aus dem Fernglas eines Flakgeschützes herausgeschlagen hatte.

„Feuerwerk“ und „Panzerknacker“

Kartuschen und Granaten für großkalibrige Panzergeschütze wurden separat gelagert und erst beim Laden des Geschützes zusammengefügt. In den Kartuschen befanden sich Pulverstangen.

„Zündete man die an, trat eine Flamme aus. Es kokelte weiter und mit einem kräftigen Rauch- und Hitzestrahl schoss das Ding wie eine Rakete, aber im Zickzack durch das Gelände“, weiß Ernst Alberts noch. „Einmal haben wir auch ein Wespennest mit Dynamit, das aus einer Brückensprengladung stammte, gesprengt.“

Besonders reizvoll war es, gezündete Eierhandgranaten in einen der drei Schützenpanzer zu werfen, dass es nur so krachte, wenn sie im Innern explodierten.

„Wir hatten rund 30 solcher Granaten gesammelt“, erzählt Ernst Alberts. „Damit legten wir uns unter das Heck des einen Panzers, entsicherten sie und warfen sie in kurzen Abständen durch die Einstiegsluke hinunter.“

Plötzlich tauchten fächerförmig mehrere Jeeps auf, amerikanische GIs sprangen heraus und schrien mit Maschinenpistolen im Anschlag „Hands up!“.

„Wir krochen schlotternd vor Angst hervor, bekamen jeder einen Tritt in den verlängerten Rücken und durften dann aber abhauen“, so Ernst Alberts.

Die Pistole

Wenige Wochen nach Hemers Eroberung musste Ernst im Keller seines Elternhauses in Sundwig Kohlen in einen Eimer schaufeln. Dabei fand er eine Offizierspistole und zwei noch volle Magazine. Statt den Fund zu melden, versteckte der Junge ihn an einer anderen Stelle im Keller.

Mit seinem Geheimnis prahlte Ernst dann vor den Spielkameraden. Die Kinder schossen später im nahen Wald auf Bäume. Abends wurde der „Schatz“ wieder in sein Versteck gelegt.

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, wollten sie weiterspielen. Doch ganz unerwartet durchkreuzte die Mutter die Schießpläne: In den Kindergottesdienst sollten ihre beiden Ältesten, Peter und Ernst, sich begeben.

„Da hatte ich die scharf geladene Pistole aber schon tief in meine durchlöcherte Hosentasche gestopft. Es gab keine Möglichkeit mehr, sie noch unbemerkt wieder loszuwerden“, grinst Ernst Alberts.

Unter Verdacht

Auf dem Weg zur Kirche kamen die Brüder an einem mit Postpaketen aus Amerika hochbeladenen Pkw-Anhänger vorbei. Die kleinen Briefmarkensammler blieben stehen und bestaunten die bunten, fremden Marken. „Wir bemerkten gar nicht die amerikanischen Soldaten, die sich näherten“, erzählt er weiter. „Die dachten, wir wollten die Pakete stehlen, packten uns am Kragen und schleppten uns zur Befragung in das nächstgelegene Haus. Ich mit der Pistole in der Hosentasche habe Blut und Wasser geschwitzt vor Angst. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn man die bei mir gefunden hätte! Aber wir konnten uns dann doch rausreden und bekamen nur wieder einen Tritt verpasst.“

Schließlich saß Ernst mit der geladenen Pistole in der Hosentasche andächtig im Kindergottesdienst. Wenige Tage später war die Waffe dann aus ihrem Versteck im Keller spurlos verschwunden.

Kontakt zu Ernst Alberts gibt es über die Redaktion des wochenkuriers unter Telefon 02371 / 2647-86 oder Mail redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule