„I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr

Ernst Alberts bei seiner Einschulung. Seine unbedachten Worte als „I-Männchen“ wären der gesamten Familie kurz darauf beinahe zum Verhängnis geworden. (Foto: privat)

Hemer. (clau) „Als der verbrecherische Fanatiker Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Kanzler des Deutschen Reiches ernannt wurde, hat er gleich zu Anfang seines Regimes ein tausendjähriges Groß-Deutsches Reich, als dessen Gründer und Führer er sich verstand, prophezeit“, schreibt der Hemeraner Ernst Alberts in seinen Erinnerungen. „Damals war ich eineinhalb Monate alt. Schon im Alter von nur zwölfeinhalb Jahren erlebte ich 1945 den totalen Zusammenbruch dieses ,Tausend-Jahre-Reiches‘“.

Unter dem Titel „Aus verrückter Zeit“ hat der heute 80-Jährige für den Privat-Gebrauch auf über 80 DIN-A-5-Seiten vieles aufgeschrieben, woran er sich aus diesen Jahren erinnert. Dokumentieren wollte er damit, was er noch deutlich vor sich sieht, „weil man gegen das Vergessen und Umdeuten der Geschehnisse dieser Zeit nicht genug erzählen und schreiben kann.“

Aus persönlicher Sicht

Wie stark Erinnerungen auch von der Persönlichkeit geprägt sind und sich unterscheiden können, wurde Ernst Alberts klar, als er vor Jahren seine Erinnerungen mit denen seines nur wenig älteren Bruders Peter verglich. Da wurde deutlich, dass sich die Brüder, die sich äußerst nahe standen, unterschiedlich und auch an Unterschiedliches erinnerten.

„Deshalb muss ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass die folgenden Schilderungen früheren Erlebens als meine subjektiv geprägten Erinnerungen aufzunehmen sind“, sagt der Hemeraner. „Vielleicht können aber die geschilderten Episoden als zusätzliche Mosaiksteinchen den Zeitgenossen das selbst Erlebte und den Nachgeborenen die ihnen bisher übermittelten Bilder dieser Jahre ergänzen oder beleben.“

Es handelt sich in diesem Beitrag nur um einen Auszug. Wer zusätzliche Einzelheiten erfahren möchte, auf Unrichtigkeiten hinweisen oder Ergänzungen beitragen kann, kann dies der wochenkurier-redaktion unter Telefon 02371/ 2647-86 oder Fax 02371/ 26061 oder per Email unter redaktion.iserlohn@wochenkurier.de mitteilen. Die Meldung wird an Ernst Alberts weitergeleitet.

Lehrer als Respektsperson: Geliebt und gefürchtet

„Im April 1939 wurde ich eingeschult“, beginnt der zweitgeborene Sohn des Müllers aus der Sundwiger Mühle seinen Bericht. „Der Lehrer, Herr St., war eine von uns Kindern geliebte Respektsperson. Noch heute habe ich ein gutes Gefühl, wenn sein Name erwähnt wird. – Dass er ein überzeugter Nationalsozialist war und was das bedeutete, war mir als I-Männchen natürlich nicht klar.“

Schutz für den Müller

Am 1. September 1939 überfielen deutsche Truppen das Nachbarland Polen. Zwei Tage später erklärten Frankreich und England dem Deutschen Reich den Krieg.

„Wir Kinder spürten die Angst der Erwachsenen und wurden davon angesteckt“, fährt Ernst Alberts fort. „Ich befürchtete vor allem, dass unser Vater, wie im Vorjahr zum sogenannten ,Sudetenfeldzug‘, für lange Zeit in den Krieg müssen würde. Aber mein Opa übertrug dann unseren Mühlenbetrieb auf meinen Vater. Dadurch wurde er als Hersteller oder Bearbeiter von lebenswichtigen Gütern sofort 1939 ,u.k.‘ – also unabkömmlich – gestellt und war somit vom Wehrdienst befreit.“

Überall lauert Gefahr

Damit hatte Familie Alberts zunächst einmal Glück gehabt. Trotzdem lauerte überall Gefahr, wie auch der sechsjährige Ernst bald danach zu spüren bekam.

An einem sonnigen Wochentag im Herbst 1939 zog die Mutter gleich nach dem Mittagessen ihr bestes Kleid an und eilte aufgebracht und nervös mit einem großen hastig aus dem Garten zusammengestellten Blumenstrauß zu Herrn St., dem Lehrer ihres Sohnes Ernst. Der Knirps selbst saß in großer dumpfer Angst zuhause weinend unter dem Wohnzimmer und wartete. Was war geschehen?

Beim Essen hatte der Kurze von der Schule erzählt und sich entrüstet, dass Lehrer St., der überzeugte Nazi, ihm nicht hatte glauben wollen. Der kleine Ernst hatte seinem Lehrer nämlich erzählt, was er zuhause aus dem Gespräch der Eltern aufgeschnappt hatte: „Dass wir den Krieg verlieren werden und die Franzosen den Westwall schon durchbrochen haben.“

Ganz blass war die Mutter geworden. Der Vater war vom Stuhl hochgeschossen: „Was hast du erzählt????“

Sechsjähriger „zersetzt die Wehrkraft“

Dass die unbedachten Worte ihres Kindes sie als Eltern leicht den Kopf kosten könnten, war ihnen sofort klar. Hohe Strafen, gar Gefängnis, stand auf das Hören feindlicher Radiosender und auf die sogenannte „Wehrkraftzersetzung“!

Doch wieder kamen die Alberts glimpflich davon: Der Lehrer St. verstand sich in erster Linie als Mensch, erst in zweiter als Nationalsozialist. Erleichtert kehrte Mutter Alberts zurück. Er schätze die Familie, hatte der Lehrer ihr gesagt. Es sei ihm klar, dass die wehrkraftzersetzenden Äußerungen von Ernst nur einem Missverständnis, gepaart mit kindlicher Phantasie, entsprungen sein konnten.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule