Iserlohns Glocken auf der Spur

Von Claudia Eckhoff

Iserlohn. „Süßer die Glocken nie klingen als zu der Weihnachtszeit“ – so heißt es in dem bekannten volkstümlichen Weihnachtslied. Das bewegt mich als Redakteurin in diesem Jahr auf ganz wörtliche Weise: Ich bin dem Klang der Glocken nachgegangen – nachgestiegen! – bis in schwindelerregende Höhen.

Mein erster Besuch galt den Glocken der katholischen Aloysiuskirche am Hohler Weg. An einem knackig kalten, aber sonnigen Wintermorgen bin ich mit Egon Feind vor der Kirche verabredet. Gemeindemitglied Egon Feind ist Rentner und kümmert sich um alles Mögliche rund um die Aloysiuskirche. Bevor wir auf den Turm steigen, zieht er noch schnell ein paar Glühbirnen aus der Jackentasche und fügt sie flink in die Lichterkette des Tannenbaums vor dem Kirchenportal ein. „Diese Spezialbirnen kann keiner gebrauchen – aber geklaut werden sie uns trotzdem andauernd“, ärgert er sich.

Aufwärts!

Jetzt aber los! Rechts vom Haupteingang gehen wir die breite steinerne Wendeltreppe zur Orgelempore hinauf. Von da an wird der Weg hinauf deutlich schmaler. Nur noch hintereinander her erklimmen wir die Treppe, die von der Orgeletage aus steil nach oben steigt. Egon Feind geht voran. Er hat den Schlüssel für die alte Brettertür, die den Zugang zum Kirchturm versperrt. Dahinter in dem quadratischen Turmraum ist es gleich deutlich kälter. Hier fegt ein wenig der Wind, obwohl bunte Bleiglasfenster in den tiefen groben Fensteröffnungen des Turmes stecken. Es zieht trotzdem gewaltig. Wir sehen unseren Atem. Taubenfedern liegen auf der Erde. Die Stimmen und Tritte hallen in dem leeren steinernen Turm. Man fühlt sich an eine Burg erinnert. Wehrhaft, trutzig, für Jahrhunderte gebaut.

„Vorsicht!“

Mobiliar gibt es gar keins. Wir nehmen die nächste Treppe: Hölzern, schmal, steil. Nur nicht durch die offenen Stufen schauen! Nicht nach unten blicken! „Vorsicht“, ruft von jetzt an Egon Feind besorgt immer mal wieder.  Noch eine weitere solche Stiege müssen wir überwinden, noch eine Turmetage erklimmen bei immer herrlicherem Ausblick durch die kleinen zugigen Fensterchen über die verschneite mit Sonnenlicht überzogene Stadt.

Endlich oben

Endlich sind wir oben. Durch ein Gewirr aus mächtigen rohen Holzbalken müssen wir uns zwängen, um das Reich der gusseisernen Glocken zu erreichen. Hier hängen „Maria“ und „Aloysius“. Riesig, dunkel und tonnenschwer füllen sie den ganzen Raum. Um sie herum und über ihnen Konstruktionsbalken, Schwungräder, Haken, Seile, Kabel, zwei Motoren, ein Schaltkasten, ein einsamer Stuhl, Spuren von Tauben  Stille. Es ist düster in dieser anderen Welt so hoch über dem alltäglichen Getriebe der Menschen.

Stumme Riesen

Ich streiche vorsichtig über das Metall der großen Glocke „Maria“. Eiskalt. Und mächtig. Klopfen wir mal? – Ja, es klingt. Es klingt nach Glockengeläut, aber nur ganz leise. Sofort vibriert das tonnenschwere Metall. Der noch so leise Klang breitet sich um uns aus wie ein breiter Teppich.

In der Mitte hängt der Schlegel jetzt bewegungslos, aber vorne und hinten ist er ganz blank wie poliert genau wie die Stellen der Glockeninnenseite, die er trifft, die er schon abertausend Mal getroffen hat. Direkt unter der riesigen Glocke zu stehen macht Angst. „Wenn jetzt plötzlich ..“ – bloß nicht weiterdenken!

„Hier! Das ist der eiserne Hammer, der von außen zu den Viertelstunden auf den Glockenrand schlägt“, sagt Egon Feind. „Die Glocken werden durch die Motoren in Schwung gebracht. Das wird über einen Schalter in der Sakristei geregelt. Man muss ein bisschen eher anschalten, damit pünktlich um 12 Uhr das Glockenläuten ertönt. Die Glocken sind so schwer. Das dauert, bis sie vollen Schwung haben und der Schlegel auch die Glocke trifft und der Ton erklingt.“

Am besten rückwärts

Wir machen uns wieder an den Abstieg. „Am besten rückwärts. Und Vorsicht, bitte“, mahnt Egon Feind. Recht hat er. Diese senkrechten Hühnerleitern haben es in sich. Die Kamera stopfe ich in die Manteltasche, den Block klemme ich unter die Achsel, damit ich nur ja beide Hände frei habe zum Festklammern an staubigen Stufen und kalten Geländern.

