Krieg nähert sich Schule und Alltag

Hemer. (clau) Seit einigen Wochen schon veröffentlicht der heute 80-jährige Hemeraner Ernst Alberts im wochenkurier Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend unter dem Hakenkreuz. Heute geht es weiter. Ernst wird Oberschüler und der Krieg rückt näher.

Papierbildchen wie dieses sollten in der NS-Zeit fröhliche, pausbäckige Kinder als Nachwuchs-Nationalsozialisten zeigen. Wochenkurier-Leser Ernst Alberts erlebte dagegen während seiner Zeit an der Oberschule für Jungen des Amtes Hemer fast täglich sogar im Religionsunterricht die harte Hand des Regimes. (Das Papierbildchen ist im Besitz des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart)

Nach Bestehen der Aufnahmeprüfung wechselte Ernst Alberts im Herbst 1943 zur Oberschule für Jungen des Amtes Hemer, die sich an der Steinert in der heutigen Wulfertschule befand. Das Kollegium bestand zur einen Hälfte aus schon recht alten Lehrern, da jüngere Lehrkräfte zur Wehrmacht eingezogen worden waren, und zur anderen Hälfte aus Lehrerinnen.

Der junge Ernst saß mit etwa 55 anderen Schülern in der überfüllten „Sexta“, also der fünften Klasse. Hier ging es anders zu, als zuvor in der Volksschule, wo Lehrer und Schüler ein recht enges und vertrautes Verhältnis gehabt hatten.

Ernst Alberts erinnert sich noch gut, wie beispielsweise der Englischlehrer, der von seinen Schülern „Opa B.“ genannt wurde, einem Mitschüler die korrekte Ausprache des für deutsche Zungen schwierigen englischen „th“ beizubringen trachtete: Mit Ohrfeigen wurde der arme Junge quer durch das Klassenzimmer getrieben. Für jeden missglückten Versuch gab es gleich einen neuen Klatscher.

Evangelische Religion erteilte Studienrat D. (Spitzname „der Dicke“) auf seine ganz besondere Weise. Ernst Alberts berichtet: „Er kam meist zu spät, riss die Tür auf, versuchte, seinen Bauch einzuziehen, streckte den rechten Arm auf Schulterhöhe aus, presste die linke Hand an die Hosennaht, schlug die Hacken zusammen und brüllte ’Heil Hitler‘.“

Die Schüler hatten „wie ein Mann“ aus den Stuhlreihen zu springen und es ihm gleich zu tun. Wenn das nicht stramm genug geschah, schimpfte der Religionslehrer, der kurioserweise noch nicht einmal Parteigenosse der NSDAP war: „Das ist mir nicht zackig genug! Das müssen wir üben!“

Täglich Fliegeralarm: Ab in den Keller

Fast täglich wurde der Schulbetrieb durch Fliegeralarm unterbrochen. Meist gegen 11 Uhr heulten die Sirenen auf und die Schüler mussten sich in die viel zu kleinen und engen Kellerräume der Schule flüchten. Anfangs versuchten die Lehrer noch, den Unterricht dort fortzusetzen, gingen aber bald dazu über, Schüler, die nur einen kurzen Heimweg hatten, nach Hause zu schicken. Oft ging Ernst dann zu seiner Tante, die in der Bräuckerstraße wohnte.

Ganze Formationen feindlicher Flugzeuge überflogen mittlerweile fast täglich Hemer in für die heimische „Flak“ (Flieger-Abwehr-Kanonen) unerreichbarer Höhe. Deutsche Jagdflugzeuge waren dagegen nur selten zu sehen.

Eines Tages im Winter – Ernst und seine Freunde rodelten am Ortsrand in Richtung Sundwig – schaffte es ein deutscher Pilot gerade noch, sein abgeschossenes Flugzeug in der Nähe des katholischen Friedhofes in Sundwig runtergehen zu lassen. Die Jungen rannten sofort zu dem qualmenden Flugzeugwrack. „Der Pilot war schwer verletzt“, das wurde Ernst Alberts sofort klar.

Gerumpel, „Christbäume“ und Feuerschein

Grauenhafte Erlebnisse wie dieses standen vor dem Hintergrund eines immerwährenden Schreckens, an den die Heranwachsenden sich wohl oder übel gewöhnen mussten. Das Grauen war bereits ganz in die Nähe der Felsenmeerstadt gerückt: „Bei Bombenangriffen auf Hagen oder Dortmund hörte man bis zu uns das dumpfe Gerumpel“, erinnert sich Ernst Alberts. „Nachts sah man dazu in der Ferne die sogenannten ‚Christbäume‘ am dunklen Himmel. Das waren Gebilde aus Leuchtfeuern, die an Fallschirmen langsam heruntersanken und dabei das Zielgebiet für die feindlichen Bomber taghell ausleuchteten. War der Luftangriff vorüber und es wurde still, dann sahen wir am Horizont den roten Feuerschein der Großbrände über den zerstörten Städten.“

Die Hemeraner selbst hatten Glück: Hier fielen nur einige wenige Bomben, die die feindlichen Bomber nach ihren Angriffen auf dem Heimweg noch schnell „entsorgten“. Zwei solche Entsorgungsabwürfe beobachteten Ernst Alberts und sein Freund Berthold, als sie sich auf der Anhöhe über dem Hemeraner Bahnhof befanden. Ganz deutlich sahen die beiden Jungen die Bomben aus dem Flugzeug fallen und dann in Sundwig explodieren. „Ich hatte eine Riesenangst, dass es meine Familie getroffen haben könnte“, erinnert sich Ernst Alberts, der zweite Sohn des Müllers der Sundwiger Mühle, voller Grauen an jenen Moment, als er verrückt vor Angst nach Hause rannte. Aber nein, alles stand. Getroffen hatte eine der Bomben allerdings ein Wohnhaus an der Lamferstraße.

Kontakt zu Ernst Alberts gibt es über die wochenkurier-Redaktion unter Telefon 02371/ 2647-86, Fax 02371/ 26061 oder per Email an redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule