Iserlohn – Stadt der Ladendiebe

Meinolf Schlotmann, Leiter der Polizeiinspektion Nord (li.), und Ermittlungsleiter Peter Kurzawe erläutern die Kriminalstatistik für das vergangene Jahr. In Iserlohn zeigt sich eine positive Entwicklung. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Vorstellung und Wirklichkeit sind oft zweierlei. Beispielsweise in Sachen Handtaschenraub. Ein solches Delikt wird in einer Stadt wie Iserlohn wahrscheinlich täglich gleich mehrfach verübt, könnte man meinen und frau drückt aus rein theoretischer Angst heraus beim Gang durch die City vorsichtshalber das Täschchen fest an den Leib gepresst.

Tatsächlich ist die Gefahr, in Iserlohn die Handtasche weggerissen zu bekommen, gering. Im vergangenen Jahr 2010 sind nur ganze fünf Fälle aktenkundig geworden.

Auch in Sachen Jugendgewalt liegt die öffentliche Wahrnehmung mitunter weit neben der Wirklickheit. Überregionale Nachrichten über dramatische Ereignisse, in denen jugendliche Täter oft aus belanglosem Grund in einen wahren Gewaltrausch gegen andere geraten, färben die öffentliche Meinung und machen vielen Angst vor einer vermeintlich ganzen Generation von Gewaltbereiten.

Positive Entwicklung

Bei der Vorstellung der Kriminalstatistik konnte die Polizeiinspektion Nord Anfang dieser Woche dagegen insgesamt eine positive Entwicklung vorweisen. Die Anzahl der Straftaten ist im Bereich Iserlohn insgesamt 2010 im Vergleich zum Vorjahr gesunken, während gleichzeitig die Aufklärungsquote stieg.

Um 6,42 Prozent fiel die Zahl der in Iserlohn verübten Straftaten von 8007 im Jahr 2009 auf 7493 im Jahr 2010. Damit steht die Waldstadt deutlich besser da als das Land Nordrhein-Westfalen. Landesweit sanken die Zahlen der Straftaten nur um 1,1 Prozent. Noch besser sieht es in Punkto Aufklärung aus: Der landesweiten Quote von 49,9 Prozent stehen in Iserlohn 56,31 Prozent gegenüber.

Ladendiebstahl: Frauensache?

Insgesamt wurden 3433 Tatverdächtige ermittelt, denen 4219 Straftaten vorgeworfen werden. Die Tatverdächtigen sind zu 75,4 Prozent männlich und zu 72,7 Prozent unter 21 Jahre alt. Aber die Frauen holen auf! Der Frauenanteil etwa beim Ladendiebstahl, dem Delikt das mit 734 Fällen gleich 10 Prozent aller Straftaten ausmacht, liegt bei 39 Prozent, bei den jüngeren Tätern unter 21 Jahren sogar bei 41 Prozent.

Einkaufs- und Erlebnisfaktor

Bei der Vorstellung der Zahlen gab der Ermittlungsleiter in der Polizeiinspektion Nord, Peter Kurzawe, zu bedenken, dass Iserlohn als Einkaufsstadt mit größerem Einzugsgebiet zu sehen ist. Viele Menschen – besonders auch jüngere aus dem Umland – kämen in die Waldstadt zum Einkaufen. In kleineren Nachbarstädten mit weniger attraktivem Shoppingangebot spiele daher der Ladendiebstahl von vorneherein eine untergeordnete Rolle. Aber auch als Erlebnisstadt zieht Iserlohn besonders in den Abend- und Nachtstunden vor allem ein jüngeres Publikum aus dem ganzen Umraum in die Innenstadt.

Die Faktor Einkaufs- und Erlebnisstadt führe fast zwangsläufig dazu, dass die Zahl der jugendspefizischen Straftaten vergleichweise hoch sei.

Körperverletzung und Sachbeschädigung

Besonders im Abendbereich, wenn auch Alkohol im Spiel sei, komme es verstärkt im Innenstadtbereich zu Gewalttaten und Sachbeschädigungen. Mit im vergangenen Jahr 138 angezeigten Fällen hat die sogenannte „schwere Körperverletzung in der Öffentlichkeit“ nun einen Höchstwert innerhalb der letzten zehn Jahre erreicht. Es sind gleich 30 Fälle mehr aktenkundig geworden als noch 2009. „Das sind für uns Zeichen eines Werteverfalls“, so Peter Kurzawe über die Art und Weise, wie mehr und mehr vorwiegend junge Menschen miteinander umgehen. „Allerdings erleben wir auch, dass es immer schneller gleich zu Anzeigen kommt, weil offensichtlich frühere Streitregelungsmechanismen nicht mehr greifen.“

Sprich: Rund um Schulhof & Co. sind nicht unbedingt die Zahlen der Delikte angestiegen, wohl aber die der Strafanzeigen!

Stalking

Ähnliches gilt in Bezug auf Nachstellungen – oder auch „Stalking“. Nach Einführung des gesonderten Strafbestands „Nachstellung“ im Strafgesetzbuch können die Opfer nun endlich Anzeige gegen ihren Stalker erstatten. Und das tun sie verstärkt: 2010 gab es 40 Anzeigen im Vergleich zu 27 bzw. 26 in den Vorjahren.

Marktsättigung beim Kfz

Im Bereich Kfz-Delikte herrscht relative Ruhe. „Einerseits greifen da die Sicherungstechniken der Hersteller“, so Peter Kurzawe. „Und andererseits ist wohl eine Art Marktsättigung erreicht. Zur Zeit werden überwiegend liegengelassene Wertgegenstände wie Handtaschen oder Laptops aus den Fahrzeugen entwendet.“

Entschlossene Jugendarbeit

Insgesamt greift in Iserlohn die zielorientierte „Jugendarbeit“. Peter Kurzawe fasst zusammen: „In Iserlohn wird konsequent wirklich jeder Ladendiebstahl auch zur Anzeige gebracht. Wir greifen früh ein, nehmen uns die Zeit, jeden Ersttäter gründlich zu ‚besprechen‘ – wie wir es nennen. Damit können wir manche kriminelle Laufbahn verhindern, obwohl wir zunächst einmal eine höhere Zahl von Tatverdächtigen verbuchen müssen.“

Kommt es doch zu Haftstrafen bei jugendlichen Tätern, seien diese meist lang, weil der Erziehungsgedanke im Vordergrund stehe. So habe der junge Täter nach der Haft im Idealfall wenigstens eine abgeschlossene Ausbildung in der Tasche. Das sei für manchen vielleicht die letzte Chance.

Ob und wann die Waldstadt wieder einmal ins Visier sogenannter reisender Einbrecher-Banden gerät, weiß niemand zu sagen. „Zur Zeit haben wir zum Glück keinen solchen Besuch“, zeigt sich Peter Kurzawe erleichtert. Ausnahme: Metalldiebstahl!

Zivilcourage heißt „110“ anrufen!

Gemeinsam mit Ermittunlungsleiter Peter Kurzawe wirbt Meinolf Schlotmann, der Leiter der Polizeiinspektion Nord für Zivilcourage. „Die zeigt sich“, so Schlotmann, „nicht im Weggucken und auch nicht im Selber-gleich-Eingreifen, sondern im Sich-verantwortlich-Fühlen. Jeder sollte im Zweifelsfall auch seinem ‚komischen Bauchgefühl‘ Folge leisten und lieber einmal zu viel als einmal zu wenig die 110 anrufen. Das Eingreifen können die Bürger getrost uns überlassen.“