Ostwärts aus Enge und Finsternis

Marlis Gorki hat jetzt auch den hinteren der Friedrichstraße bis zum Amtsgericht als neue spannende Stadtführung voller Geschichte erarbeitet. Allein über die ehemalige Nähnadelfabrik Schwanemeyer, von der heute nur noch Ruinen stehen, könnte sie allerlei erzählen. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Eine Stadtführung durch die Friedrichstraße? – Gar stadtauswärts von der Kreispolizei bis zum Amtsgericht? – Ahnen viele Iserlohner, welche Fülle an Geschichte(n), Anekdoten, Besonderheiten und Nichtalltäglichem sich hinter diesem Straßenabschnitt verbirgt?

Zugeben: Eine tolle Figur macht gerade diese Straße über weite Strecken heute nicht. Der Lack scheint ziemlich ab zu sein – Und doch, wer genauer hinschaut, wird belohnt!

Stadtführerin Marlis Gorki hat sich seit längerer Zeit der Friedrichstraße angenommen. Zuerst erforschte sie den unteren Teil von der ehemaligen „Bombe“ bis zum Kreishaus. Zwei Mal hat sie Gruppen durch diesen stadtnahen Straßenbereich geführt. Sie war selbst erstaunt, wie viele Menschen sich ihr anschlossen. Da gab es viel Spannendes zu hören und zu sehen rund um die Fleischerei Bürmann, die Senfmühle Thomas oder die einstige Firma „Schmidt Söhne“, die berühmt war für ihre Messingprodukte. Besonders die ehemals schier unglaubliche Dichte an gastronomischen Betrieben verblüffte dabei die Zuhörer.

Die Vorbereitung

Nun geht es weiter. Marlis Gorki hatte es versprochen und sie hält Wort.

Jede Menge Akten hat sie gewälzt, eine Vielzahl von Spuren verfolgt und alte Adressbücher durchforstet. Etliche Bücher hat sie gelesen, Zeitungsartikel gesammelt, geforscht, gefragt, gesucht. Neue dicke Ordner haben sich so schnell gefüllt mit verschiedenstem Material zur Friedrichstraße. Nur der kleinste Teil davon wandert – gut geschützt in Klarsichthüllen – in ihre Mappe, die sie letztendlich auf die Straße mitnimmt. Daraus liest sie bei ihren Führungen vor und zeigt Postkarten mit alten Ansichten.

Hin zur Großstadt

Etliche stolze Villen der Industriekapitäne wie diese säumten früher die Friedrichstraße. Vieles davon ist längst verschwunden. (Foto:Claudia Eckhoff)

In vielerlei Hinsicht ist die Friedrichstraße eine besondere Straße und spiegelt auf ihre ganz eigene Weise die Geschichte der Stadt Iserlohn auf ihrem Weg ins Industriezeitalter. An der Friedrichstraße lässt sich nachvollziehen, wie es einst weg ging von der verwinkelten engen Heimat der kleinen Fabrikskes im Hinterhof zur modernen Großstadt mit riesigen Produktionsanlagen und den Villen reichgewordener Industriekapitäne.

Im Glanz der Laternen

Das zeigt sich schon beim Thema Beleuchtung. Am 4. Januar 1899 schrieb die Tageszeitung: „Eine prächtige Beleuchtung hat neuerdings die obere Friedrichstraße in der Gegend vor dem Landratsamt erhalten. Die Straße bietet nunmehr wirklich einen Lichtpunkt in der traurigen Zerfahrenheit unserer öffentlichen Beleuchtungsverhältnisse. In bestem weißen Licht erstrahlend, zieht sich die Reihe der neue aufgestellten Laternen in langer Flucht hin, und es ist wirklich eine Freude, die an großstädtische Verhältnisse gemahnende Lichtfülle zu genießen. Und dieses Empfinden wird verdoppelt, wenn man eben aus einer dunklen Gegend der inneren Stadt herkommt, etwas vom Bahnhofsweg, über den sowohl der Einheimische wie der ankommende Reisende oft genug in ägyptischer Finsternis tappend die Stadt zu erreichen suchen muß. Jedenfalls ist dringend zu wünschen, daß die inneren Straßen der Stadt mit ihrem lebhaften Verkehr recht bald ebenso ’lichtvoll’ ausgestaltet werden wie das immerhin an der Stadtperipherie gelegene Ende der Friedrichstraße.“

Fabriken und Villen

Hier lagen gleich mehrere bedeutende Iserlohner Werke: Brause (Schreibfedern), Sudhaus (Steigbügel, Schlösser) oder etwa Schwanemeyer (Nähnadeln) hatten hier nicht nur ihre neuzeitlichen gigantischen Produktionsstätten mit eigenem Gleisanschluss an die Bahnstrecke. Wie es sich für damalige Fabrikanten gehörte, befand sich auch ihre private Villa in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die Fassade der Firma Brause ist heute noch ein echter Hingucker und beweist, wie formschön gerade auch Industriearchitektur gestaltet werden kann. (Foto: Claudia Eckhoff)

Firma Sudhaus

Die Firma Sudhaus arbeitet noch heute an gleicher Stelle etwas oberhalb der Bahnstrecke an der Teichstraße. Die prächtige alte Fabrikfassade ist erhalten. Die private Villa aber – im Auftrag des Industriellen Sudhaus für seinen Schwiegersohn und Nachfolger Karl Nörrenberg durch den bedeutenden Architekten Otto Leppin gebaut – wurde 1985 abgerissen. Inmitten ihres ehemaligen Parks steht jetzt das Amtsgericht.

Firma Brause

Anders liegt der Fall der Schreibfeder-Fabrik Brause. Noch heute kennt fast jeder Iserlohner die alten Werbesprüche „Die beste Feder, lieber Sohn, ist die von Brause Iserlohn“ oder „In der Schule und zuhause Federn, Füller nur von Brause“. Die erhaltenswerten Teile der alten Produktionsstätten stehen noch, aber sie beherbergen heute das Gewerbezentrum. Die Villa des Inhabers, Kommerzienrat Gustav Wilke, wurde ebenfalls abgerissen. Sie fiel schon 1964 der Abrissbirne zum Opfer. An ihrer Stelle steht heute ein klotziges Hochhaus, entstanden in einer Zeit, als man sich mehr schlecht als recht wieder einmal großstädtisch und zeitgemäß geben wollte.

Firma Schwanemeyer

Von der einst riesigen Nadelfabrik Schwanemeyer stehen heute nur noch beeindruckende Ruinen inmitten eines vor sich hin wuchernden Gestrüpp-Dschungels. Das Kontorgebäude und die Villa (Hausnummer 71) aber lassen ein wenig von den alten, glanzvollen Zeiten noch erahnen.

(wird fortgesetzt)