Keine Angst vor der Unendlichkeit

Die 2. Hütten-Station auf der Tour zum Mont-Blanc-Gipfel liegt auf 2800 Metern. (Foto: Quiring)

Iserlohn. (clau) Er gehört zur Generation der neuen jungen „Grauen“ und hat soeben eine echte Glanzleistung hingelegt. Waldemar Quiring hat am Freitag, 23. September, ganz oben gestanden. Nach dreitägigen Strapazen in oft senkrechtem Fels und ewigem Eis hatte er mit seinem Bergführer den Gipfel des Mont Blanc, den mit 4810 Metern höchsten Berg der Alpen, endlich bezwungen. Für den 60-Jährigen ging damit ein jahrelanger Traum in Erfüllung.

Mit der Bergwelt fühlt sich der gebürtige Kirgise seit frühester Kindheit verbunden. „Meine Heimat erinnert ein wenig an Österreich. Mehr als die Hälfte von Kirgistan ist gebirgig. Ich bin einfach mit Berg und Tal aufgewachsen.“

Gipfellust erst mit 45

Im Jahr 1980 kam der Wasserbau-Ingenieur mit seiner Familie nach Soest. Seit 1990 lebt er in Iserlohn. Und immer wieder hat es ihn in die Berge gezogen. Urlaub in den Alpen hieß es Jahr für Jahr. Sportlich war Waldemar Quiring sein Leben lang: In jungen Jahren bestritt er Wettkämpfe im Ringen, später trainierte er regelmäßig in Fitnessstudios und spielte Fußball. Im Alpenurlaub aber ließ es der vierfache Vater zunächst eher gemächlich angehen.

Erst mit 45 Jahren erwachten in ihm die Lust und der Ehrgeiz, „ernsthafte Touren“ zu unternehmen und die Gipfel zu stürmen.

Zusammen mit einem jüngeren ebenfalls bergbegeisterten Arbeitskollegen bezwang er den Großglockner, den Piz Palü und mehrere andere gewaltige Gipfel. Jedes Jahr wollten sie sich steigern, immer höher hinauf. Der Dom reizte sie. Und natürlich der Mont Blanc.

Gern hätte Waldemar Quiring neben der Soester Fahne hier oben auch die Iserlohner Fahne über dem Dach der Alpen wehen lassen, aber es hat nicht sollen sein. (Foto: Quiring)

Aber dazu kam es nicht mehr. Der Freund hatte Knieprobleme.

Nur mit Bergführer

„Und dann dachte ich irgendwann, die Zeit rennt mir weg“, sagt der heute sechzigjährige Gipfelbezwinger. Als sich im September ein stabiles Hoch über den Alpen abzeichnete, nahm er sich spontan Urlaub. Im schweizerischen Chamonix fand er in Michael Schneider einen deutschstämmigen erfahrenen Bergführer, dem er vertraute.

Auf 2800 Metern

Am 21. September früh morgens brachen die beiden auf zu einer Drei-Etappen-Tour in Richtung Mont-Blanc-Gipfel.

„Die erste einfache Holzhütte liegt auf 2800 Metern“, erzählt Waldemar Quiring. „Bis dahin gelangen noch viele Wanderer. Die ist im Sommer geradezu überlaufen. Die Hütten werden per Hubschrauber beliefert. Sie sind klein, einfach, aber gut organisiert.“

Auf 3800 Metern

Die zweite Hütte auf 3800 Metern erreichen schon nur noch wenige Bergsteiger. Die Luft wird am zweiten Tag dünn und eisig. Der oft äußerst schwierige Pfad führt über gefrorenen Schnee. Stellenweise geht es über erschlossene Felswände anhand von Stahlseilen senkrecht bergauf. „Das ist konditionell sehr anstrengend“, berichtet der gut trainierte Waldemar Quiring. „Und man darf einfach keine Angst haben vor dem Blick nach oben oder unten ins fast Unendliche.“

Die letzte Etappe

Geschafft! Waldemar Quiring (l.) und Bergführer Michael Schneider erreichen nach drei strapaziösen Tages-Etappen auf 4810 Metern den Gipfel des Mont Blanc. (Foto: Quiring)

Die schwierigste, aber auch interessanteste Etappe wartete am dritten Tag, 23. September, auf die beiden Bergsteiger. Um kurz vor vier morgens starteten sie mit Steigeisen, Pickel, Seilen und Bolzen. „Die Luft wurde immer dünner. Ich habe versucht, nur kleine Schritte zu machen, rhythmisch den Atem zu pumpen und den Eispickel als Stütze zu nutzen“, schildert der Iserlohner die letzten Anstrengungen – nun vollends im Gletscherbereich. „Mein Bergführer hat zu grummeln angefangen, weil er fürchtete, ich würde es so nicht schaffen. Aber ich kenne mich.“

Auf dem Gipfel

Und er hat es geschafft! Um 12 Uhr konnten sich die beiden auf dem Gipfel des Mont Blanc in die Arme fallen und dann zwanzig Minuten lang die grandiose Aussicht auf die Bergwelt genießen. „Es herrschen dort Minus 15 Grad und es ist sehr windig“, berichtet der Iserlohner Gipfelstürmer. Schwarzblauer Himmel, ein Meer von Berggipfeln in der Tiefel, Federwolken am fernen Horizont „Das macht einfach glücklich. Man fühlt sich ein wenig trunken. – Ich habe dann noch schnell die mitgebrachte Soester Fahne gehisst – eine Iserlohner Fahne hatte ich leider vor meiner Abreise nirgendwo mehr auftreiben können -, und dann begann der mörderische Abstieg ohne Zwischenübernachtung.“

Es ging fast im Laufschritt bergab. Waldemar Quiring glaubte, ihm würde das Kniegelenk zerspringen. Auf 1800 Metern nahmen die beiden die Zahnradbahn und waren um 19 Uhr an der Talstation. Dort zeigte das Thermometer sommerliche 20 Grad an.

Nur noch Mensch

„Im Hochgebirge ist man nicht mehr Maurer oder Professor, Italiener oder Inder – da ist man einfach nur noch Mensch, ganz offen. Das ist absolut gut“, sagt Bergsteiger Quiring über die menschliche Seite des Gipfelstürmens.