Iserlohn: „Ein Archiv für alle“

Seit einem halben Jahr leitet Rico Quaschny das Archiv der Stadt Iserlohn. Dort liegt jetzt auch die neue Broschüre aus, die zeigt, was das Archiv umfasst, was es tut und wie jeder Iserlohner - ob Laie oder Historiker - dieses große städtische Gedächtnis nutzen kann. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Rico Quaschny ist jung und neu in der Stadt. Erst seit einem guten halben Jahr wohnt der gebürtige Sachse irgendwo im Bereich der Gartenstraße, keine zehn Minuten Spazierweg von seinem Arbeitsplatz entfernt. Seit dieser Zeit hütet und pflegt der zugereiste Mittdreißiger ausgerechnet Iserlohns Langzeitgedächtnis, das städtische Archiv. Hat er schon Fuß gefasst als Neu-Iserlohner? Was hat ihn hierher verschlagen? Und: Kennt er es schon, dieses Iserlohn?

Der wochenkurier hat Rico Quaschny besucht in seinem Büro im Stadtarchiv ganz oben im Gebäude der Alten Post am Theodor-Heuss-Ring. Von hier aus geht der Blick nach hinten auf das Gymnasium An der Stenner, auf dessen Gelände einst eine der prächtigsten Villen im weiten Umkreis stand. Das Zuhause der Unternehmer-Familie Herbers würde heute kaum im Schatten der Essener Villa Hügel der Krupps stehen, wenn man es hätte erhalten können.

Schlüsselposition

„Ich will mir ein Bild der Herbers-Villa genau hier an die Wand zwischen den beiden Fenstern hängen“, sagt Rico Quaschny in seinem noch etwas spärlich ausgestatteten Büro. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt der große goldene Schlüssel, den er bei seinem Amtsantritt von seinem Vorgänger Götz Bettge überreicht bekam. „Den halte ich hoch in Ehren!“, bekräftigt der junge Diplom-Archivar. „Götz Bettge kommt oft vorbei. Von seinem kolossalen Wissen kann ich nur profitieren.“

Aus Lendringsen

Mit Iserlohn verbindet den gebürtigen Sachsen mehr als es zunächst den Anschein hat. „Ich selbst bin zwar in der DDR, in Freiberg, geboren. Aber meine Mutter stammt aus Hüingsen bei Lendringsen“, berichtet der 37-Jährige. „Ich habe dort immer noch reichlich Verwandtschaft. Meine Mutter war öfters im Westen und auch die West-Verwandtschaft hat uns gelegentlich besuchen können.“

Mit der Wende kam auch der damals 15-jährige Rico 1990 zum ersten Mal in die Heimat der Mutter und konnte noch seine 90-jährige Urgroßmutter in Lendringsen kennenlernen.

Spursuche in Westfalen

„Danach bin ich oft in den Ferien hier gewesen, habe angefangen Familienforschung zu betreiben, habe die Stadt- und Kirchenarchive des Umkreises unsicher gemacht und schließlich beschlossen, daraus einen Beruf zu machen“, erzählt Rico Quaschny. Er studierte im damals noch grauen, eher tristen Potsdam, hatte aber sein Augenmerk immer auf Westfalen. Ein Praxissemester verbrachte er in Westfalens größtem Adelsarchiv – in Herdringen bei Arnsberg. Andere Praktika führten ihn in Archive und Museen in Arnsberg, Münster und Menden.

13 Jahre im Bad

Mit gerade einmal 23 Jahren wurde der frischgebackene diplomierte Archivar als Leiter des Stadtarchivs von Bad Oeynhausen richtig in Westfalen sesshaft. Dreizehn Jahre lang hat er das dortige Archiv schwungvoll geleitet. Buchreihen, Führungen, Tage der offenen Tür, Projekte verschiedenster Art… – seine Begeisterung steckte an. Der dortige „Arbeitskreis für Heimatpflege“ zählte anfangs 50 Mitglieder, als Quaschny 2011 nach Iserlohn wechselte, waren es 200.

Neue, weite Arbeitsfelder

„Ich wollte mich verändern, suchte neue Herausforderungen“, begründet er seinen Wechsel in die Waldstadt, die ihm allein mit dem Thema Industriegeschichte nun ganz neue, weite Arbeitsfelder öffnet. Iserlohns Archivbestände reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück und spiegeln vielfältigste Aspekte einer bewegten Stadtgeschichte.

Das Team des Iserlohner Stadtarchivs (von links): Rico Quaschny, Tanja Marschall-Wach, Kathrin Schnegelberger, Sabrina Möller und Ricarda Spiekermann. (Foto: Claudia Eckhoff)

„Ein Archiv ist für alle da“

Kaum im Amt, stieß Rico Quaschny schon auf Spuren seiner Familie: Durch Zufall entdeckte er, dass seine inzwischen verstorbene Urgroßmutter um 1920 als Hausmädchen in einem Iserlohner Haushalt gemeldet war.

„Ein Archiv ist für alle da, für wissenschaftlich qualifizierte Fachleute genauso wie für alle Bürgerinnen und Bürger“, betont Quaschny. Öffentlichkeitsarbeit, Publikationen, Tage der offenen Tür, Vorträge… – all das soll es unter seiner Leitung geben.

Mitmacher willkommen

Und noch mehr: „Über unsere gesetzlich definierte Aufgabe hinaus gibt es eine Vielzahl von Arbeitsgebieten, die auch interessierte, engagierte Bürger ehrenamtlich übernehmen können“, sagt der Archivchef. Er hofft für die Zukunft auf Menschen, die sich für Iserlohns großes Gedächtnis stark machen möchten, in dem sie etwa an Aktionstagen mit anpacken oder langfristig zu bestimmten Themen Artikel sammeln oder für die Familienforschung Kirchenbücher kopieren

Wer mitmachen will, ist jetzt schon willkommen. Ein Anruf genügt!

Telefon 0 23 71 / 2 17 19 21