Neue wk-Serie: Vergessene Kinder, Teil 1

Iserlohn. (clau, 17.04.2010)

Neulich ging wieder einmal ein Aufschrei durch Deutschland. Er kam von den Personalchefs und Ausbildern vor allem in Industrie und Gewerbe: Tausende von Lehrstellen seien nicht zu besetzen, weil die Bewerber einfach nicht zu gebrauchen seien: „Sie wissen nichts, sie können nichts, sie taugen nichts, halten dafür aber umso mehr von sich.“ Was ist los mit Deutschlands Nachwuchs? Wie steht es um unsere Kinder?

Dieser Frage will der wochenkurier vor Ort in einer neuen mehrteiligen Serie nachgehen. In der heutigen ersten Folge kommt eine Iserlohner Grundschullehrerin zu Wort, die über Jahrzehnte lange Erfahrung verfügt. Was erlebt sie im Schulalltag? Sie berichtet hier anonym, um ihre Kinder nicht zu belasten und deren Familien nicht bloßzustellen. Hier ist ihre Darstellung:

„Immer mehr Kinder zeigen entweder Zeichen von Verwahrlosung oder auch umgekehrt von Überbehütung. Um die einen kümmert sich keiner, die anderen werden mit Fürsorge erdrückt.

Ein angenehmes Kinderleben besteht aus vielen Bausteinen. Da ist einmal die Gesundheit. Wir erleben in den Grundschulen, dass immer öfter Kinder sogar mit Fieber in die Schule geschickt werden, weil es keiner merkt, es niemanden kümmert oder einfach keine Betreuung für ein krankes Kind zuhause möglich ist.

Oft sind es erstaunlicherweise gerade die Elternhäuser, die eigentlich Zeit hätten, die sich eben nicht kümmern, während die Berufstätigen sich meist besser organisieren und auch Ausnahmesituationen ganz gut meistern.

Zur Gesundheit gehört die Ernährung. Wir sehen, dass immer mehr Grundschulkinder nüchtern in die Schule kommen. Zuhause gibt es kein Frühstück und im Tornister steckt auch kein Pausenbrot. Das heißt: Ungefähr die Hälfte der Klasse sitzt nüchtern im Unterricht. Nach spätestens dreißig Minuten sind die Kinder ausgelaugt. Die Köpfe sinken buchstäblich auf die Tischplatten und sie hängen nur noch der Frage nach, wann sie endlich etwas essen können. Sie sind zu müde und zu hungrig zum Lernen. Was es dann gibt, lässt aus der Sicht der Pädagogen oft sehr zu wünschen übrig: Süßigkeiten, spezielle Kindersnacks mit hauptsächlich Zucker – Nahrhaftes aus Getreide, Obst und Gemüse entdecken wir nur in den wenigsten der sowieso wenigen Brotdosen. Ich weiß von Kollegen, die, um den Hunger zu bekämpfen, sogar einen Brötchen-Holdienst eingerichtet haben. Der sammelt morgens gleich das Geld ein und rennt am Ende der Stunde zum Bäcker, um für alle Kinder ein Frühstück einzukaufen.

Viele Grundschüler kennen buchstäblich nicht den Unterschied zwischen Obst und Gemüse. Äpfel, Birnen und Bananen können sie noch benennen. Danach hört es aber für viele schon auf: Sie wissen nicht einmal den Namen von Johannisbeeren, Pampelmusen, Brombeeren oder Clementinen.

Zur Gesundheit gehört auch dies: Kinder kommen im Winter mit Sommerschuhen daher, bei Regenwetter zum Ausflug in kurzer Hose. Vorsorgetermine beim Kinderarzt werden verschlampt. Schuhe sind katastrophal krumm getreten, aber niemand reagiert auf das offensichtliche orthopädische Problem. Bei einem meiner Kinder hat die Mutter fast zwei Jahre gebraucht, bis sie es endlich geschafft hat, mit dem eindeutig schwerhörigen Kind einen Arzt aufzusuchen.

Die Eltern spielen die zentrale Rolle im Leben ihrer kleinen Kindern. Wir merken in der Schule schon ganz gut, was zuhause los ist. Bei einem Teil der Kinder dünsten ihre Kleidung oder ihre Haare massiven Zigaretten- oder Alkoholgeruch aus. Psychische Probleme der Erwachsenen belasten natürlich auch die Kinder. Zwar sagen sie meistens nichts, aber wir merken, dass sie sich verändern. Sie verkriechen sich, werden stumm und schotten sich ab. Die Elternsprechtage sind für viele der Eltern oft die einzige Möglichkeit, sich auszusprechen, sich auszuweinen, sich zu offenbaren. Dann wird uns Lehrern das Herz ausgeschüttet: Geldnot, Krankheit, Beziehungsstress, Depressionen, Alkohol, Drogen

Wir haben aber bei solchen Terminen nur etwa 15 Minuten für das Gespräch, das eigentlich ja das Kind zum Inhalt haben sollte. Oft muss ich dann regelrecht grob werden und sagen: ’Hören Sie, ich bin für Ihr Kind zuständig, aber nicht für Ihre Ehe.’

Erst am Ende der Grundschulzeit werden viele Eltern wach, wenn die Versetzung gefährdet ist oder der Schulwechsel ansteht und dann Fördermaßnahmen notwendig werden.

Wenn wir dann unsere ’Schätzchen’ an die weiterführenden Schulen abgeben müssen, sind die neuen Lehrer ganz erstaunt, was wir Grundschulpädagogen alles von unseren Kindern und ihren Hintergründen wissen.

Was ich hier ausführe, betrifft zum Glück nicht alle Kinder, aber viel zu viele. Es geht hier leider nicht um Ausnahmen, sondern um den stetig wachsenden Normalfall. Was ich sage, betrifft auch nicht nur gesellschaftliche Randgruppen, sondern es handelt sich leider um einen immer breiter werdenden Strom mitten durch unsere Gesellschaft.

Soweit das Zitat „unserer“ Grundschullehrerin.

(wird fortgesetzt)