Integration pur: Solch ein Projekt verdient Nachahmer

Präsentierten die Ergebnisse eines Integrations-Projekts von Kirchhoff Automotive: (v.l.) Andreas Weber (Ausbildungsgesellschaft Mittel-Lenne), Josef Schulte (Märkischer Arbeitgeberverband), Özgür Gökce (Euro-Schulen MK) und Friedrich Hahne (Jobcenter MK). (Foto: Sandra Finster)

Iserlohn. (as) Wann, wenn nicht jetzt. Friedrich Hahne, Bereichsleiter Operativ beim Jobcenter Märkischer Kreis, nimmt durchaus den Satz „Wir schaffen das“ in den Mund, wenn er beispielsweise auf die zurzeit 1.006 Menschen unter 25 Jahren mit Flüchtlingshintergrund zu sprechen kommt, für die seine Behörde zuständig ist. Doch er fügt ein Aber hinzu. Ein „Aber wir brauchen Kooperationen.“ Kooperationsprojekte wie das von Kirchhoff Automotive. Das Familienunternehmen bietet 15 jungen Flüchtlingen die Qualifizierung für eine künftige berufliche Karriere. „Wir sind froh, solche Projekte fördern zu können“, sagt Friedrich Hahne.

„Wir haben schon seit zwei Jahren überlegt: Was können wir tun?“, sagt Eva Rademacher von Kirchhoff Automotive. „Wir verstehen das als gesellschaftlich-unternehmerische Pflicht.“ Natürlich sei in der Vergangenheit auch schon eine Menge geschehen. Hier ein Praktikumsplatz für einen geflüchteten jungen Menschen, dort Deutschkurse für geflüchtete Frauen, ab und zu praktische Hilfe, wenn es darum ging, eine Wohnung einzurichten.

Doch das Unternehmen wollte sich noch weiter engagieren. Allein jedoch war das nicht möglich. Deshalb suchte und fand man Kooperationspartner. Kirchhoff Automotive agiert nun bei dem Projekt „Betriebliche Integration von Flüchtlingen“ Seite an Seite mit dem Märkischen Arbeitgeberverband, dem Jobcenter Märkischer Kreis, der Ausbildungsgesellschaft Mittel-Lenne und den Euro-Schulen Märkischer Kreis.

Das Projekt hatte Sogwirkung. Noch sieben weitere Firmen aus dem heimischen Raum sind eingestiegen. Sie boten Praktikumsplätze an für die jungen Leute, um noch ein weiteres Spektrum des Arbeitslebens im märkischen Sauerland darzustellen.

Ein gutes halbes Jahr dauert das Projekt. Fünf Monate davon haben die jungen Leute bereits zurückgelegt. Sie haben einen achtwöchigen, intensiven berufsbezogenen Sprachkurs samt Integrationsbegleitung hinter sich. Es folgte die berufliche Qualifizierung im Bereich „Metalltechnik für Industrieberufe“ in der Lehrwerkstatt der Ausbildungsgesellschaft Mittel-Lenne in Letmathe – ebenfalls acht Wochen. Zurzeit absolvieren die Teilnehmer ihre wiederum achtwöchigen Praktika in den unterschiedlichen Betrieben.

Massenflucht verhindert

Özgür Gökce von den Euro-Schulen MK muss schmunzeln, wenn er an die Infoveranstaltung für die jungen Teilnehmer im Mai zurückdenkt. „Als sie hörten, dass eine Ausbildung hier in Deutschland durchaus drei oder dreieinhalb Jahre dauern kann, wollten einige direkt wieder gehen“, erzählt er. Der Schock saß tief. Daheim, zumeist in Syrien haben sie ein Technikum besucht. Anschließend konnten sie arbeiten, waren Fachleute. Dass der Gesetzgeber hier eine Ausbildung vor das Facharbeiterdasein gelegt hat, war für viele nur schwer nachzuvollziehen. Doch gemeinsam mit Andreas Weber von der Ausbildungsgesellschaft Mittel-Lenne gelang es Özgür Gökce, eine Massenflucht von der Informationsveranstaltung zu verhindern. Mehr noch: Das Projekt scheint ein großer Erfolg zu sein.

Viel Licht und etwas Schatten

Natürlich gab es auch kleine Schattenseiten. Joachim Harmansa von der Firma Erich Dieckmann war beeindruckt von dem neuen Praktikanten. Sprachlich top, blitzgescheit – allerdings fühlte sich der junge Mann vielleicht unterfordert und stellte nach ein paar Wochen fest, dass ein Beruf in der Industrie doch nichts für ihn sei. Schade. Doch von der Entscheidung des Praktikanten will sich die Firma Dieckmann nicht entmutigen lassen. Joachim Harmansa betont, dass das Unternehmen auch weiterhin jungen Flüchtlingen eine Chance geben möchte.

Anderswo herrscht hingegen Jubelstimmung. Auf die Frage, ob die Erwartungen erfüllt worden seien, kam von Heike Hänsler von der Firma Thiele ein begeistertes Ja. Der Anschlussvertrag, eine Eingliederungsqualifizierung bis zum tatsächlichen Ausbildungsbeginn, sei tatsächlich schon aufgesetzt.

Bloß nicht den Kontakt verlieren

Auch bei Kirchhoff Automotive ist man von dem Projekt mehr als angetan. Stefan Jeziorski schwärmte von den fünf Praktikanten in fünf unterschiedlichen Abteilungen. Sie seien, sprachlich toll, fachlich richtig gut und noch dazu hoch motiviert. Nur: Bald endet das Praktikum. Wie soll‘s weitergehen? Eine Ausbildung sei erst im kommenden Jahr möglich. Doch: „Wir möchten ungern den Kontakt zu diesen Leuten verlieren“, sagt Stefan Jeziorski.

Ein Steilpass für Friedrich Hahne: Da gebe es viele Möglichkeiten. Eine Eingliederungsqualifizierung beispielsweise, aber ganz wichtig sei nach wie vor der Sprachunterricht. Denn: „Die jungen Leute müssen in ihrer Ausbildung die Berufsschule schaffen. Das ist nicht einfach in einer neuen Sprache.“

Die Kooperationspartner präsentierten sich jetzt rundum zufrieden. Ein Projekt wie dieses ist ein wunderbares Stück Integration. Kirchhoff Automotive hat es vorgemacht. Solch ein Projekt verdient Nachahmer.