Neustart statt Krise

Wenn gar nichts mehr geht, hilft oft schon ein erstes Basisgespräch in der Caritas-Beratungsstelle für insolvente Selbstständige, um wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen. (Foto: Caritas)

Iserlohn. (clau) Philipp ist ein begnadeter Tischler. Er liebt seine Arbeit. Vor einiger Zeit hat er sich selbstständig gemacht und kann in seinem Kleinstbetrieb über mangelnde Aufträge nicht klagen. Die Kunden sind zufrieden und beauftragen ihn immer wieder. Er schafft von früh bis spät. Tief in der Nacht quält er sich noch mit dem Papierkram ab – bloß: Es bleibt nichts übrig. Im Gegenteil, dem Mann steht finanziell das Wasser bis zum Hals. In wenigen Tagen wird ihm der Strom gesperrt, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Er weiß, so geht es keinen Tag mehr weiter. Er braucht Hilfe.

Ein Drittel aller Unternehmen scheitert in den ersten vier Jahren nach ihrer Gründung. „Das kann viele Gründe haben und mitunter ganz schnell gehen“, weiß Viola Herbel, Beraterin bei „CaBiS“, der Caritas-Beratungsstelle für insolvente Selbstständige, in der Karlstraße15. „Dem einen fehlt das kaufmännische Geschick, dem anderen die nötigen Ellenbogen, um Außenstände einzufordern. Auch Krankheit und oft eine Scheidung mit anschließenden Unterhaltsforderungen bringen viele kleine, junge Unternehmen ins Wanken.“

Wenn gar nichts mehr geht

Laufende Verbindlichkeiten, fixe Kosten, Vorleistungen bei Lieferanten, die Rückzahlung von Existenzgründungsdarlehen, Beiträge an die Sozialkassen – Selbstständige, die hier ins Straucheln geraten, fangen in ihrer Verzweiflung zunächst an, bei sich selbst zu sparen. „Da wird dann erst einmal der eigene Krankenkassenbeitrag eingespart“, hat Viola Herbel schon viel zu oft erlebt. „Die meisten Selbstständigen schleppen sich krank zur Arbeit statt sich auszukurieren. Erst wenn gar nichts mehr geht, holen sie sich Hilfe.“

Der erste Schritt

Der erste Schritt fällt den meisten sehr schwer. „Da ist viel Scheu im Spiel“, vermutet die Beraterin. „Aber: Ich erlebe hier tagtäglich, dass es den Ratsuchenden unmittelbar nach dem ersten Beratungsgespräch schon besser geht und sie sich anschließend wieder erleichtert auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können.“

Die meisten kämen gut vorbereitet, hätten eine klare Orientierung und ihre Unterlagen gut im Griff.

Das Basisgespräch

Im ersten einstündigen Basisgespräch gelingt es Viola Herbel meist schon, vieles mit den Ratsuchenden abzuklären: Wie steht es um die Existenzsicherung, die Krankenversicherung, die Sozialbeiträge? Wie sehen die Einkünfte aus? Wer sind die Gläubiger? Um welche Summen geht es? Was sind die Vor- und Nachteile eines Insolvenzverfahrens? Sollte man lieber das Gespräch mit den Gläubigern suchen und ein Schadensregulierungskonzept anstreben?

„Solch ein Basisgespräch kostet 95 Euro“, sagt Viola Herbel. „Meistens ist damit schon wirklich viel gewonnen. Die allermeisten Fälle sind in zwei bis drei Stunden abzuwickeln. Verbraucher-Insolvenzen sind dagegen viel aufwendiger, schwieriger und langwieriger.“

Neue für Selbstständige

Kompetent und erfahren: Viola Herbel berät insolvente Selbstständige im Auftrag der Caritas. (Foto: Claudia Eckhoff)

Weit über die Stadtgrenzen und sogar über die Kreisgrenzen hinaus dürfen seit einer erneuten Gesetzesnovelle Selbstständige und ehemalige Selbstständige wieder die Beratung der Caritas in Anspruch nehmen. Zwischen 2001 und 2011 war ihnen zehn Jahre lang nur der Gang zum Anwalt oder zu einem gewerblichen Insolvenzberater geblieben. „Viele haben die hohen Honorare gescheut und lieber weitergewurschtelt oder versucht, sich irgendwie selbst bei Gericht zu vertreten“, Viola Herbel kennt viele solcher Geschichten. Seit dem ersten Juni nun darf die Caritas mit dem großen Netzwerk an Hilfen, das hinter ihr steht, wieder tätig werden.

Monatlich 30 Fälle

Monatlich bitten rund dreißig Menschen um eine Sprechstunde: Freiberufler, Handwerker, oft Friseure und Betreiber kleiner gastronomischer Betriebe, Personen, die GmbHs mit einer Handvoll Angestellten leiten. „Ihnen zeigen wir schnell und nachhaltig Wege aus der Krise auf und öffnen ihnen eine neue berufliche Zukunft“, so Viola Herbel. „Die Leute verlieren ihre Existenzängste, können nachts wieder ruhiger schlafen und lernen letztlich hier auch, wie sie in Zukunft die Fehler der Vergangenheit vermeiden können.“

Folgen der Wirtschaftskrise

Gerade der Märkische Kreis nimmt zur Zeit in Nordrhein-Westfalen einen traurigen Spitzenplatz ein: Im Vergleich der Kreise und kreisfreien Städte ist die Zahl der Insolvenzen im ersten Halbjahr 2010 nirgendwo so stark angestiegen wie im heimischen Kreis. 798 Insolvenzen im Vergleich zu 415 im ersten Halbjahr 2009 entsprechen einer Steigerung von 74,7 Prozent! Die letzte große Wirtschaftskrise, monatelange Kurzarbeit und in der Folge sparsames Konsumentenverhalten haben in der Gastronomie, bei Kosmetikern und Friseuren ihre Opfer gefordert. Rat gibt es bei der „CaBiS“ in Iserlohn nach Terminvereinbarung unter Telefon 0 23 71 / 81 86 18. Infos auch unter www.caritas-iserlohn.de.