Jugendkriminalität: Einsatz für die Prävention

Iserlohn. (saz) Sichtlich bewegt beendete Sascha Bisley
seine Lesung im Jugendzentrum Iserlohn, die im Rahmen der Aktionswoche „Wir sind
das Jugendamt“ stattgefunden hat. Und auch im vorwiegend jungen Publikum war die
Wucht seiner Erzählung am vergangenen Dienstag, 27. September, deutlich zu
spüren.
Mit 20 fuhr der heute 43-Jährige in den Knast ein. Er und ein Kumpel hatten
im Alkohol- und Drogenrausch einen Obdachlosen im Park auf brutale Weise
verprügelt und mit einem Messer traktiert. Monate später, noch nach der
Verhandlung, starb der Mann an den Folgen der Tat
Als die Polizei am nächsten Morgen vor der Tür stand, um Bisley und seinen
Mittäter festzunehmen, erinnerte er sich nicht daran, wie er nach Hause gekommen
war, wohl aber noch an die im Rausch begangene Tat.
Verhaftung
Bisley begann die Lesung eben mit dieser Verhaftungsszene. Die Tat selbst,
die im Buch auch haarklein geschildert wird, kann er nicht mehr vorlesen. „Das
habe ich ein paar Mal gemacht und das war nicht gut“, erklärt er. Die folgenden
Tage seien für ihn katastrophal gewesen. Auch wenn die Ereignisse schon so lang
her sind, er hat immer noch daran zu knacken: „Vielleicht verdiene ich es, öfter
in meinem eigenen Buch zu blättern.“
Bis heute kann er kaum fassen, dass er für eine sehr schwere Tat eine milde
Strafe bekommen hat. Das lag vor allem daran, dass Jonathan, sein Opfer, ihm am
Verhandlungstag in die Augen sah, ihm die Hand reichte und ihm verzieh. Weil
Bisley ihm zuvor einen Brief geschrieben hatte, in dem er sich entschuldigte.
Fassungslos nahm der damals 20-Jährige diese Absolution entgegen – und verließ
den Gerichtssaal als freier Mann.
Damals Glück, heute Pech
Schon früh bewegte Bisley sich in den Fängen der Illegalität, doch meist ging
es für ihn glimpflich aus. „Zeugen wurden von der Gang bedroht, viele Anzeigen
zurückgezogen“, erinnert er sich an die Zeit vor dem Knast. „Damals empfand ich
das als Glück, heute eher empfinde ich es als Pech. Ich bin mir sicher, hätte
ich eher mal den Kopf hinhalten müssen, wäre alles anders ausgegangen.“
Deswegen hat er nach seiner Zeit im Knast angefangen, sich gegen
Jugendkriminalität stark zu machen. „Die Schuld ist zwar noch da, aber sie hat
sich zu einem Motor entwickelt“, sagt er. „Mit meiner Arbeit bekomme ich so viel
positiven Zuspruch, dass ich mir sicher sein kann, Menschen helfen und sie
inspirieren zu können.“
Im Auftrag von Jugendämtern gibt er Kurse zur Gewaltprävention in Schulen und
Gefängnissen. Und er liest aus seinem Buch, dient selbst als abschreckendes
Beispiel.
Hilfe vor Ort
Prävention hat sich auch die Iserlohner Jugendgerichtshilfe in Kooperation
mit dem Verein „Knackpunkt“ und der anonymen Drogenberatungsstelle (DROBS) auf
die Fahne geschrieben. Im Auftakt zur Lesung stellten sie ihre Arbeit in
Iserlohn genauer vor.
Die Aufgabe der Jugendgerichtshilfe besteht vor allem darin, sich der
jugendlichen Straftäter anzunehmen und in Erstgesprächen den persönlichen Bedarf
der zumeist zwischen 14- und 21-Jährigen zu erkennen. Ist beispielsweise jemand
im Zusammenhang mit Drogen straffällig geworden, ist zu klären, ob eine
Abhängigkeit besteht. Sollte diese festgestellt werden, wird die anonyme
Drogenberatungsstelle hinzugezogen, die sich individuell auf den Täter oder die
Täterin einlassen kann. Dabei ist es den Beteiligten wichtig, dass bei einer
Abhängigkeit zunächst nicht die Strafe, sondern viel mehr eine Therapie im
Mittelpunkt steht.
Straftat als Chance
Im Fall der Jugendkriminalität kann die Straftat selbst auch als Chance
gesehen und genutzt werden. Deswegen gehen alle Beteiligten von
Jugendgerichtshilfe, DROBS und „Knackpunkt“ zunächst einmal die Ursachen an und
betrachten nicht nur die Straftat, sondern den Menschen, der dahinter steckt. Er
und auch sein Umfeld werden ganzheitlich betrachtet und diese Informationen zur
Verhinderung weiterer Straftaten genutzt.
Keine Angst machen
Dabei ist es aber natürlich immer nötig, dass der oder die Jugendliche bereit
ist, Hilfe anzunehmen. „Deswegen ist es wichtig, in kurzer Zeit eine
Vertrauensbasis aufzubauen. Das geschieht bei uns bereits im Erstgespräch“,
erklärt Kerstin Fiedler, die bei der Stadt für die Jugendgerichtshilfe zuständig
ist. „Auf die Tat gehen wir eigentlich erst später ein, nachdem wir ein Gefühl
für die Jugendlichen bekommen haben. Wir wollen ihnen keine Angst machen,
sondern unsere Hilfe anbieten.“
Daher sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stets neutral und beraten in
ihrer Tätigkeit auch Gericht und Staatsanwaltschaft. Mit ihrem Hintergrundwissen
haben sie die Fähigkeit, die richtigen Erziehungsmaßnahmen vorzuschlagen. Dabei
haben sie immer die Zukunft des jugendlichen Straftäters vor Augen. Es geht
nicht so sehr um Bestrafung, sondern viel mehr darum, künftig weitere Straftaten
zu vermeiden.