Land der flachen Dächer

Von Michael Eckhoff

Auch wenn man es kaum zu glauben vermag, aber der Iserlohner Schlieperblock gehört zu den ganz seltenen Baugruppen in Westfalen, die sich an der Moderne der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts orientieren. (Foto: Michael Eckhoff)

Iserlohn. 1933 galt der Schlieperblock als Kommunistenviertel, später bei rechtschaffenen Iserlohnern als Schandfleck – und heute? Inzwischen wird die Siedlung als bedeutendes Baudenkmal eingestuft; ihr Erhalt ist allerdings umstritten, aus guten Gründen vielleicht sogar unmöglich.

Eigentlich scheint die Angelegenheit eindeutig geregelt zu sein. Nach dem NRW-Denkmalschutzgesetz muss ein Bauwerk erhalten werden, wenn es eine besondere wissenschaftliche Bedeutung hat. Das heißt, es geht weniger um die architektonische Schönheit bei der Einstufung eines Baudenkmals, sondern meist geht es eher darum, ob ein Gebäude beispielsweise sozial-, heimat- oder wirtschaftsgeschichtlich herausragt.

Ganz eindeutig?

Wie gesagt, eigentlich scheint alles eindeutig zu sein. So die Theorie. Aber häufig genug verhält es sich in der Praxis ganz anders. Wie die Auseinandersetzung um die Erhaltung des Iserlohner Schlieperblocks beweist.

Für den Besucher der Siedlung an der Kreuz- und Ankerstraße bietet sich vorrangig ein Bild des Jammers. Dutzende von Siedlungsbauten stehen leer, zeigen verbretterte Fenster- und Türöffnungen und scheinen in einem reichlich desolaten Zustand zu sein. Abgemeldete Autos, vergilbte Gardinen und reichlich Unkraut verstärken den negativen Eindruck. Alles sieht so aus, als würden im nächsten Augenblick die Abbruchbagger anrücken. In der Tat: die IGW als Eigentümerin liebäugelt bekanntlich schon seit geraumer Zeit mit dem Abriss. Was auch Hand und Fuß hat.

Keine Gegenliebe

Doch dieser Wunsch stößt bei den zuständigen Denkmalschützern auf wenig Gegenliebe. Mit welchen Augen die Architekturhistoriker den Schlieperblock betrachten, lässt sich in der soeben erschienenen jüngsten Ausgabe des Fachmagazins „Denkmalpflege in Westfalen-Lippe“ nachlesen.

Das aktuelle Heft, in dieser Woche auf den Markt gekommen, widmet sich dem Schwerpunktthema „Bauten der 1920er Jahre“. Besonders breiten Raum nimmt dabei die Betrachtung der Iserlohner Siedlung an der Anker- und Kreuzstraße ein.

Verrufener Block

Unter der Überschrift „Der sehr verrufene Schlieperblock“ setzt sich der im Westfälischen Amt für Denkmalpflege („Landeskonservator“) tätige Experte Hans H. Hanke mit der Bedeutung dieses Wohngebiets auseinander. Er weiß: „Die Siedlung wurde in drei Abschnitten 1928 bis 1930, 1930 bis 1932 sowie 1936 nach dem Entwurf des Architekten Theodor Hennemann aus dem Stadtbauamt Iserlohn errichtet. Ein Ladenlokal an der Kreuzstraße mit Wohnhaus wurde 1950/51 ergänzt, hinzu kam 1952 ein eingeschossiger Anbau am südlichen Ende der Ankerstraße. In diesem Zustand ist die Siedlung noch heute als nahezu geschlossene Gesamtanlage erhalten.“

Das Problem und gleichzeitig das Besondere: Es handelt sich hier um bis heute erhaltene Notwohnungen für Erwerbslose. Ende der 1920er Jahre verzeichnete Deutschland einerseits immer noch – trotz vorangegangener enormer Anstrengungen, die Sache in den Griff zu bekommen – einen erheblichen Mangel an Wohnraum, andererseits litt das Land ab Ende 1929 zunehmend unter der Weltwirtschaftskrise und der damit einhergehenden Arbeitslosigkeit.

Kleine Wohnungen

Der Lack ist ab, der Zustand trostlos – jeden Augenblick scheinen die Abrissbagger anzurücken. Wie lange wird es das in Südwestfalen einzigartige Baudenkmal „Schlieperblock“ wohl noch geben? (Foto: Michael Eckhoff)

Hanke beschreibt die Siedlung unter anderem so: „Die Häuser sind zweigeschossig, unterkellert und mit Flachdach gedeckt. In jedem Geschoss befinden sich zwei Wohnungen. Bis auf geringfügige Größenunterschiede wurden Wohnungen mit zwei Zimmern bis 29 Quadratmeter oder drei Zimmer bis 40 Quadratmeter ausgeführt. Die Wohnungen im Sockelgeschoss werden über eine Außentreppe erschlossen und die in den Obergeschossen über eine separate Treppenanlage mit eigenem Zugang von der gegenüberliegenden Hausseite.“

Eigentümerin war anfangs die Stadt Iserlohn. Auf die IGW ging die Siedlung 1941 über. Die Bezeichnung „Schlieperblock“ ist den Bauakten von 1935 zu entnehmen. Die Ankerstraße hieß bis 1939 Schlieperstraße. Mit den nahebei zu findenden Kettenwerken Schlieper hatte der „Block“ nichts zu tun, er war also keine „Werkssiedlung“.

Selten in Westfalen

In den 1920er Jahren wurden in Westfalen meist eher konservativ gestaltete Siedlungen errichtet – etwa angelehnt an die norddeutsche Klinkerbauweise. Völlig konträr zeigt sich der Schlieperblock. Hanke: „Er gehört zu den ganz seltenen Baugruppen, die sich an der Moderne der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts orientieren.“ Vorbilder sind zum Beispiel im damaligen „Neuen Bauen“ der Stadt Frankfurt, in den Bauten des berühmten Dessauer Bauhauses oder auch in einigen Berliner Siedlungen zu suchen. Die Dessauer Bauhaus-Beuten wie auch mehrere Berliner Siedlungen gehören mittlerweile zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Doch genau diese heute hoch gerühmte Architektur war den Nazis ein Gräuel. Dass der Schlieperblock überdies 1933 auch noch als Kommunistenhochburg galt, war dem Image von vornherein nicht förderlich. Hanke berichtet, der Volksmund habe lange vom „Land der flachen Dächer“ oder sogar vom „Block Maroc“ gesprochen. Der Denkmalpfleger von der Fachbehörde in Münster muss eingestehen: „Das Iserlohner Baudenkmal hat sich als sozialer Brennpunkt tief in das Bewusstsein der Bevölkerung eingeprägt und kann aufgrund seiner Sozialgeschichte von Vielen nicht mehr als baukulturelles Erbe wahrgenommen werden.“ Doch gerade in dieser Sozialgeschichte sei ein wichtiger Aspekt des Denkmalwertes der Anlage zu sehen

Hierüber mehr im nächsten wochenkurier.