Hoffnung für Gestrandete

Von Christian Lukas

Iserlohn. Uwe Browatzki ist Streetworker aus Überzeugung. Er geht auf die Menschen zu, nimmt sie in den Arm – und bläst ihnen auch schon mal den Marsch. Seine Klientel sind Menschen, die ihr Leben auf der Straße verbringen. Alkoholiker, Junkies, Obdachlose – sie hören Uwe Browatzki zu. Denn er war selbst einer von ihnen.

Als Quartierslotse des Caritasverbandes Iserlohn hat Uwe Browatzki zwar ein Büro im Iserlohner Haus der Caritas. „Da bin ich aber nur selten anzutreffen“, sagt er. Das gepflegte weiße Gebäude sei für seine Kunden „viel zu hochschwellig“. „Die meisten trauen sich gar nicht in so ein Haus hinein.“ Zu finden ist Uwe Browatzki meist in der südlichen Innenstadt, bei einer Treppe am Fritz-Kühn-Platz. „Da ist mein Einsatzgebiet.“ Gleich nebenan haben Uwe Browatzki und seine Kollegin von der Drogenberatung im Märkischen Kreis ein altes Ladenlokal zur Verfügung gestellt bekommen. Hier haben sie ihre Klientel im Blick. An manchen Tagen sind es 60 bis 70 Menschen, die sich an der Treppe treffen.

In sie kann sich Uwe Browatzki gut einfühlen. Er entstammt, wie er selbst sagt, „dem Iserlohner Sozialadel“. „Mein Vater war Trinker, Geld gab es vom Amt.“ Mit 13 landete er in einem Erziehungsheim in Hannover. „Im gleichen Jahr hatte ich meinen ersten Alkohol bedingten Filmriss.“

Bei der Bundeswehr schien er seinen Weg gefunden zu haben, strebte eine Karriere an. „Nur war da immer der Alkohol. Und an dem herrscht beim Bund kein Mangel.“ Irgendwann ging er einfach nicht mehr zum Dienst, wurde von Feldjägern verhaftet, bekam ein Verfahren wegen Fahnenflucht. „Und dann ging es richtig ab. Ich habe gesoffen, Tabletten genommen, habe geklaut, Einbrüche begangen, Urkunden gefälscht, stand vor Gericht.“

Vier Entzugstherapien absolvierte er; 1993 blieb sein Herz stehen. Er wurde in letzter Sekunde reanimiert. „Als ich wieder zu mir kam, war mein erster Gedanke, wo ich was zu trinken herbekomme“, berichtet er.

Das Leben vom Alkohol zerstört

Jeden Tag besucht Caritas-Mitarbeiter Browatzki die Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Iserlohn. Hier trifft er Otto. Otto führte mal ein normales Leben, verdiente ganz gut. Bis seine Alkoholsucht sein Leben zerstörte. Er verlor den Führerschein, machte Schulden, landete auf der Straße. Mit Hilfe von Uwe Browatzki ist es ihm gelungen, sich seiner Situation bewusst zu werden. „Das ist der Anfang. Es ist noch ein langer Weg, der vor Otto liegt“, weiß Uwe Browatzki aus eigener Erfahrung. „Das Problem ist: Du musst dir helfen lassen wollen. Viele Menschen sind arm an Hoffnung, Moral und Perspektiven. Meine Aufgabe ist es, ihnen wieder Hoffnung zu geben.“ Ein harter Job.

1997 kriegte er selbst die Kurve. Am Tag, als sein Verein Borussia Dortmund die Champions-League gewann. „Ich habe von dem Sieg nichts mitgekriegt, ich wachte am Morgen darauf in einem fremden Garten auf, vollgepinkelt. Vor mir standen eine Frau und ihre kleine Tochter und hatten Angst vor mir. Das war schlimm. Und mein Weckruf“, erzählt Browatzki, der damals wohnungslos war.

