Politik hautnah!

Berlin/Iserlohn. (Red.) Da ist er plötzlich, der Mann, für den sie am 22. September 2011 alles auf den Kopf gestellt haben in Berlin. In einer Wagenkolonne rauscht er mit seinem Anhang am Paul-Löbe-Haus vorbei, direkt zum Hintereingang des Reichstags am Friedrich-Ebert-Platz. Wer mal kurz frische Luft schnappen oder nur das Büro lüften möchte, ist jetzt ganz schlecht beraten: Sicherheitsstufe 1, das Regierungsviertel ist abgeriegelt. Der Iserlohner Stefan Reccius ist als Praktikant der heimischen SPD-Bundestagsabgeordneten Dagmar Freitag trotzdem nah dran an Papst Benedikt, als dieser im Bundestag seine viel beachtete Rede hält – aber irgendwie auch ganz weit weg.

Hände schütteln konnte der Iserlohner Student Stefan Reccius während seines Praktikums in Berlin auch mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier. (Foto: Dagmar Freitag)

„Von unserem Büro sind es vielleicht 100 Meter Luftlinie bis zum Reichstag. Durch die unterirdischen Verbindungswege zwischen den Gebäuden bin ich fast jeden Tag hier durchgelaufen. Aber an diesem Tag – keine Chance“, sagt Stefan Reccius. Der 22-Jährige ist in Iserlohn aufgewachsen, studiert seit vier Semestern in Mainz Politikwissenschaft und absolvierte in den Semesterferien ein sechswöchiges Praktikum im Abgeordnetenbüro von Dagmar Freitag. „Eine spannende Zeit. Der Papstbesuch war sicherlich eines der Highlights, auch wenn wir Praktikanten und Mitarbeiter nur am Fernseher im Büro verfolgen konnten, was Benedikt den Abgeordneten zu sagen hatte.“

Beraten über Südsudan, Palästina und Euro

Während der sechs Wochen war der Student in die tägliche Büroarbeit eingebunden. Durch die Bearbeitung von Bürgeranfragen etwa bekam er einen guten Eindruck von den kleinen und großen Dingen, die die Menschen in der Heimat bewegt. Die Vor- und Nachbereitung diverser Veranstaltungen sensibilisierte für das komplexe Thema Sportpolitik, dem sich Dagmar Freitag in ihrer Funktion als Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses verschrieben hat. Nicht minder wichtige Themen standen auf der Agenda der Arbeitsgemeinschaft Außenpolitik, in der die Sitzungen des Auswärtigen Ausschusses vorbereitet werden. Der palästinensische Antrag auf Vollmitgliedschaft bei den Vereinten Nationen oder die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes im Südsudan, über die am Tag der Entscheidung über den Euro-Rettungsschirm ebenfalls namentlich abgestimmt werden musste, waren nur zwei der brennendsten Themen.

„In den Köpfen der Menschen ist – verständlicherweise – insbesondere die Euro-Krise verankert. Sie ist das bestimmende Thema, das wird auch in Berlin deutlich. Die einzelnen Ressorts machen aber erst die Komplexität und Vielfältigkeit deutlich, mit der sich die Politik zu beschäftigen hat“, so Stefan Reccius. Sportpolitisch treiben Dagmar Freitag und ihre Kollegen insbesondere die Gebiete Doping- und Korruptionsbekämpfung um. „Wer sich mit Spitzen-und Breitensport befasst, kommt um diese Themen nicht herum“, bilanziert der 22-Jährige.

Die Sache mit dem Protokoll

Er sammelte reichlich Erfahrungen zum politischen Geschehen in der Hauptstadt. Die Entscheidung bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl erlebte der Student bei der SPD-Wahlparty mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ebenfalls hautnah. Bei Führungen durch das Rote Rathaus und das Bundeswirtschaftsministerium lernte er geschichtsbeladene Arbeitsplätze von innen kennen. Das Praktikum rundeten Besuche von Sitzungen der Arbeitsgemeinschaften Außenpolitik und Sport, des Sportausschusses, der Fraktion und des Bundestagsplenums ab. Bei letzteren wird mitunter bis in die Nacht debattiert – was dazu führen kann, dass es bei einer interessanten Debatte am Einlass zur Besuchertribüne heißt: „Wird zu Protokoll gegeben“. Was wiederum bedeutet, dass man sich umsonst auf den abendlichen Weg ins Plenum gemacht hat. „Schwamm drüber, ich habe unglaublich viele Eindrücke gewonnen. In zwei Wochen geht es zurück nach Mainz, da wird es wieder deutlich beschaulicher. Ein schöner Kompromiss zwischen einer Millionenstadt wie Berlin und Iserlohn.“