Nachkriegsliteratur: Wo war die Stunde Null?

Dr. Walter Wehner
Dr. Walter Wehner hat die neue Ausstellung im Stadtmuseum Iserlohn „Literatur in Iserlohn 1945 bis 1965“ zusammengestellt. (Foto: Stadt Iserlohn)

Iserlohn. Das Stadtmuseum Iserlohn zeigt bis Ende September die Ausstellung „Literatur in Iserlohn 1945 bis 1965. Autoren, Bücher, Filmmaterialien aus der Sammlung Dr. Walter Wehner“.

Dr. Walter Wehner, Germanist und Autor über die Ausstellung: „Iserlohn war nie der Nabel der Welt, aber im 19. Jahrhundert die größte und bedeutendste Industriestadt Westfalens südlich der Lippe. Im 20. Jahrhundert sank die Waldstadt zunächst zu einer ökonomisch und kulturell mittelmäßigen Kreisstadt herab, mehr konservativ geprägt als avantgardistisch, mehr heimelig als weltoffen. Ab 1933 regierte die NSDAP hier mit absoluter Mehrheit. Nach 1945 blieb vieles beim Alten, personell und manches auch strukturell. Die Netzwerke der NS-Zeit hielten weiter – in der Verwaltung, der Politik und im Literaturbereich.

Diese Gemengelage und ihre Akteure in der Nachkriegszeit aufzuzeigen, die Auf- und Abbrüche zu dokumentieren, den Literaturbetrieb der ersten Jahrzehnte zu analysieren, war das Ziel meiner literaturgeschichtlichen Untersuchung, die im Oktober diesen Jahres beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Münster unter dem Titel ‚Literatur und Literaturbetrieb in Iserlohn 1945-1965. Neustart oder Fehlstart?‘ erscheint. Zumindest zwei Punkte lösten bei der Recherche Überraschung aus: die Anzahl der NSDAP-Mitglieder in der Kulturverwaltung und im Literaturbereich – wobei beides nicht selten in einer Person zusammenfiel – und die umfangreiche Produktion von Leihbüchern in Iserlohn und seinen Nachbarorten.

Die für die Untersuchung maßgeblichen Bücher und Iserlohner Verlage können Geschichts- und Literaturfreunde im Stadtmuseum sehen, mit Hinweisen auf die Autoren und vielen Inhaltsangaben zu den Leihbuchschinken der damaligen Zeit. Sie werden auf vielgelesene Bücher aus ihrer Kinderzeit stoßen, auf erstaunlich viel Unterhaltungsliteratur, Schicksalsromane, Krimis und Wildwest-Abenteuer. Sie können den Versuch einiger Autoren, moderne Literatur in Iserlohn zu schreiben oder nach Iserlohn zu holen, als Neu- oder Wiederentdeckung für ihre eignen Leselust aufgreifen. Und Sie können sich amüsieren oder wundern, was die Saubermänner damals so alles auf ihre Verbotslisten setzten.

Die Ausstellung zeigt überdies Filmmaterialien von den erfolgreichen Filmen der Nachkriegsära von Grün ist die Heide bis zum Boom der Edgar-Wallace-Verfilmungen, sie dokumentiert den Umbruch Mitte der 1950er Jahre mit Rock‘n‘Roll, James Dean und „Hotte“ Buchholz und ihrem Erststart in den Iserlohner Kinos. Aber sie präsentiert auch Filmplakate, Programmhefte, Bilder zu den politischen Nachkriegsfilmen, die alle in Iserlohn nicht gezeigt wurden, auch wenn sie mit großen Stars wie Hildegard Knef, Maria Schell und Heidi Krahl aufwarteten. Die Besucher erwartet eine cineastische wie literarische Zeitreise und vielleicht die Erkenntnis: Die Stunde-Null hat es Vorort nicht wirklich gegeben. Auch wenn die britische Besatzungsmacht mit Filmklassikern wie Der dritte Mann und den Paul-Temple-Hörspielen Kulturgeschichte schrieben.“

Die Ausstellung ist bis zum 30. September zu sehen. Am Sonntag, 23. September, um 11 Uhr bietet Dr. Wehner eine Führung durch seine Ausstellung an. Eintritt und Führung sind kostenlos.