In Iserlohn sein Glück gefunden

Savvas Karatzopoulos kam als Gastarbeiter der frühen 1970er Jahre aus Griechenland nach Iserlohn. Seit vierzig Jahren arbeitet er beim Bürobedarf-Hersteller DURABLE und ist längst gründlich „eingedeutscht“. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Seine Kindheit in Griechenland bezeichnet er als „Katastrophe“. Am liebsten will er gar nicht mehr daran denken. Aber heute anlässlich seines 40-jährigen Dienstjubiläums wandert Savvas Karatzopoulos Blick zurück, weit zurück auch in jene fernen Jahre, als er noch Kind war in Thessaloniki. Damals dachte er nicht im Traum daran, einmal den unbekannten, kühlen Norden Europas seine Heimat zu nennen.

Wurzeln geschlagen

Anfang dieser Woche wurde nun an der Westfalenstraße 77 bei DURABLE sein Dienstjubiläum gefeiert. Am 22. März 1971 trat der damals 25-jährige Savvas als „Gastarbeiter“ in den Dienst des Iserlohner Bürobedarf-Herstellers, der seit den 60er Jahren mit großem Fachkräftemangel zu kämpfen hatte. Bei DURABLE ist Savvas Karatzopoulos bis heute geblieben. Hier fand er beruflich sein Glück, schlug tiefe Wurzeln in der neuen Heimat Deutschland und freut sich nach Jahrzehnten des Schaffens nun auf den baldigen Ruhestand, den er – natürlich! – in Iserlohn verbringen wird.

„Wir hatten gar nichts“

Dieser Lebensweg, der ihn überaus gründlich „eindeutschen“ sollte, war für den kleinen Nordgriechen Savvas nicht vorauszusehen. Als er, der jüngste von drei Geschwistern, sieben Jahre alt wurde, starb 1953 sein Vater. „Wir hatten nichts, gar nichts“, erinnert sich der Jubilar an jene schweren Jahre. „Wir hatten ein Stückchen Land mit Obst. Äpfel und Pfirsiche haben wir gezüchtet. Das war alles. Keine Fürsorge, kein Staat, keine Wohlfahrt hat meine Mutter unterstützt. Wir hatten buchstäblich gar nichts. Es war furchtbar.“

Nicht einmal die Volksschule konnte Savvas damals regelmäßig besuchen. „Sicher gab es eigentlich eine Schulpflicht“, sagt er. „Aber meine Mutter ging andauernd zum Lehrer, um mich vom Unterricht befreien zu lassen, weil sie meine Hilfe bei der Arbeit brauchte.“

Besuch in Deutschland

Sein Bruder suchte sein Glück als Gastarbeiter im Norden und ließ sich in den frühen 60er Jahren in Iserlohn nieder. „Ich habe ihn 1963 zum ersten Mal besucht“, erinnert sich der Jubilar. „Drei Monate bin ich geblieben und habe in einer Schokokuss-Fabrik gearbeitet.“

Zuhause in Griechenland hatte der junge Mann nicht wirklich eine Chance: „Ich hatte doch nichts gelernt. Was hätte ich werden könnten? – Bauer? Aber auch als Bauer brauche ich Geld, um zu investieren in Geräte und Maschinen, damit der Verdienst zum Leben reicht.“

Der Seefahrer

Savvas Karatzopoulos versuchte sich zunächst als Seemann: „Ich war sechzehn Monate auf See. Amerika, Brasilien, Mexiko. Aber das hatte keinen Zweck: Allein von Glasgow bis nach Philadelphia habe ich mich fast ununterbrochen übergeben müssen.“

Neue Heimat

Nach zwei Jahren Wehrpflicht beim griechischen Militär beschloss der seeuntaugliche Savvas, noch einmal nach Deutschland zum Bruder zu fahren. Mit einem kleinen Koffer reiste er per Schiff nach Italien, von dort per Zug nach Deutschland und kam so im April 1970 in Iserlohn an.

„Mein Bruder Panajiotis hat mir sehr geholfen und mich nie allein gelassen“, erzählt er. „Gut, es war schwer mit der Sprache. Aber andererseits lebten damals sehr viele Griechen in Iserlohn. Heute muss man sie dagegen fast suchen.“

Arbeitssuche

Der Neuankömmling fand Arbeit in der Galvanik – „Ich habe gearbeitet – bloß verdient habe ich leider nix“, sagt er. Zweiter Versuch bei einem gigantischen Kettenwerk in Kalthof: „Da war ich nur eine Woche lang. Ich konnte die Massen an feinstem Staub, die damals bei der Arbeit entstanden, einfach nicht ertragen.“

Dritter Versuch bei DURABLE: Treffer! Savvas Karatzopoulos konnte gleich in der Metallfertigung anfangen. Kartenreiter und Hefter-Klemmen mussten in Trommeln voller Sägemehl gescheuert und entgratet werden.

In den folgenden vierzig Jahren arbeitete er als gern gesehener und beliebter Kollege in der Vorbereitung der Metallwaren für den Lackiervorgang, später als Fahrer, der die Kollegen von Iserlohn zum Werk bei Kamen fuhr, als Hausmeister, gute Seele, Mädchen für alles und als Chauffeur seiner beiden Chefs.

Griechisch-Deutsch

Nie hat der stille, freundliche Mann sich aufgeregt – was auch geschah, er hatte stets die Ruhe weg. Deutsch hat er sich „so“ beigebracht, ohne Buch, ohne Kurs, ohne Grammatik. 1974 hat er seine deutsche Frau geheiratet und später zwei Söhne bekommen. Familiensprache war immer Deutsch. Gern fahren sie nach Griechenland, aber noch lieber kommen sie nach Iserlohn zurück. Hier wird Savvas Karatzopoulos ab August auch werktags in seinem Schrebergarten die Sonne genießen und mit seiner Frau im Stadtwald spazieren gehen. „Einmal hat sie mich überredet bis nach Balve zu laufen! – Aber da konnte ich am Ende fast nicht mehr!“, lacht er.