Nichts als Grün-Land? Ein Spanier in Iserlohn

Iserlohn. (clau) Pablo Ruiz Carreira hatte nicht viel über seine neue Heimat auf Zeit gewusst. Der BVB im benachbarten Dortmund war ihm ein Begriff. Und sonst? Ein starker Industriestandort sei es, hatte er erfahren, und folglich reichlich Fabriken, Schlote und Qualm erwartet. – Die Stadt, die der junge Spanier dann zwischen sanft schwingenden waldigen Höhen vorfand, verblüfft ihn vor allem mit ihrem Grün.

Spanischlehrerin Ute Schuller und Fremdsprachen-Assistent Pablo Ruiz Carreira werden am Tag der offenen Tür am Samstag, 2. Februar 2013, von 9.30 bis 13 Uhr mit weiteren Kollegen im Raum E 103 des Berufskollegs des Märkischen Kreises an der Hansaallee ihr Fach vorstellen. Kleine Kostproben aus der spanischen Küche wollen sie dazu reichen. (Foto: Claudia Eckhoff)

Der 32-Jährige steht in diesem Schuljahr als nunmehr vierter Spanisch-Muttersprachler am Berufskolleg des Märkischen Kreises an der Hansaallee 20 als Fremdsprachen-Assistent dem Fachbereich Spanisch zur Verfügung.

Er selbst entschloss sich mit 16 Jahren, Deutsch zu lernen. Französisch wäre ihm auf Grund der Nähe zum Spanischen zu wenig Herausforderung gewesen. Über Deutschland und die Deutschen wusste er zunächst nicht viel. Die Sprache war es, die ihn reizte.

Raues Klima

Noch zu Abi-Zeiten besuchte er Freiburg und blieb einen Monat. Er studierte sechs Jahre lang Maschinenbau in Valencia, verbrachte mit einem Erasmus-Stipendium ein halbes Jahr in Berlin und schrieb dort seine Diplomarbeit.

Nach anderthalb Jahren als Ingenieur in seiner Heimatstadt, trieb es den jungen Spanier dann ein drittes Mal nach Deutschland. Er arbeitete ein halbes Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Berlin und anschließend zwei Jahre lang bei Rolls-Royce. Sein Traumjob war es nicht: „So eine große Firma ist nichts für mich“, sagt er. „Zu viel Stress, zu viele Meetings und Business-Essen. Zu wenig Technik. Zu wenig Freiheit.“

Auch das Klima in Berlin trug seinen Teil bei. Das galt durchaus auch im übertragenen Sinne: „Es ist mir nicht gelungen, einen Freundeskreis aus Deutschen aufzubauen“, bedauert Pablo Ruiz Carreira. „Irgendwie war ich doch meistens mit anderen Spaniern zusammen.“

Kaum Chancen in Spanien

Er kehrte also in die wärmere Heimat zurück und beschloss, seinem Lebensweg eine ganz neue Wende zu geben. Zwei Jahre lang studierte er nochmals in Murcia, um eines Tages als freiberuflicher Übersetzer und Dolmetscher arbeiten zu können.

„Als Ingenieur hat man in Spanien kaum eine Chance“, sagt er. „Wer das Glück hat, überhaupt eine Stelle zu finden, wird schlecht bezahlt und muss ohne Ende Überstunden leisten. – Ich dagegen habe einfach große Freude an Sprachen und würde gern freiberuflich arbeiten.“

Erstaunliche Schüler

In Iserlohn erstaunen ihn nicht nur die Grünfächen, sondern auch seine Schüler. „Ich habe viele spanische Freunde, die Lehrer sind und die immer klagen, wie wenig diszipliniert und wie respektlos ihre Schüler sind“, schmunzelt Pablo Ruiz Carreira. „Hier scheint das anders zu sein. Ich bin überrascht, wie offen und nett die Schüler sind. Ich freue mich, dass sie mich auch grüßen, wenn wir uns zufällig in der Stadt über den Weg laufen.“

Privatunterricht habe er schon viel gegeben. Als Lehrer vor einer großen Klasse müsse er sich erst noch entwickeln, meint er bescheiden.

„Er macht das toll“, lobt ihn Ute Schuller, Initiatorin der Arbeit mit Fremdsprachen-Assistenten am Berufskolleg. „Unsere Schüler werden durch den Umgang mit ihm sehr bestärkt. Es gibt ihnen viel, dass er ihr Spanisch versteht und auch dass sie ihn verstehen können.“

Viel Wald – und sonst?

Die Waldstadt gefällt dem jungen Spanier gut. Er wohnt in einer Altbau-Wohnung am Rande der Innenstadt und geht gern zum Durchschnaufen eine Runde hinauf in den nahen Stadtwald. „Der deutsche Wald ist ganz anders als der spanische“, sagt er. „Dichter, dunkler, ernster.“

Wandern, Radfahren, Laufen – all das macht ihm Freude. Das deutsche Essen und das Sauerländer Klima setzen ihm aber zu. Auch im übertragenen Sinne: „Wo gehen hier Leute meines Alters aus?“, fragt er sich. „Für Jüngere und Ältere scheint es etwas zu geben. Aber Leute meines Alters finde ich nirgends. Sind sie weg? Studieren sie alle auswärts?“

Glück nur in der Ferne?

Wie er sind im letzten Jahr 50.000 seiner Landsleute auf der Suche nach Arbeit aus dem krisengebeutelten Spanien nach Deutschland gekommen. Spaniens junge Generation muss bei über 26 Prozent Arbeitslosigkeit ihr Glück auswärts suchen. „Mein Bruder ist nach Südamerika gegangen. Ich bin hier und versuche ein Leben aufzubauen. Zuhause geblieben sind außer meiner Mutter meine Schwester und meine Freundin,“ sagt Pablo Ruiz Carreira.

Immer lustig, immer locker, immer gut drauf, viel Spaß, viel Fiesta, wenig Arbeit und kein Schnee – zu seinen Aufgaben als Fremdsprachen-Assistent gehört es jetzt auch, solche Spanien-Trugbilder richtigzustellen.