Jugendliche bringen Frieden: „Mit Gewalt nie!“

Diese Jungs haben viel vor: Ihre selbstgebaute Seifenkiste geht bald mit ihnen auf die „Fahrt gegen Gewalt und für den Frieden“. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Faustdick oder handfest? Um diese Frage geht es 24 Jugendlichen seit einem halben Jahr. Sie wollen in ihr eigenes Leben starten, selbstständig sein, zu ihrem Recht kommen und etwas erreichen. Die Faust soll dabei in der Tasche bleiben. Sie wollen ihr Leben lieber gekonnt in die geschulte Hand nehmen und es so auf die Gewinnerseite des Lebens schaffen.

Kevin, Andreas, Christopher, Patrick, Karim und Zakaria nehmen zur Zeit mit achtzehn anderen Jugendlichen an einem halbjährlichen Integrationsprojekt teil. Jetzt kurz vor dem Ende ihrer Zeit können sie in den Werkstätten des Bildungsunternehmens Tertia an der Iserlohner Hansaallee die Werkstücke vorzeigen, mit denen sie nach den Ferien unter dem Titel „Mit Gewalt geht‘s nie!“ zwei Schulen im Märkischen Kreis besuchen wollen.

Talent vorhanden

Ihre nach allen Regeln der Kunst geschreinerte windschnittige „Formel-Eins“-reife Seifenkiste lassen sie schon mal stolz zum Pit-Stop in der Holzwerkstatt vorfahren. Die von ihnen geschaffenen hölzernen Schachteln mit Klappdeckel sind fein verzapft und nicht etwa bloß laienhaft genagelt. Kein Zweifel: Talent ist da – und mancher könnte was werden.

„Wir haben in Lüdenscheid eine große Baumwurzel bearbeitet“, erzählt Christopher. „Eine Hand, ein Peace-Zeichen, aber auch den Stinkefinger haben wir hineingeschnitzt.“ Das war harte Arbeit an hartem Eichenholz. Andreas spricht von der Feinarbeit und dem Dremel, Kevin dagegen fühlt sich eher zuständig für die Sauberkeit in der Werkstatt und die Materialverwaltung.

Wenn die Truppe im Januar an die Schulen geht, um für Gewaltfreiheit zu werben, soll die Seifenkiste mitkommen, vielleicht wie eine Litfaßsäule mit passenden Zeitungsartikeln beklebt. Man tüftelt noch daran.

Eigene Wurzeln schlagen

Die Wurzel, die die jungen Botschafter der Gewaltfreiheit dann ebenfalls begleiten soll, steht für mehr als nur das unterirdische Teil eines abgesägten Baumes. Sie ist auch ein Symbol. Anti-Aggressionstrainer und Coach Thomas Rückwald, der einmal wöchentlich mit den Jugendlichen arbeitet, sagt: „Eine Wurzel steht für Fuß-Fassen, Verwurzelt-Sein, für Standfestigkeit, für Halt, für Sicherheit, für Kraft.“

Mit Anti-Gewalt-Trainer Thomas Rückwald lernen die jungen Männer nicht nur am Sandsack und auf der Matte, die beiden „A“ zu beherrschen, die einem das Leben ganz schön schwer machen können: Aggression und Angst. (Foto: Claudia Eckhoff)

Ohne Wurzeln kein Baum – ohne eigene Wurzeln auch kein in sich gefestigter Mensch.

„Gewisse Verhaltensmuster“

Jörg Otto vom Jobcenter des Märkischen Kreises, dem Auftraggeber der Tertia bei diesem Integrationsprojekt, weiß, was das für seine Vermittlungsarbeit im Alltag bedeutet. „Gewisse Verhaltensmuster mancher der jungen Menschen, die wir betreuen, sind suboptimal.“

An Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Temperament muss oft noch gearbeitet werden. Talent hin oder her, wer allzu undiszipliniert daher kommt, kriegt oft keine zweite Chance mehr.

Selbstvertrauen lernen

Etliche Jugendlichen, die an diesen Klippen scheitern, haben vielschichtige Startschwierigkeiten. „Wer beispielsweise sein halbes Leben lang Probleme mit den Eltern hatte, vernachlässigt oder misshandelt wurde, der hat es einfach schwerer als andere, Autoritäten anzuerkennen“, sagt Coach Thomas Rückwald. „Dem fehlt das Selbstvertrauen. Und der Selbstwert. Der lernt erst langsam, dass es zuverlässige Menschen gibt, die sich wirklich für ihn interessieren. Der hat wohlmöglich ein verdrehtes Frauen- oder Männerbild. Der muss an seinen inneren Landschaften lange und mühsam arbeiten.“

Viel Unterstützung

Dabei bekommen die jungen Menschen im Projekt viel Hilfe. An fünf Tagen in der Woche werden sie geschult. Viel Zeit verbringen sie mit ihren Handwerksmeistern bei der Arbeit in den Werkstätten – immer betreut und unterstützt durch die Sozialpädagoginnen Monika Langwald beziehungsweise Heike Henkel. So können sie vieles kennenlernen, ihre Talente und Interessen ergründen. Ob Klimmzüge an der Metallstange in der Werkstatt, Kickerrunden im Nebenraum oder Training am Sandsack – sie dürfen Luft ablassen, sich bewegen, im Kraftakt freilassen, was sich in ihnen aufstaut.

Im Nahkampf

Die Lüdenscheider Gruppe hat diese Eichenwurzel in ein Kunstwerk verwandelt, das für Gewaltverzicht spricht. (Foto: GFA)

Coach Thomas Rückwald kommt einmal wöchentlich zur Truppe. Dann steht Nahkampf auf dem Programm, Sandsackboxen, Krafttraining. Zusammen mit ihm gehen die Jugendlichen der Gewalt auf den Grund. „Aggression und Angst – die beiden gehören einfach zusammen“, sagt er. „Wer da rauskommen will, muss beidem begegnen und beide meistern lernen.“ Dabei hilft es durchaus, sich ein wenig im Paragraphendschungel des Strafgesetzbuches auszukennen…

Die Projektpartner

Je zwölf arbeitslose junge Menschen arbeiten seit dem 11. Juli in der Iserlohner und in der Lüdenscheider Gruppe daran, ihren Frust zu bewältigen und langsam auf die eigenen Beine zu kommen. Träger der Maßnahme sind das Jobcenter Märkischer Kreis und die Gesellschaft zur Förderung der Arbeitsaufnahme (GFA), eine Tochtergesellschaft der Tertia-Gruppe, in deren Räumlichkeiten und Werkstätten die Schulungen stattfinden.

Alle Beteiligten müssen sich allerdings Sorgen machen um die Zukunft des wegweisenden Projektes: Wenn die Bundespolitik kein Einsehen hat, werden bald die Gelder ausgehen, mit denen die aufwendige Maßnahme finanziert wird.