Iserlohn als E-Mobility-Vorreiter

Iserlohn. (as) Ein Tiger ist gemeinhin gelb und hat schwarze Streifen. Reiner Timmreck möchte ihn einfärben. Der Tiger, von dem er leidenschaftlich spricht, ist grün. Grün wie die Natur. Grün wie die Farbe der Iserlohner Stadtwerke. Gemeinsam mit Vertretern der Stadt und dem Start-up-Unternehmen Ubitricity präsentierte der Geschäftsführer der Iserlohner Stadtwerke ein neues Verfahren, Elektroautos aufzuladen. Der Tiger im Tank ist vorwiegend grün. Die Devise aller Protagonisten: „Nehmen Sie ihren eigenen Strom einfach mit.“ Gemeinsam eröffneten sie am Mittwoch, 30. September 2015, den ersten neuartigen Ladepunkt für Elektromobile auf dem Parkplatz an der Trift – direkt neben der alten Post. Um ihn künftig schneller und besser wahrnehmen zu können, wird die Stellfläche mit der Farbe Grün gekennzeichnet.

„Wir haben in Deutschland kein Ladeproblem“, sagt Dr. Niklas Schirmer von Ubitricity. „Wir haben ein Abrechnungsproblem.“ Das aber ist mit dem von seiner Firma entwickelten intelligenten Ladekabel „Smart Cable“ nun Vergangenheit. Mit der neuen Technik können die Nutzer „ihren Iserlohner Strom“ überall zapfen – ganz gleich ob in Berlin oder am Tegernsee. Stolz teilte Reiner Timmreck mit, dass „wir deutschlandweit die Ersten“ sind, „die diese neue Form der Abrechnung beim Stromtanken in der Fläche realisieren.“ Mit der Idee und der dahinter stehenden Technik hat Reiner Timmreck bereits auf der IAA in Frankfurt vom Fachpublikum viel Applaus und Lob geerntet.

Der eigene Strom zum Mitnehmen

Worin genau besteht der Vorteil der „Smart Cable“? Anders als an den bisher vorhandenen fünf „großen“ Ladestationen in Iserlohn befindet sich die komplizierte Abrechnungstechnologie nicht in den Ladesäulen. Im „Smart Cable“ steckt quasi der eigene Stromvertrag. Der Ladepunkt wird damit ausschließlich auf eine einfache schaltbare Systemsteckdose reduziert. Das Kabel selbst übernimmt Authentifizierung und Freischaltung. Die Daten werden dabei automatisch via Mobilfunk übertragen. Mit einer Web-App kann jeder Nutzer überall auf diese Daten zugreifen.

Der Vorteil für die Stadtwerke als Betreiber der Ladeeinrichtungen: „Die Kosten für die Ladeinfrastruktur werden damit um 80 Prozent gesenkt“, sagt Reiner Timmreck. Dadurch können die Stadtwerke flexibler reagieren. „Wir nehmen gerne Hinweise entgegen, an welchen Stellen diese Steckdosen nötig sind“, sagt er. Wohnungsgesellschaften können beispielsweise Ladepunkte für ihre Mieter installieren lassen.

Er denkt aber auch weiter: Pflegedienste, Hausmeisterdienste oder Auslieferungsservices können ihre Fahrzeuge mit dem intelligenten System betanken. Und wenn Mitarbeiter den Wagen mit nach Hause nehmen, wird er dort aufgeladen – zum Tarif und auf Kosten des Arbeitgebers. Das „Smart Cable“ ist also, wie Reiner Timmreck betont, „die Tankkarte für Dienstwagen“.

„Wir wollen und müssen Vorreiter sein“

Als Modellkommune für Elektromobilität schließt sich bei diesen Gedankengängen die Stadt Iserlohn nicht aus: „Wir wollen und müssen Vorreiter sein“, sagt Mike Janke, Dezernent für Planen, Bauen, Umwelt und Klimaschutz. „Dienstlich, aber auch privat.“

Ist Elektromobilität teuer? „Die Preise fallen“, sagt Timmreck. Richtig: Das Auto ist teurer als ein normaler Verbrenner. Aber zum Beispiel bei einer jährlichen Fahrleistung von 12.000 Kilometern sind die Betriebskosten des Wagens um 700 Euro günstiger als bei diesem Verbrenner. Hinzu kommt, dass auch Inspektionen billiger sind. „Es gibt ja kaum Verschleißteile“, sagt Reiner Timmreck.

Bis Ende Oktober 2015 sollen 17 Ladepunkte in Iserlohn entstehen. Doch die  Nutzer von „Smart Cable“ sind nicht ausschließlich auf ihre neue Technologie angewiesen. Die Autos können auch an jeder anderen Ladestation betankt werden, dann allerdings natürlich zu den Tarifen, die die Station vorgibt.

„Smart Cable“ hingegen nimmt – bei einer entsprechenden Steckdose – immer den eigenen Tarif mit. So können Nutzer, die ihre eigene Energie beispielsweise durch Photovoltaikanlagen auf dem Dach produzieren, sie auch direkt laden. Das System fördert damit nicht nur den öffentlichen, sondern auch den privaten Ausbau regenerativer Energiegewinnung.

Die Vision von der duftenden Stadt

Der Strom im „Tank“ wird immer grüner. Damit möchte Reiner Timmreck all denen den Wind aus den Segeln nehmen, die gebetsmühlenartig vorrechnen, dass unsere Elektrizität, die zu großen Teilen aus Kohle-, Gas- oder gar Atomkraftwerken kommt, gar nicht CO2- und damit klimaneutral ist. Hier wird nämlich – auch durch das dahingehende Engagement der Stadtwerke Iserlohn, immer stärker auf regenerative Energien gesetzt.

Ulrike Badziura, städtische Klimaschutzbeauftragte, hat noch eine weitergehende Vision. „Die Stadt wird leiser und die Luft wird sauberer“, sagt sie. „Wir werden sogar in der City wieder die Natur riechen können.“ Bäume, Kräuter, Blätter, Blumen. Und wenn irgendwann wieder einmal ein Benzin- oder Dieselauto vorbeituckert, weiß jeder sofort: „Aha, da ist noch so ein alter Verbrenner.“