Iserlohner Feuerfinder durchbrechen Grenzen

Iserlohn. (clau) Die Darsteller fiebern ihrem Auftritt am Samstag, 4. Februar 2012, um 19 Uhr im Parktheater entgegen, wenn sich für das Musical „Firelands. Finde das Feuer“ der Vorhang der großen Bühne hebt.

Das begeisternde Musical „Firelands“, eine Multimedia-Bühnenshow aufgeführt von einem Ensemble ohne Grenzen, ist am Samstag, 4. Februar, um 19 Uhr nochmals im Parktheater zu sehen. (Foto: Carina Steding)

„Was wir hier auf die Beine gestellt haben, das ist der Wahnsinn“, sagt Rollstuhlfahrerin Brigitte Ziegler. Wie sie gehören zur Showtruppe etliche Rollstuhlfahrer, aber auch Menschen mit Behinderungen, psychisch Kranke, Laiendarsteller, Kinder, Profis und andere Theaterbegeisterte aller Art.

Das Musical „Firelands“, eine außergewöhnliche Multimediabühnenshow der Sozialpädagogin Carina Lucia Steding in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz Iserlohn, ist ein Glanzbeispiel dafür, welche Leistungen durch Begeisterung möglich sind, und es ist ein gelebtes Beispiel für das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. – So sieht es der Beirat für Menschen mit Behinderung und präsentiert deshalb das Musical bei seiner Jahresauftaktveranstaltung.

Drei Jahre Arbeit

„Wir arbeiten im Grunde seit drei Jahren an dem Stück, das wir ja schon mehrfach aufgeführt haben“, sagt Carina Steding. „Wir haben uns alle dabei ständig weiterentwickelt und immer wieder unsere Grenzen gesprengt.“ Höhen und Tiefen habe es reichlich gegeben. Manch harte Nuss sei zu knacken gewesen: „Manch einer war zuerst völlig verschlossen. Da ist es schwer, überhaupt ins Gespräch zu kommen, die Talente der Person zu entdecken, den Menschen zu öffnen.“

Die Sozialpädagogin bringt es auf den Punkt: „Wir haben unser Stück richtig gelebt. Es war und ist wie eine Therapie – aber für uns alle. Jeder von uns lernt dabei ständig dazu, übt das Durchhalten und überschreitet seine Grenzen.“

„Wir können was“

Rollifahrerin Brigitte Ziegler weiß es zu schätzen: „Wir erleben, dass wir etwas können. Dass wir das auch zeigen dürfen, gibt Lebensfreude und Kraft. Der Umgang mit psychisch Kranken etwa war auch für mich dabei ganz neu und hat mich bereichert.“

Eine völlig neue, für sie großartige Erfahrung macht sie draußen auf der Straße, wenn sie mit ihrem Rolli durch Iserlohn flitzt: „Dann sprechen mich oft Leute an. Die haben mich auf der Bühne gesehen und ihnen hat unsere Show gefallen.“

Sogwirkung

Diese 25-köpfige Theatertruppe bietet ein Erfahrungsfeld wie kaum eine andere. Deshalb schließen sich ihr immer mehr unterschiedlichste Darsteller an. Carina Stedings blinder Bruder Ricardo etwa saß zunächst nur im Publikum. Nun hat er Feuer gefangen und steht mit auf der Bühne. Die schwerhörige Veronica kommt aus Essen zu den Proben. Von der holländischen Grenze reist nicht nur die Bewegungspädagogin und Schauspielerin Anne Wesendonk an. Der 17-jährige Akrobat Jannis kommt jedes Mal aus Köln dazu und auch der Profi-Tango-Tanzlehrer Angel Landro findet hier bei „Firelands“ ganz neue reizvolle Herausforderungen und Erlebnisse, die ihn immer wieder faszinieren.

Grenzen überschreiten

„Wir sind vor den Aufführungen alle nervös“, sagt der musikalische Leiter Andreas Winter, der während der Show live singt und seinen Handstand nicht verzittern darf. „Das Lampenfieber macht uns zu schaffen, aber keine Behinderung.“

Regie-Assistentin Bettina Seib ist ebenfalls an ihren neuen Aufgaben gewachsen: „Früher war ich kontaktscheu, hab mich eingeigelt, nur in meiner Welt gelebt. Heute habe ich viele Kontakte, Freunde, lebe gesellig und arbeite ehrenamtlich in der Kleiderkammer des DRK mit.“

Claudia Weber, Carina Steding, Andreas Winter, Bettina Seib (stehend von links) und Rollifahrerin Brigitte Ziegler erleben die Arbeit an „Firelands“ als Therapie für alle. Behinderungen können sie und ihre 25-köpfiges Theatertruppe nicht ausbremsen. (Foto: Claudia Eckhoff)

Ähnlich erging es Claudia Weber, die „wie verrückt“ die feurigen Kulissen gemalt hat: „Ich hatte totale Berührungsängste. Jetzt habe ich hier eine Riesenfamilie gefunden und bin erstaunt, dass alles so einfach ist.“

Mit viel Menschenliebe

Wie gelingt es Sozialpädagogin und Tänzerin Carina Steding, diese Wandlungen und Entwicklungen zu ermöglichen?

„Ich habe kein Rezept“, sagt sie. „Das geschieht von selbst durch Menschenliebe, durch vorsichtiges Herantasten, Ansehen und Auftauen. Es ist einfach so: Es braucht nur echte, natürliche Gefühle. – Aber mit Samthandschuhen wird hier trotzdem keiner angefasst!“

Ein Exportschlager?

Das Ergebnis auf der Bühne wird vielleicht einmal zu einem Iserlohner Exportschlager. In Hemer und Essen ist die Truppe schon gefeiert worden. Am 18. März um 19.30 Uhr spielen sie im Theater im Depot in Dortmund, im Mai in Lendringsen, im Herbst in Stuttgart und vielleicht – ein großer Traum würde dann wahr – in Berlin.

Unterstützung willkommen

Die Truppe braucht langfristig einen Tour-Bus, mittelfristig eine größere Probenhalle (mindestens 100 Quadratmeter mit geeignetem Zugang, Sanitärbereich und Lager) und chronisch Geld. Allein im Fundus stecken mittlerweile rund 30.000 private Euros. „Ich spare nicht an der Ausstattung“, sagt Carina Steding, die mit ihrer Mutter über 100 Kostüme selbst entworfen und genäht hat. „Wir können wirklich was und das zeigen wir nicht in billigen Behelfsfummeln!“

Weitere Infos unter www.finde-das-feuer.de oder unter Telefon 0172/ 2771073.

Karten für die Aufführung am Samstag, 4. Februar 2012, gibt es noch beim DRK Iserlohn oder beim Kulturbüro.