Mit Hilfe seiner Schwester und der Schuldnerberatung der Caritas kam er wieder auf die Beine, fand eine Wohnung und einen Job. 2003 gründete er eine Selbsthilfegruppe für Alkoholiker: „Eins, Zwei, Dry“.

Treppe halbwegs sauber halten

Als Uwe Browatzki zur Treppe kommt, wird er freundlich begrüßt. Einige Männer und eine Frau sitzen dort zusammen. Die Bierflaschen sind nicht zu übersehen. Einer erzählt, dass sie seit einiger Zeit versuchen, die Treppe halbwegs sauber zu halten. „Es ist ja so was wie unser Wohnzimmer“, sagt er. Den Menschen Aufgaben geben, ihnen das Gefühl vermitteln, dass niemand auf sie herabschaut, das gehört zu Uwe Browatzkis Arbeit wie das Streitschlichten.

Denn in der Vergangenheit gab es immer wieder Ärger, viele Iserlohner trauten sich nicht mehr, die Treppe zu benutzen. „Mit Polizei wird das Problem nicht gelöst“, ist Uwe Browatzki überzeugt. Da er sich schon seit Jahren ehrenamtlich engagierte, wurde ihm 2014 eine Stelle als Quartierslotse angeboten. Während die Stelle seiner Kollegin über die Drogenberatung im Märkischen Kreis finanziert wird, ist er bei der Caritas angestellt. „Caritas ist wichtig, weil die Caritas eben nicht die Stadt ist. Zu den Behörden haben die Menschen oft kein Vertrauen. Zur Caritas schon.“ Menschen, die ihm einst halfen, wieder Fuß zu fassen, sind heute seine Kollegen. Uwe Browatzki ist mit allen Hilfseinrichtungen vernetzt. Iserlohn, erklärt er anerkennend, verfüge über ein hervorragendes Hilfsnetz.

Armut und Vereinsamung

Und doch werden davon nicht alle erreicht. „Die Menschen auf der Treppe“, bemerkt er nachdenklich, „das sind ja nur die Gestrandeten, die wir sehen.“ Was ihn bekümmert, sind die, die man nicht sieht. „Wir erleben hinter den Fassaden eine beispiellose Verarmung und Vereinsamung alter Menschen. Und das interessiert kaum jemanden.“ Da ist die Geschichte eines alten Mannes, die Uwe Browatzki nicht aus dem Kopf geht. Er lebte in einer heruntergekommenen Bude: „Es stank. Es war fürchterlich.“ Es war der Stolz, der ihn hinderte, Hilfe zu suchen: „Er konnte keine Waschmaschine bedienen. Er hat sein Leben lang gearbeitet, seine Frau hat sich um den Haushalt gekümmert. Dann ist sie gestorben und er war alleine überfordert, sich sauber zu halten.“ Auch solche Fälle werden an Uwe Browatzki herangetragen, selbst wenn sie nicht direkt zu seinem Arbeitsgebiet gehören. Aber er weiß, wie es sich anfühlt, ganz unten zu sein. Er ist der, dem man vertraut.

Uwe Browatzki ist Quartierslotse in der Iserlohner Südstadt. Die Hilfeeinrichtungen in Iserlohn sind eng miteinander vernetzt. In der Wohnungslosenhilfe der Diakonie trifft Uwe Browatzki (Mitte) auf Karsten (r.) und Uwe Thomas (l.), der dort ehrenamtlich als Helfer tätig ist. (Foto: cpd/ Lukas)
Uwe Browatzki ist Quartierslotse in der Iserlohner Südstadt. Die Hilfeeinrichtungen in Iserlohn sind eng miteinander vernetzt. In der Wohnungslosenhilfe der Diakonie trifft Uwe Browatzki (Mitte) auf Karsten (r.) und Uwe Thomas (l.), der dort ehrenamtlich als Helfer tätig ist. (Foto: cpd/ Lukas)