Machtergreifung 1933 in Iserlohn

Wüste politische Zeiten waren schon vor 1933 angebrochen: Eine Schlägerei auf offener Straße zwischen Polizei und Kommunisten zeigt dieses Bild des Iserlohner Künstlers Carl Willy Vogt. Die erschrockenen Bürger suchen voller Panik das Weite. (Abb. aus: „Iserlohn Lexikon“)

Iserlohn. (clau) Ein Phänomen jährt sich gerade zum 80. Mal. Innerhalb von nur sechs Monaten haben es Hitler und die Nationalsozialisten bis April 1933 geschafft, die politische Opposition auszuschalten. In Massen beantragten die Menschen die Aufnahme in die NSDAP, so dass die Partei schließlich einen Aufnahmestopp verfügte, der erst 1937 wieder gelockert wurde.

Die Mitgliederzahlen schnellten von 850.000 vor 1933 auf 2,5 Millionen im April 1933 hoch. Wie war das möglich? Und wie sah es vor Ort in Iserlohn aus? Der Lokalhistoriker Wolf R. Seltmann hat zu diesem Thema umfangreich geforscht. Er stellt dem wochenkurier Auszüge aus seiner Arbeit zur Verfügung.

Schon lange vor 1933 hatte sich die politische Auseinandersetzung wieder gewalttätig auf die Straße verlegt. Rotfront, SA und Reichsbanner lieferten sich Straßenschlachten auch in Iserlohn. „Deutschland erwache! – Schlägerei zwischen Anhängern der NSDAP und der KPD in der Innenstadt“ heißt die bekannte Zeichnung des Iserlohner Künstlers Carl Willy Vogt. Wer genau hinsieht, erkennt, wer hier wen schlägt: Es ist die Polizei selbst, die auf Kommunisten einschlägt. SA-Leute sind nicht zu sehen. Die Bürger fliehen in Panik.

Höhepunkt der schweren Auseinandersetzungen war der Tod des SA-Mannes Hans Bernsau auf dem Bahnhofvorplatz am 16. Januar 1933. Bernsau war als Arbeitsloser 1930 nach Iserlohn gekommen, hatte sich der SA angeschlossen und trat als übereifriger Saalschützer, Straßenkämpfer und Propagandaredner in Aktion. An jenem Abend wurde das SA-Heim überfallen. Bernsau erlitt eine Schussverletzung, der er zwei Tage später erlag.

SA und NSDAP stilisierten den Toten zum Märtyrer und „Blutzeugen für Deutschland“ hoch. Man bereitete ihm eine pompöse Beerdigung mit zahlreicher NS-Prominenz. Sogar der Gauleiter für Südwestfalen, Josef Wagner, erschien. Der Bahnhofsvorplatz wurde in „Hans-Bernsau-Platz“ umbenannt. Das Seilerseestadion wurde zum „Hans-Bernsau-Stadion“ und auf dem Friedhof errichtete man ihm ein Denkmal.

Hitler wird Reichskanzler

Am 31. Januar 1933 erschien im Iserlohner Kreisanzeiger die Schlagzeile „Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt – Nationale Konzentration vollzogen“. Damit war das Ende der Weimarer Republik endgültig eingeläutet. Hitler als Reichskanzler und nur zwei Minister der NSDAP, nämlich Hermann Goering und Wilhelm Frick, gehörten dem neuen Kabinett an.

Berühmt sind die selbstbewussten Worte des Vizekanzlers Franz von Papen: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, daß er quietscht.“

Die Macht sichern

Was für eine Fehleinschätzung, denn gleich nach dieser Machtübergabe, die die Nazis selbst „Machtergreifung“ zu nennen pflegten, begann die NSDAP damit, ihre neue Macht zu sichern. Schon am nächsten Tag wurde der Reichstag aufgelöst. Für den März wurden Neuwahlen angesetzt. Am 4. Februar schickte der kommissarische preußische Innenminister Hermann Goering per Verordnung die Kommunalparlamente heim und hob damit die bisherige Städteordnung auf.

Die Iserlohner Tageszeitung titelte am 6. Februar: „Das alte Stadtparlament ist tot!“ Im Text heißt es hoffnungsvoll: „Unser Stadtparlament und vor allem unser Magistrat haben aufgehört zu sein. – Beide werden in ihrer bisherigen Zusammensetzung bestimmt nicht wiederkehren. – Und das ist gut so!“

Märzwahlen 1933

Die NSDAP war zunächst 1925 bei dem Versuch, in Iserlohn eine Ortsgruppe zu gründen, gescheitert. Beim zweiten Versuch 1927 gelang es. Bei der Kommunalwahl 1929 erhielt sie allerdings höchst bescheidene 243 Stimmen. Bei den Märzwahlen 1933 (88 Prozent Wahlbeteiligung!) waren es 38-mal so viele Stimmen. Die NSDAP wurde die stärkste Partei im Stadtrat.

„Wir müssen davon ausgehen, dass die NSDAP in Iserlohn ihre Stimmen hauptsächlich aus dem protestantisch-bürgerlichen Lager erhalten und von der hohen Wahlbeteilung profitiert hat“, schließt der Historiker Wolf R. Seltmann aus seinen umfangreichen Recherchen zu den Wahlergebnissen.

NSDAP bemächtigt sich des Stadtrates

Im Iserlohner Rat hatte die NSDAP keineswegs die absolute Mehrheit, aber die Mandatsverteilung war schon bald überholt. Noch vor dem ersten Zusammentritt des Rates wurde verboten, die kommunistischen Ratsmitglieder überhaupt einzuladen. Die KPD wurde am 28. März 1933 verboten. Vor der Ratssitzung am 17. Mai 1933 wurde bekannt gegeben, die sozialdemokratischen Mitglieder hätten ihre Mandate niedergelegt. Die SPD wurde am 22. Juni 1933 verboten. Im Juli verzichteten die Iserlohner Zentrumsmitglieder – eine politische Vertretung des deutschen Katholizismus, die sich über die letzten drei Wahlen vor allem auf dem Lande gut gehalten hatte – auf ihre Ratsmandate. Das Zentrum als Partei löste sich ganz auf.

Im Juli 1933 wurde die Neubildung von Parteien jeglicher Art rigoros verboten. Das nationalistische Wahlbündnis „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“, das erst im Februar 1933 gegründet worden war, und für das Fritz Kühn und der Rechtsanwalt Karl Klute in den Stadtrat eingezogen waren, ging in der NSDAP auf.

Damit war der Iserlohner Stadtrat vollständig in nationalsozialistischer Hand.

Fortsetzung folgt.