Pionierin auf Rädern: Als Frauen für Belgien starten mussten

Christel Stattaus
Christel Stattaus tritt täglich in die Pedale. Entweder auf ihrem Heimtrainer oder auf der Straße. Zugegeben manchmal auch per E-Bike. (Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis)

Märkischer Kreis/Hagen. (pmk) „Rauf aufs Rad“ heißt es in den Museen der Burg Altena und im Deutschen Drahtmuseum. Die gleichnamige Sonderausstellung wurde bis zum 6. Oktober 2019 verlängert. Sie schaut auf die Geschichte des Radfahrens in all seinen Facetten. Einen Blick auf den Radrennsport und die Rolle der Frauen wirft auch ein Besuch bei Christel Stattaus, der ersten Radrennfahrerin Westdeutschlands.

Fahrrad fahren war für Frauen lange Zeit nicht selbstverständlich, denn Fahrräder wurden lange Zeit von Männern für Männe‘ gemacht. Die Sonderausstellung „Rauf aufs Rad“ zeigt, wie sich das Rad als Fortbewegungsmittel im Alltag, in der Freizeit und im Rennsport nach und nach etablierte. Einen besonderen Akzent legt sie dabei auch auf die Frauengeschichte. Bei Christel Stattaus, geborene Kreimendahl, kommt alles zusammen: Die heute 79-Jährige war Ende der 50er Jahre West-Deutschlands erste Radrennfahrerin. Der Ausstellung hat sie einige Exponate aus ihrer privaten Sammlung zur Verfügung gestellt.

Sportliches Rennfahren blieb Frauen verwehrt. Es wurde bereits 1896 deutschlandweit verboten. Christel Stattaus aus Radevormwald ließ sich davon allerdings nicht abhalten: In den 50er Jahren fuhr sie unter belgischer Lizenz Rennen im Nachbarland. „Ich konnte als Kind eher Rad fahren als laufen“, beschreibt die fitte 79-Jährige ihre frühe Leidenschaft für das Radfahren bei einem Besuch im Johanniter-Haus in Radevormwald. Dort wohnt sie mittlerweile mit ihrem Mann Werner.

Christel Stattaus (damals)
Christel Stattaus bei einem Rennen in Belgien. Im selben Jahr nimmt sie an der Europameisterschaft teil und landet auf dem achten Platz. (Foto: Archiv)

Auch heute fährt sie noch 6.000 Kilometer Rad im Jahr. „So lange es noch geht“, wie sie sagt. Die eine Hälfte davon auf ihrem Heimtrainer, für den sie extra einen kleinen Raum in der Wohnanlage erhalten hat. Die anderen 3.000 Kilometer auf Touren mit ihrem Mann. Die beiden haben allein in den letzten Jahren 38 Touren gemacht: „Es gibt fast keinen Fluss in Deutschland den wir noch nicht entlanggefahren sind“, berichtet Christel Statt­aus. Sie sucht ihre Notizbücher heraus, in denen sie über die Strecken genau Buch führt und zeigt die Längen der Tagesetappen der letzten Touren. Mit fast 80 Jahren wird auch mal auf das E-Bike zurückgegriffen.

Mit dem Rennrad zur Arbeit

In ihren Jugendjahren besuchte sie mit ihrer Familie Radrennen in ganz NRW und sammelte Autogramme und Widmungen der Fahrer. Durch diese Verbindungen bekam sie von einem Betreuer des belgischen Profis Adolph Verschueren mit 18 ihr erstes Rennrad geschenkt, auf dem sie von da an fuhr. „Ich war zu der Zeit noch in der Lehre in unserem Familienbetrieb. Also bin ich morgens vor der Arbeit mit dem Rad von Radevormwald nach Schwelm und zurück gefahren. Und nach der Arbeit habe ich dann nochmal trainiert“, beschreibt Stattaus ihren Alltag.

1958 fährt sie ihr erstes Rennen in Belgien. Zu der Zeit waren es meistens Rundstrecken zwischen 50 und 70 Kilometern – auch mal auf Kopfsteinpflaster. Ihre Eltern waren zunächst nicht begeistert von ihrer Leidenschaft, ließen sich aber bald davon anstecken. „Ich war meistens das ganze Wochenende unterwegs und musste montags dann wieder arbeiten. Glück hatte ich, dass ich mich nie ernsthaft verletzt habe“, resümiert sie.

Die „radelnde Amazone“

Die Belgier beschreibt sie als „Radsportbesessene“: „Die Stimmung bei den Rennen war toll – wie auf einem Stadtfest!“, erinnert sie sich lebhaft. Mitunter fuhr sie jedes Wochenende nach Belgien, um bei Rennen zu starten. Ihr größter Erfolg war der achte Platz bei der Europameisterschaft 1958 – als einzige Deutsche.

Trotz ihrer Leistungen erlaubte ihr der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) die Teilnahme an den Weltmeisterschaften im selben Jahr nicht. Nach zwei Jahren musste sie aufgrund einer Erkrankung ihrer Mutter das zeitaufwändige Hobby beenden.

Erst 1967 erlaubt der BDR Radrennen für Frauen in Westdeutschland. Christel Stattaus hat sicher einen Beitrag dazu geleistet. Ihre Pionierarbeit im Radsport brachte ihr damals in der Berichterstattung unter anderem die Bezeichnung der „radelnden Amazone“ ein.

Weitere Schwerpunkte der Ausstellung sind die Entwicklung des Fahrrads von der Draisine bis hin zum Pedelec und die regionale Produktion der Fahrradindustrie.

 

 

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