Auf halber Höhe wechseln wir die Türme. Egon Feind öffnet eine Stahltür. Wir müssen uns katzenhaft klein machen und den Kopf bis an den Bauch ziehen, um uns unter den Balken durchzuquetschen. Und dann tut sich eine fantastische Welt vor uns auf.

Fantastische Welt

Wir befinden uns im Reich zwischen Himmel und Erde! Über uns erhebt sich spitz der langgestreckte First des Kirchendaches, unter uns liegen hingestreckt wie schlafende graubraune oder weiße riesige Elefanten die Gewölbe des Kirchenschiffes. „Die sind mit Isoliermatten belegt“, erläutert Egon Feind. Dazwischen erstreckt sich ein Gewirr an Pfosten, Balken und hölzernen Stegen, die es erlauben – „Vorsicht!“ – hier oben in alle Ecken und Winkel des Kirchendaches zu klettern. „Einmal monatlich etwa schaue ich hier nach dem Rechten, ob alles dicht und trocken ist“, sagt Egon Feind. „Ich habe mir eine Konstruktion gezimmert, mit der kann ich von hier oben aus ganz bequem den Adventskranz über dem Altar hochziehen.“

Nachdem wir uns aus diesem seltsamen Elefanten-Labyrinth losgerissen und wie beabsichtigt auch noch „Michael“ und „Pankratius“ in ihrer Turmstube besucht haben, kommen wir atemlos wieder „auf Erden“ an.

Bronzeglocken?

Wir treffen Ulrich Schnaas. Der heutige Rentner war 25 Jahre lang Pfarrer der Aloysiuskirche. „Eine meiner ersten Amtshandlungen war, das morgendliche Glockengeläut von vorher 7 Uhr auf 8 Uhr umzustellen“, schmunzelt er.

Zu gerne hätte er Bronzeglocken gehabt. „Aber die kann ja keiner bezahlen!“ Den ursprünglichen Glocken von St. Aloysius war es ergangen wie den meisten Kirchenglocken aus Edelmetall: Sie mussten 1917 zu Kriegszwecken abgeliefert werden und wurden eingeschmolzen. Erst 1920 konnte die Gemeinde neue – die heutigen – Stahlglocken anschaffen. „Aloysius“ ist auf „h“ gestimmt und wiegt 1773 Kilogramm, „Michael“ ist auf „d“ gestimmt und wiegt 1490 Kilogramm, „Maria“ klingt auf „e“ bei 1387 Kilogramm und „Pankratius“ ist mit seinem „fis“ und 1260 Kilogramm in diesem Quartett der Benjamin. „Kein Wunder, dass eine unserer Glocken dem Heiligen Pankratius gewidmet ist“, lacht Pfarrer Schnaas. „Immerhin hat dieser Heilige es geschafft, die zweihundert Jahre, während der es in Iserlohn keine katholische Kirche – und also auch keine Heiligenverehrung – gab, zumindest im Stadtwappen zu überstehen. Wenn auch ohne Heiligenschein!“

Das Läuten der Glocken

Die Glocken läuten täglich dreimal: Um 8, um 12 und um 18 Uhr. Ihr Klang gliedert den Tag und ruft die Menschen zum Gebet und zum Gottesdienst. „Bei jedem Läuten der Glocke ruft sie die Gläubigen auf, das sogenannte Angelus-Gebet – ,Der Engel des Herrn‘ – zu beten“, erläutert Pfarrer Schnaas. „Früher hatten die Menschen auf dem Lande und in den Dörfern meist noch keine eigenen Uhren. Wenn die Glocken läuteten, ruhte kurz die Feldarbeit zum Gebet und man richtete die Mittagspause oder auch den Feierabend nach den Glocken aus.“

Heute, so weiß Pfarrer Schnaas nur zu gut, hapert es mit der religiösen Erziehung zuhause. „Den meisten Kommunionkindern müssen wir sogar das ‚Vater unser‘ erst beibringen. Wie viele Menschen im Alltag beim Angelusläuten das ‚Der Engel des Herrn‘ wohl noch beten oder es überhaupt kennen?“

Fasten mit den Ohren

Zur Messe an Werktagen läutet nur eine Glocke, zu weniger bedeutenden Feiertagen zwei Glocken, beim Patronatsfest natürlich alle. Die Küsterin hat das in der Hand. Ein Kalender hilft ihr, keinen Feiertag zu übersehen. Sie stellt das Geläut für den Tag ein.

„In der Fastenzeit läuten immer nur drei Glocken“, erklärt Pfarrer Schnaas. „Da fastet man nicht nur mit dem Bauch, sondern auch mit den Augen – der Flügelaltar wird zugeklappt – und eben sogar mit den Ohren.“