Kindheit unterm Hakenkreuz

Hemer. (clau) Wenn ihn damals seine Mutter nicht kurzerhand im heimischen Keller der Sundwiger Mühle eingesperrt hätte, wäre der zwölfjährige Ernst wohlmöglich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges noch ums Leben gekommen. Das Hitler-Regime schickte mit dem so genannten „Volkssturm“ seine allerletzten Kräfte – schlechtausgerüstete Jungen und Rentner – in eine aussichtslose Endschlacht.

Die 13-jährige Paula staunt über die Erinnerungen des Hemeraners Ernst Alberts. Welten trennen ihre Kindheit heute von seiner damals unterm Hakenkreuz. (Foto: Claudia Eckhoff)

„Ich wollte da unbedingt mit. Natürlich! Ich war doch von der Sache überzeugt und wollte dabei sein und mitkämpfen. Als Pimpfe waren wir sogar an der Waffe ausgebildet worden und hatten den Kampf immer wieder in Geländespielen geübt“, sagt der heute 80-jährige Ernst Alberts aus Hemer. „Ich wäre am liebsten hinterhergelaufen. So verblendet war ich.“

Etliche Freunde sind umgekommen. Einer verlor seinen Arm. Auf dem Waldfriedhof in Hemer sieht man noch heute die Gräber erst 17- oder 18-Jähriger, die in den letzten Kriegstagen ihr junges Leben für das so genannte „Tausendjährige Reich“ lassen mussten.

Alles Lüge und Angst

Nach dem Krieg zerfiel das bisherige Weltbild des jungen Ernst innerhalb kürzester Zeit. „Endlich wurde wieder offen gesprochen. Die Zeitungen waren nicht mehr geknebelt. Die Wahrheit kam schlagartig ans Licht“, erinnert er sich. „Die Amerikaner zeigten uns Dokumentarfilme über die Gräuel, die unter der Nazi-Herrschaft geschehen sind. Wir mussten uns das ansehen. Selbst mir jungem Bengel wurde innerhalb von Minuten klar, dass man meine ganze Generation nur belogen, betrogen und benutzt hatte, dass das ganze System nur auf Angst und Lüge aufgebaut war.“

Dass er selbst in seinem bisherigen Denken auf einer „ganz falschen Spur“ war, blitzte in ihm auf. Was hatte er nicht alles für einen schlimmen Unfug gelernt in den ersten zwölf Jahren seines Lebens…

Harmlose „Umerziehung“?

„Sicher wusste man, dass es Konzentrationslager, sogenannte ,KZs‘, gab“, sagt Ernst Alberts, das zweite von vier Kindern des damaligen Müllers der Sundwiger Mühle. „Das stand ja sogar in den Zeitungen. Dahin kamen Querdenker und Staatsfeinde wie etwa Kommunisten zur Umerziehung – so hieß es. Was da wirklich geschah, erfuhr ja niemand. Selbst die, die aus einem KZ zurückkehrten, sagten kein einziges Wort über das, was sie erlebt hatten.“

Freiheit gegen Schweigen

In einem Fall handelte es sich um den Vater einer Schulkameradin. Der Mitarbeiter des Messingwerks in Sundwig war von den Schergen des Regimes wegen seiner kommunistischen Gesinnung abgeholt und in ein KZ verschleppt worden. „Da hat das Werk protestiert! Kriegswichtig sei der Mann! – Man hat ihn tatsächlich wieder entlassen“, berichtet Ernst Alberts. „Aber auch der hat – zumindest außerhalb seiner privaten vier Wände – nicht darüber gesprochen, wie es in den Konzentrationslagern zuging. Es wäre ihm wohl schlecht ergangen, wenn er es getan hätte.“

Die Juden – keine Frage

Die Juden seien Abschaum, Untermenschen, an allem schuld und der Untergang des Deutschen Reiches – so hatten es der junge Ernst und seine ganze Generation eingebläut bekommen. „Ich selbst kannte persönlich keine Juden“, sagt er. „In unserer Nähe wohnten wohl keine. Erst als sie den gelben Filzstern auf der Kleidung tragen mussten, sah man dann, wer ein Jude war. Als Kind habe ich das einfach hingenommen. Es war eben so. Das haben wir Kinder nicht in Frage gestellt.“

Die Juden wurden dann „umquartiert“. Sie kamen in Arbeitslager im Osten. – So hieß das. „Auch das haben wir gewusst, uns aber nicht viel dabei gedacht und es eben hingenommen“, sagt der heute 80-Jährige.

Härte und Häme im Klassenzimmer

Schon damals aber gab es auch Situationen im Alltag, die manchen Kindern unangenehm waren und wo ihnen das Unrecht zumindest dämmerte. An der Oberschule für Jungen des Amtes Hemer, das der kleine Ernst von 1943 bis 1953 an der Steinert – der heutigen Wulfertschule – besuchte, unterrichtete auch ein Englischlehrer, der durch besondere Härte und Häme auffiel. In einer Klasse gab es eine Halbjüdin. Und wenn dieser Lehrer in den Raum kam, pflegte er die Nase zu rümpfen und zu klagen: „Hier stinkt‘s nach Jude. Das ist ja fürchterlich!“

Gegen das Vergessen

Ernst Alberts hat schon vor einigen Jahren Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in Hemer aufgeschrieben. Ein Klassentreffen hatte dazu den Anstoß gegeben. Veröffentlicht hat er die über 80 DIN-A-5-Seiten bisher nicht. Nur im Freundes- und Verwandtenkreis hat er Exemplare verschenkt. Eine Kopie ging an das Hemeraner Stadtarchiv, eine an den Verein für neuere Geschichte.

Der wochenkurier wird nun in den nächsten Wochen Auszüge daraus veröffentlichen, um diesem lebendigen Zeitdokument die große Leserschaft zu öffnen, die es verdient hat. Namen werden dabei nicht genannt. Es geht dem Autor und der Redaktion nicht um Bloßstellung.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule