Kultur-„Bauer“ Jostmann

Johannes Josef Jostmann bestellt seit 15 Jahren in Iserlohn den „Acker“ in Sachen Kultur und vollbringt auf der Bühne des Parktheaters manches „Wunder“ – so auch der Titel der neuen Spielzeit. (Foto: Kulturbüro)

Iserlohn. (Clau) Ist ein Theaterdirektor nicht mit einem Landwirt zu vergleichen, der auf seinem „Acker“ Kultur sät und erntet? – Der Leiter des Parktheaters Iserlohn Johannes Josef Jostmann, der kürzlich erst den neuen Spielplan unter dem Motto „Wunder“ präsentieren konnte, muss lachen! Gern ist er bereit, im Interview mit dem wochenkurier seine Arbeit einmal aus bäuerlicher Sicht zu betrachten.

Wie sah Ihre Ausbildung zum „Landwirt“ in Sachen Theater aus?

Johannes Josef Jostmann: Ich sage immer gern: Ich bin gelernter Taxifahrer! Der Beruf des Intendanten ist ja kein Ausbildungsberuf. Ich habe durch die Zusammenarbeit mit anderen Intendanten gelernt. Ich habe gelernt durch all das Viele, das ich gesehen und erlebt habe. Eins dabei besonders: Theater ist und bleibt letztlich ein Geheimnis.

Welche Qualitäten muss ein „Kultur-Bauer“, der ein Theater beackern will, mitbringen?

Johannes Josef Jostmann: Es gibt Intendanten, die trauen sich nie in die Theaterkantine, weil sie Angst vor den Leuten, den Künstlern haben. Es gibt andere, die zwar in jeder Vorstellung sitzen. Die gehen wie zur Schicht, sagen aber nachher nichts, gönnen niemandem ein Wort. Ich sehe das so: So jemand schwänzt seinen Beruf! Der Intendant prägt die Atmosphäre in ganzen Haus – bis hin zur Kantine.

Wie ist die Bodenbeschaffenheit auf dem Iserlohner Theater-Acker?

Johannes Josef Jostmann: Iserlohn ist ein Stück weit Sauerland, aber nicht hinter den sieben Bergen. Iserlohn ist Iserlohn. Das braucht sein eigenes „Saatgut“. Das Iserlohner Publikum ist ein mutiges, es lässt sich gern auch auf Unbekanntes ein.

Was säen und pflanzen Sie?

Johannes Josef Jostmann: Ein Programm für das Publikum. Ich kann als Intendant nach oben fallen und mir einen Namen machen mit Uraufführungen vor leeren Häusern. Sorge ich dagegen allabendlich für ein volles Haus, gerate ich in den Ruf, volkstümlich und geschmäcklerisch zu sein. Ich kann aber auch das eine tun und trotzdem das andere nicht lassen. Ich will deshalb im besten Sinne ein Theater für alle machen, ein demokratisches Theater. Dazu gehören Komödie, Unterhaltung, Musik, große Revue, Klassisches, Zeitgenössisches und auch Provokatives.

Was kommt Ihnen nicht in die Saat-Tüte?

Johannes Josef Jostmann: Blutiges Fleisch, Berufsnackte und dergleichen. In großen Städten ist auf den Bühnen schon so ziemlich alles passiert. Aber da sind die Mittel bald ausgereizt. Wir wollen lieber mit dem Stück selbst, mit dem Wort provozieren oder berühren.

In ihrem kulturellen Landwirtschaftsbetrieb spielen auch Tiere eine Rolle

Johannes Josef Jostmann: Martin Rütter, der Hundeversteher! Seit zwölf Jahren ist er fester Bestandteil des Spielplans. Darüber mag manch einer die Nase rümpfen, aber für mich ist Theater etwas Demokratisches. Alle Bürger finanzieren es mit ihren Steuern. Also sollen auch alle etwas davon haben. Auch die Hundebesitzer! Das soll es genauso geben wie Abende etwa mit Günter Wallraff, der ein ganz anderes, viel kleineres Publikum anzieht. Der neue Spielplan umfasst 160 Veranstaltungen, davon allein neun Boulevard-Stücke.

Wie lange braucht es, bis die Saat aufgeht?

Johannes Josef Jostmann: Besondere Wagnisse gehen wir sehr langfristig an. Trotzdem wird am Ende manchmal nichts draus. Drei Wochen lang habe ich verhandelt, um die Show „Shadow Land“ für Iserlohn erschwinglich zu machen. Zuletzt vergeblich. Das muss man hinnehmen. Ein sehr langfristiges Bühnen-Projekt war die Kinderoper „Reineke Fuchs“ nach Goethes berühmter Fabel, die im März zur Aufführung kam. Zweihundert Kinder aus der Musikschule und der Kantorei standen dabei auf der Bühne.. Zwei Jahre lang haben wir daran probiert – mit heiligem Ernst. Es war eine lustbetonte Arbeit und wurde am Ende ein echter Meilenstein.

Der Bauer draußen auf dem echten Acker fürchtet Hagelschlag oder Schädlinge. Was macht Ihnen Sorgen?

Johannes Josef Jostmann: Einerseits überaltert vor allem das Opern-Publikum. Das Theater hat überhaupt mit Vorurteilen zu kämpfen. Immer noch trauen sich viele nicht hinein. Sie glauben, man braucht Frack, Zylinder und Doktor-Titel, um eingelassen zu werden. Da helfen Projekte wie die Kinderoper oder das Kinder- und Jugendprogramm früh über die Hemmschwelle.

Fruchtbaren Mairegen? Gibt es das im Parktheater?

Johannes Josef Jostmann: Oh ja! Zum Beispiel durch die Arbeit des Fördervereins, der nicht erntet, sondern vor allem sät. Oder durch Gunther Kingreen und Dr. Walter Ossenkop, die oft Einführungen in viele Werke übernehmen. Ich könnte mir keine besseren Menschen für diese Aufgabe denken! Sie sind beide selbst ganz entflammt und können den Menschen durch Geschichten und Beispiele auch die Musik wunderbar erschließen. Mit ihnen haben wir einfach Glück.

Haben Sie als Kultur-Landmann also den berühmten „grünen Daumen“?

Johannes Josef Jostmann: Man kämpft und ringt bis zur letzten Sekunde, bevor der Vorhang aufgeht. Theater möchte Geschichten erzählen. Uns Theaterleute verbindet die Zuversicht, die Hoffnung, die Welt zu bewegen und dass es uns gelingt, zwischen Generalprobe und Premiere das Unmögliche möglich zu machen. Das ist jeden Abend wieder eine Herausforderung.