Lebensmittelkarten und Fliegeralarm

Hemer. (clau) Weiter geht es mit den Erinnerungen des heute 80-jährigen Ernst Alberts aus Hemer. Unter dem Titel „Aus verrückter Zeit“ hat er notiert, woran er sich „aus seiner Kindheit und Schulzeit unter dem Hakenkreuz“ erinnert.

Das Bild zeigt die beiden polnischen Hilfskräfte auf der Sundwiger Mühle: Stachu, rechts, als Zivilist und der Kriegsgefangene Dsislav in Uniform. (Foto: privat)

Mit Beginn des Krieges wurden Lebensmittel und knappe Verbrauchsgüter in Deutschland rationiert. Waren wurden in den Geschäften nur gegen Vorlage entsprechender Lebensmittelkarten – große Bögen mit aufgedruckten Karos – ausgehändigt. Im Verlauf des Krieges wurden die Pro-Kopf-Portionen immer schmaler. Nach Kriegsende trat der Hunger gnadenlos seine Stelle als Küchenchef an in dem, was vom sogenannten Dritten Reich übriggeblieben war.

Während große Teile der Bevölkerung sich zunehmend nur noch notdürftig ernähren und bekleiden konnten, ging es den Alberts vergleichsweise gut. „Da meine Familie einen kleinen Bauernhof und die Sundwiger Mühle betriebt, hatte ich das große Glück, zumindest keinen Hunger erleiden zu müssen“, sagt Ernst Alberts.

Spektakuläre Entgleisung

Ein Ereignis, das Ernst Alberts aber nicht mehr genau zeitlich einordnen kann, machte damals riesigen Eindruck besonders auf die Kinder. Im Bahnhof Hemer stellte man schon abends die Weichen für den ersten morgendlichen Zug, der zum Messingwerk in Sundwig fahren sollte. Als einmal noch in der Nacht ein Güter-Schnellzug durch Hemer umgeleitet werden musste, weil seine übliche Strecke zerbombt worden war, versagte der Informationsfluss unter den Verantwortlichen.

Der Güter-Schnellzug brauste Richtung Sundwig, riss am Streckenende bei der Sundwiger Eisenhütte den Prellbock um und die Lok samt dem ersten Waggon landete mit den Rädern nach oben im Bachbett. Erst Tage später war ein mächtiger Hebekran zur Stelle, der den Zug wieder auf die Gleise stellen konnte.

Fliegeralarm

Spannend fanden die Volksschulkinder in den Jahren 1939 bis 1941 auch den gelegentlichen Fliegeralarm, der jeweils mit Sirenengeheul angekündigt wurde.

„Dann wurden wir entweder direkt heimgeschickt oder in eine der beiden bombonsicheren Höhlen, die Heinrichshöhle oder die Prinzenhöhle am Perik, gebracht“, weiß Ernst Alberts noch. „Das war klasse: Der Unterricht fiel aus und wir konnten in den Höhlen spielen, die geheimnisvollen Gänge erkunden oder die Erwachsenen ärgern, die dort ebenfalls in Sicherheit gebracht worden waren. Der Spaß endete wieder mit Sirenengeheul zur ‚Entwarnung‘, wie man es nannte.“

Luftangriff auf Hagen

Aus dem Spaß wurde bald bitterer Ernst. Was in den Höhlen Hemers noch nach Abenteuer gerochen hatte, entfaltete bald schon in der nahen Großstadt Hagen seine alles vernichtende Macht.

„Nach dem ersten nächtlichen Luftgroßangriff auf Hagen, fuhr meine Mutter am darauffolgenden Tag mit mir hin. Wir hatten Bekannte in Hagen und sie wollte erkunden, ob und wie sie das Inferno überstanden hatten“, erinnert sich Ernst Alberts. „Den Anblick der in Trümmern liegenden Stadt mit noch rauchenden Brandstellen kann ich nicht vergessen.“

Fremdarbeiter

Bald nach dem Ende des „Polenfeldzuges“ wurden der Sundwiger Müllersfamilie Alberts zwei polnische Kriegsgefangene als Hilfskräfte zugewiesen, die in einer Kammer der Scheune untergebracht wurden.

„Als im Winter 1939 ein Feuer den Dachstuhl der Scheune zerrstörte, verdächtigte die Kriminalpolizei sofort die beiden Polen als Brandstifter“, erzählt Ernst Alberts, der zweite Sohn des Müllers. „Es kostete meinen Vater einige Mühe, die Beamten von ihrer Unschuld zu überzeugen. Das hätte beide leicht das Leben kosten können. Anschließend gaben sie uns gegenüber ihre erste Reserviertheit auf. Für uns vier Kinder gehörten sie zur Familie.“

Stanislaus Kowalski, genannt Stachu, blieb während der ganzen Kriegszeit bei den Alberts. Er hatte sich nach der Niederlage Polens als „Fremdarbeiter“ (offiziell „Zivivlarbeiter“) registrieren lassen und galt damit als aus der polnischen Armee ausgetreten.

Sein Landsmann Dsislav Saidera sah das als Verrat und Fahnenflucht an. Zwischen den beiden Polen gab es deswegen manche lautstarke Auseinandersetzung. Dsislav blieb mit Stolz Kriegsgefangener. Er musste – wahrscheinlich 1942 – die Sundwiger Familie und ihren Hof verlassen. „Was aus ihm geworden ist, weiß ich leider nicht“, bedauert Ernst Alberts.

Kontakt zu Ernst Alberts ist möglich über die wochenkurier-Redaktion unter Telefon 02371 / 2647-86, Fax 02371 / 26061 oder per E-Mail an redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule