Kinder brauchen eine „Nummer gegen Kummer“

Iserlohn. (clau) Kinder brauchen jemanden zum Reden. Sie suchen Rat, wollen sich aussprechen oder auch einmal Unaussprechliches loswerden. Oft aber fehlt in der Nähe der geeignete Mensch, dem sie sich offenbaren wollen. Immer dann ist es gut, dass es die bundesweite „Nummer gegen Kummer“ gibt.

Schon seit sieben Jahren engagiert sich die 34-jährige zweifache Mutter Svenja Putscher für das Kinder- und Jugendtelefon in Iserlohn. Wer ebenfalls mitmachen möchte, kann im Juni in die nächste Beraterausbildung einsteigen. (Foto: Claudia Eckhoff)

In Iserlohn wird das Kinder- und Jugendtelefon unter der landesweiten Nummer 0800 / 1110333 von einem Kreis aus rund 30 ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut. Dazu gehört seit bereits sieben Jahren Svenja Putscher, selbst Mutter zweier Kinder im Alter von 5 und 8 Jahren.

Riesiger Bedarf

„Der Bedarf ist riesengroß“, sagt die Iserlohnerin. „Wenn wir den Dienst in unserem Büro beginnen, hören wir schon vor der Tür, wie es drinnen klingelt. Und es klingelt und klingelt in einem fort. Sobald ein Gespräch beendet ist, klingelt es sofort von Neuem.“

Montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr ist die Nummer geschaltet. Mehr geht nicht. Später am Abend und leider am ganzen Wochenende muss die Nummer bisher unbesetzt bleiben.

„Die Gespräche sind manchmal ganz kurz“, erzählt Svenja Putscher. „Eine kurze Frage, ein kleiner Scherz oder wir kriegen einen Song vorgespielt und werden dann gefragt, wie er uns gefällt. – Sehr häufig sind das wahrscheinlich Testanrufe. Dann wollen die Kinder erst einmal herausfinden, wie das läuft und wer da am anderen Ende der Leitung sitzt und ob sie ihm oder ihr vertrauen wollen.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Die meisten Gespräche dauern etwa eine Viertelstunde. Da geht es um die erste Liebe, um Fragen zur Sexualität, zur Verhütung. Schulprobleme, Konflikte mit Lehrern, Mobbing – die Sorgen der Kinder und Jugendlichen sind vielfältig. „Wir haben ein spezielles Lexikon griffbereit, um Fragen nach körperlichen Belangen gut und richtig beantworten zu können“, berichtet Svenja Putscher. „Hauptsächlich leisten wir Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn die Kinder uns ihre Postleitzahl nennen, können wir ihnen anhand unserer Listen die nächstgelegene Beratungsstelle oder Pro-Familia-Adresse nennen. Wir versuchen weiterzuleiten an Vertrauenslehrer, Eltern, Ärzte oder auch das Jugendamt.“

Auch um ganz harte Sachen geht es mitunter: Um Gewalt, Missbrauch, Drogen oder Freitod. „Das berührt sehr“, so erlebt es Svenja Putscher. „Wenn ich dann nach Hause fahre, mache ich nie das Autoradio an. Dann brauche ich erst einmal Ruhe, um wieder in meiner eigenen Wirklichkeit anzukommen.“

Ohne Worte

Besonders unter die Haut gehen die Schweigeanrufe. „Da herrscht ewige Minuten lang Stille in der Leitung“, berichtet die 34-Jährige. „Vielleicht hört man zwischendrin mal ein Seufzen, sonst nichts. Und dann wird aufgelegt. – Man ahnt dann, wie sehr da jemand in Not ist und gar nicht reden kann.“

Erwachsene, die sich einsetzen am Hörer des Kinder- und Jugendtelefons brauchen eine positive Grundeinstellung und ein offenes Ohr, aber auch die Kraft, sich gegen Provokationen und Scherzanrufe durchzusetzen. Sie müssen sensibel sein für die leisen Töne und dürfen sich nicht runterziehen lassen, von dem, was ihnen telefonisch begegnet. Ohne Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Meinungen, Kulturen und Religionen geht es nicht.

Neu-Einstieg im Juni

In der Regel verbringen die ehrenamtlichen Berater, die zwischen 20 und 65 Jahre alt sind, wöchentlich einmal zwei Stunden am Telefon.

Wer Interesse hat, kann im Juni die nächste Beraterausbildung mitmachen, die sich über 110 Stunden bis März 2013 erstreckt. In einer intensiven Schulung dienstags abends und an drei Samstagen werden die neuen Berater vorbereitet. Team-Supervisionen, Themenabende und Fortbildungen helfen zu helfen, ohne sich selbst zu verschleißen.

Ein Geben und Nehmen

Svenja Putscher hat ihren Einstieg in die „Nummer gegen Kummer“ nie bereut: „Es ist ein Geben und Nehmen. ,Vielen Dank, du hast mir echt geholfen. Es war total nett mit dir.‘ – So was höre ich oft und es macht mich froh.“

Weitere Informationen zur ehrenamtlichen Mitarbeit, zu Spenden oder zur einer Fördermitgliedschaft gibt es unter Telefon 02371 / 660-674 oder 0177 / 3736598 sowie im Internet.