Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen

Hemer. (clau) Im Winter 1944/45 lag der Zweite Weltkrieg in den letzten Zügen. Der heute 80-jährige Hemeraner Ernst Alberts, zweiter Sohn des Müllers der Sundwiger Mühle, erinnert sich noch genau, wie er diese Zeit als Kind erlebt hat.

In den letzten Kriegstagen befanden sich mehr Gefangene im Hemeraner STALAG als die Felsenmeerstadt Einwohner hatte. Hier ein Blick in das Lager- Lazarett“ nach der Befreiung. (Abbildung: Privatarchiv Joseph d. Karr, Rochester Hills, USA)

In diesem Winter wurde im Hönnetal eine große Höhle in den Kalkfelsen mit Sprengungen erweitert. Darin sollte eine Fabrik zur Herstellung von sythetischem Treibstoff oder synthetischem Gummi eingerichtet werden. Die Stromversorgung dieser unterirdischen Fabrik sollte vom RWE-Umspannwerk in Hemer aus erfolgen.

Kommando in Holzschuhen

Dazu mussten Häftlinge, wahrscheinlich KZ-Insassen, unter SS-Bewachung eine Leitung mit starken Kabeln verlegen. Die Stromtrasse führte auch am Sundwiger Perik-Sportplatz vorbei, auf dem Ernst und seine Kameraden fast täglich Fußball spielten. Von dort aus sahen wir diese bedauernswerten, unterernährten Menschen bei ihrer schweren Arbeit“, erinnert er sich. Sie trugen auch im strengen Winter lediglich dünne, blau-weiß gestreifte Häftlingskleidung. An den Füßen, die nur mit Lappen umwickelt waren, hatten sie Holzschuhe.“

Ernst und sein älterer Bruder Peter brachten häufig Steckrüben und Kartoffeln mit und warfen sie heimlich den Häftlingen zu. Aus der Ferne beobachten die Kinder, wie sich die halbverhungerten Menschen gierig darüber her machten. In dieser Zeit muss mein bis dahin blinder Hitler-Glaube schon seine ersten Risse bekommen haben“, vermutet Ernst Alberts, der im Dezember 1944 elf Jahre alt war.

Der Volkssturm

In den letzten Kriegsmonaten stellten Funktionäre der NSDAP noch den sogenannten Volkssturm“ auf. Rentner, Invalide und Jugendliche wurden dienstverpflichtet“ und in wehrmachtsähnlichen Einheiten zusammengefasst. Ohne gründliche Ausbildung und mit nur spärlicher Ausrüstung und Bewaffnung sollten sie dem Feind entgegentreten. Man hatte keine Skrupel, sie als Kanonenfutter im Fronteinsatz zu verheizen“.

In Hemer wurden von Januar bis Mitte April 1945 einige 12- bis 14-jährige Jungvolk-Pimpfe“ an scharfen Waffen ausgebildet. Vielleicht war das freiwillig. Ich bin mir da nicht mehr sicher“, grübelt Ernst Alberts. Ich jedenfalls musste im Schießstand auf dem Bokeloh mit einem Wehrmachtskarabiner und scharfer Munition schießen. Beim ersten Schuss bekam ich eine gewaltige Ohrfeige vom Rückstoß, weil ich den Karabinerschaft nicht fest genug an die Schulter gedrückt hatte. Aber nach und nach habe ich das ‚Ballern‘ rausgehabt.“

Eine verfallende Baracke am Perik diente den Jungens als Ziel beim Übungsschießen mit der Panzerfaust und Holzmunition.

Die letzten Kriegstage

Ab Ende März 1945 zogen große Kolonnen von Fremdarbeiterinnen und -arbeitern durch Hemer. Diese Zivilisten, die von den deutschen Behörden in ihren Heimatländern zum Arbeitseinsatz im Ruhrgebiet requiriert worden waren, sollten auf keinen Fall den Amerikanern in die Hände fallen.

„Nachts durften sich so viele wie möglich bei uns im Stall und in der Scheune aufhalten. Es war verboten, aber wir versuchten, sie heimlich mit Wasser und Verpflegung zu versorgen“, erinnert sich Ernst Alberts.

Auf dem Gelände des Kriegsgefangenenlagers, dem STALAG, wurden wieder Stacheldrahtzäune gezogen und Donnerbalken aufgerichtet. Die russischen Kriegsgefangenen mussten dort aufgrund der völligen Überfüllung in Frühjahrskälte unter freiem Himmel kampieren. In Hemer, einer Stadt mit damals 16.000 Einwohnern, befanden sich bei Kriegsende etwa 19.000 russische Gefangene im STALAG. In den letzten zwei oder drei Tagen vor ihrer Befreiung brach die bis dahin schon nur notdürftige Versorgung völlig zusammen. Die Menschen hungerten.

Tiefsitzende Ängste

Die Bevölkerung litt außerdem in jenen Tagen unter fast durchgehendem Fliegeralarm. Die Jagdbomber, „Jabos“ genannt, machten mit ihren Bordwaffen gezielt Jagd auch auf Zivilisten.

„Die damals erzeugte Angst hat sich tief in mir eingegraben“, berichtet Ernst Alberts. „Noch lange nach Kriegsende suchte ich sofort irgendwo Deckung, wenn ich nur ein tieffliegendes Flugzeug hörte. Und auch das Heulen der Sirenen plagte mich noch lange mit Angstschüben.“

Mit Beginn der Osterferien 1945 wurde der Schulunterricht eingestellt. „Es begann die ganz große Pause unserer Schulzeit“, lacht Ernst Alberts. „Dass ich nun ein ganzes Jahr lang nicht mehr zur Schule gehen musste, hätte ich mir niemals träumen lassen!“

Untergang im Chaos

Das „Tausendjährige Reich“ ging im Chaos unter. Als sich der sogenannte „Ruhrkessel“, den die Allierten gezogen hatten, im Raum Schwerte, Iserlohn und Hemer, unerbittlich zusammenzog, entschloss sich die deutsche Armeeführung endlich zur Kapitulation. Der Krieg war für die Hemeraner damit aus. Aber die „verrückten“ Zeiten, wie Ernst Alberts es nennt, hielten sich noch eine ganze Weile.

Kontakt zu Ernst Alberts gibt es über die wochenkurier-Redaktion unter Telefon 02371 / 2647-86, Fax 02371 / 26061 oder per E-Mail an redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule