Musik „verdirbt“ die Jugend

Iserlohn. (clau) Heinrich Bäcker ist den wochenkurier-Lesern seit einiger Zeit bekannt als kleiner Steppke mit einer glücklichen Kindheit im Obergrüner Tal der 50er Jahre. Aber aus Kindern werden Leute. Mit dem 9. Schuljahr begann für Heinrich ein ganz neuer Lebensabschnitt. Wir fahren fort mit seinen Lebenserinnerungen:

Wild waren sie, die 60er Jahre. Und doch: Heinrich Bäcker ließ auch als junger Wilder immer noch zu eine Partie „Mensch-ärgere-dich-nicht“ am heimischen Esstisch im Obergrüner Tal bewegen. (Foto: privat)

Da er sich nicht gleich für einen Berufsweg entscheiden konnte, wählte Heinrich das sogenannte „freiwillige neunte Schuljahr“ an der evangelischen Volksschule an der Mendener Straße im Herzen Iserlohns.

Ein Hauch von Großstadt umwehte von nun an den Jungen, der täglich mit der Straßenbahn aus seinem idyllischen Tal heraufkam. Die neuen Schulkameraden kamen aus Iserlohn, Letmathe, Hohenlimburg und sogar aus Altena.

Später in der Lehre, die ihn auf seinen Weg als Konstrukteur im Maschinenbau brachte, bekam die Freizeit für ihn einen ganz neuen, bis dahin ungeahnten Stellenwert.

„Hottentotten-Krach“ und „Negermusik“

Wenn der Chef wieder einmal sein ‚Lehrjahre sind keine Herrenjahre‘ erdröhnen ließ, trösteten sich der junge Heinrich und seine Kumpel mit Musik.

„Dank eigenem Radio und später gar Kassettenrecorder und vor allem seit dem kometenhaften Aufstieg von Elvis hing nicht nur bei uns zuhause oft der Haussegen schief“, blickt Heinrich Bäcker zurück und schmunzelnd. „Heintje, Heino, Peter Alexander oder Freddi Quinn, Anneliese Rothenberger und Konsorten waren für uns Jüngere natürlich total out! Radio Luxemburg und diverse Piratensender machten es möglich, endlich Musik zu hören, die jung war und zu uns passte.“

Die Eltern allerdings hielten es nicht mit dem Rock‘n‘Roll, sondern lieber weiter mit den „weißen Rosen aus Athen“. Harte Worte wie ‚Hottentottenkrach‘ oder ‚Negermusik‘ fielen zwischen geknallten Türen.

Mit dem Mikro vor dem Radio

„Und es war so schwierig, die neuesten Musiktitel aus dem Radio abzufangen“, erinnert sich Heinrich Bäcker stöhnend. „Da saß man mit angehaltenem Atem vor dem Gerät und hielt das Mikro vor den Lautsprecher – und dann platzte oft genug die Mutter ins Zimmer und rief, dass das Essen fertig sei!“

Das Lehrgeld verwandelt sich Monat für Monat viel zu schnell in Schellackplatten oder verwandelte sich in Tonbandgeräte. Ein neues Wort schlich sich in den Familienalltag und machte sich dort schnell breit: „Zimmerlautstärke!“ forderten die entnervten Eltern Tag für Tag bei ihrem Junior ein.

Helden-Tapete

„Ich war aber auch wirklich musikverrückt“, gibt Heinrich Bäcker gern zu. „Spätestens seit den Beatles! Wir haben wie irre Schallplatten getauscht und die Musik auf das vierspurige Tonbandgerät überspielt, erst in Mono, später auf Stereo. Es wurde zum Sport, die Zimmer so umzugestalten, dass der Abstand vom Hörplatz zu den Lautsprechern optimal eingestellt werden konnte.“

Von der Zimmertapete war bald kein Zentimeter mehr zu sehen, denn die Band-Poster aus diversen Musikzeitschriften zierten die Wände von der Decke bis zur Fußleiste.

Rittersaal, Muck und Tanz

„Am Wochenende ging es zur Alexanderhöhe in den Rittersaal“, weiß Heinrich Bäcker noch genau. „Dort spielten heimische Bands, die nur so wie Pilze aus dem Boden schossen. Bei den Live-Konzerten war es ein absolutes Muss, direkt vor den Basslautsprechern zu stehen und sich durchwummern zu lassen.“

Die „Lords“ oder „The Kinks“ gehörten zu denen, die damals in Iserlohn gefeiert wurden.

Regelmäßig traf man sich im Musikhaus Muck am Dicken Turm, um sich die neuesten Schallplatten anzuhören. Im ehemaligen „Buchenwäldchen“ ging es dann mit ordentlicher lautstarker Beatmusik und Tanz zur Sache. „Die Etikette, die die Tanzschulen lehrten, konnte man getrost vergessen“, lacht Heinrich Bäcker. „Freistil war angesagt. Ich kann mich erinnern, dass damals sogar Orthopäden vor ‚irreparablen Wirbelsäulenschäden‘ bei dem Gehopse und Geschüttle warnten!“

Skandalöse Haartracht

Je länger die Haare wurden, um so länger zogen sich auch die Gesichter der Eltern. „Komisch“, wundert sich Heinrich Bäcker. „Wenn ich‘s mir recht überlege, trage ich heute die Haare sogar länger als damals und doch regt sich kein Mensch mehr drüber auf.“ Damals war das ein Skandal, ein Tritt vors Schienbein der guten Gesellschaft, ein Hohnlachen in das Gesicht der gestandenen Älteren, Respektlosigkeit, Revolte, Anarchie… Heinrich Bäcker erinnert sich noch gut, wie sehr mancher sich von langen Haaren provoziert fühlte: „Ein alteingesessener Frisör in Iserlohn hat mich und meinen Freund wieder weggeschickt mit den Worten: ‚Euch Langhaarige bediene ich nicht.‘ Da war nichts zu machen.“