Rauchgeld und Hühner aus der „Glühhütte“

Letmathe. (clau) Sie prägten einmal fast das Stadtbild: Die kleinen, meist im Nebenerwerb betriebenen „Glühhütten“ standen in Iserlohn immer nur einen Steinwurf vom Wohnhaus der in ihnen hart schuftenden Kettenschmiede entfernt.

In seiner neuesten Schrift befasst sich Günter Opalka mit der Oestricher Kettenschmiede „Teves vor den Gärten“. (Foto: Claudia Eckhoff)

In und um Iserlohn gab es im 19. Jahrhundert um die fünfhundert solcher Kleinstschmieden. Der heimische Raum nahm innerhalb Deutschlands eine führende Stellung in Sachen Kettenindustrie ein. Ketten verschiedenster Art und Länge, Viehketten – besonders Kuhketten -, Bindeketten, Gerüstketten, Wagen-, Karren-, Trag-, Zug- oder Militärketten entstanden tausendfach in harter Heimarbeit.

Immer sieben Schläge

Von früh morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit stand der „Kiettenknüpper“ meist auf nur einem Bein, trat mit dem anderen den Blasebalg, hielt mit der Linken die Knüpfzange mit dem weiß geglühten Glied und schlug mit der Rechten mit sieben Schlägen das erst u-förmige Kettenglied ums „Ambosshörnchen“ herum zusammen – Stück für Stück und Tag für Tag. In der Hauptsache aber lebte die Familie des Kettenschmiedes vom Ertrag ihrer Felder, Gärten und Ställe, den ihre Frauen auf den Märkten der Umgebung anboten.

Erst um 1900 herum und endgültig nach dem Ersten Weltkrieg war die Technik des mechanischen Schweißens mittels Elektrik soweit entwickelt, dass sich die Heimarbeit absolut nicht mehr lohnte. Die Produktion verlagerte sich ganz in die Fabriken, die schon zuvor die Heimarbeiter beauftragt und auch mit Rohstoffen beliefert hatten.

Was steckt hinter den Verträgen?

Mit einer der letzten und wohl ältesten Kettenschmieden befasst sich der Letmather Günter Opalka, Autor bereits zahlreicher lokalhistorischer Schriften, in seinem neuesten Werk. Unter den viele Jahrhunderte alten Akten und Dokumenten aus der Verwaltung des Hauses Letmathe, die vor etlichen Jahren im letzten Augenblick vor dem Müllschlucker bewahrt und dem geschichtsinteressierten Autor übergeben wurden, befanden sich auch einige Verträge, die die Schmiede „Teves vor den Gärten“ betrafen.

Die an sich eher spärlichen Verträge regten den pensionierten Bauingenieur bald zur gründlicheren Nachforschung an. Er begab sich also nach Oestrich, wo an der Berliner Allee 112 das heute denkmalgeschützte Schmiedehäuschen steht.

Vierhundert Jahre gesammelt

Dort lebt im Hause seiner Vorfahren Friedhelm Teves mit seiner Frau Anneliese. Er förderte einen wahren Schatz zu Tage: Dokumente, die über vier Jahrhunderte liebevoll gesammelt und aufgehoben wurden, überließ er Günter Opaka. „Friedhelm Teves war richtig erfreut über mein Interesse“, sagt der Autor. „Schon eine Stunde später hatte ich eine in Leder gebundene Steuerkladde – das Pachtbuch – begonnen 1709, etliche Akten, Dokumente, Foto-Alben und viele andere Erinnerungsstücke aus Generationen vor mir liegen.“

Aus allem hat Günter Opalka mittlerweile auf rund 100 Seiten die Geschichte der kleinen Kettenschmiede „Teves vor den Gärten“ aufgearbeitet und gut zu lesen dargestellt. Die Schrift besteht aus drei Teilen. Im ersten hat der Autor die alten Dokumente verständlich gemacht.

Pachtbuch von 1709

Aus ihnen spricht nun der Alltag, die Mühe, Freud und Leid. Im Pachtbuch etwa lässt sich verfolgen, wie aus der Schmiede zwischen 1709 und 1800 Jahr für Jahr zum St. Martinstag die Pacht an die Grundherren mit Sitz im Haus Letmathe abgeführt werden musste. „Rauchgeld“ und „Wachtgeld“ galt es zu zahlen. Acht Mal jährlich musste der Schmied „Handdienste“ leisten, also für den Grundherren arbeiten, statt im eigenen Kotten. Und: Vier Hühner wechselten jedes Jahr aus dem Stall des Schmiedes hinüber in den des Herrensitzes. Die herrschaftlichen Verwalter quittierten stets den Erhalt.

Ein hartes Leben

Die kleine Schmiede des „Kiettenknüppers“ Teves an der Berliner Allee 122 in Oestrich steht längst unter Denkmalschutz. (Foto: Claudia Eckhoff)

Der Leser erfährt viele spannende Details aus dem oft harten Leben der Schmiedefamilien. Hochzeit, Geburten, Todesfälle, drohende Armut, Schulden, verwaiste Kinder, Grundstücks-, Erb- und Vormundschaftsangelegenheiten, Besitzverhältnisse und Grundstückshandel – all das wird lebendig. Inventar-Listen aus verschiedenen Jahren zeigen, wie entbehrungsreich und bescheiden die Menschen lebten.

Die heutigen Teves

Im zweiten Teil gewährt die heutige Familie Teves Einblick in ihr buntes ländliches Leben inmitten ihrer vielen Tiere. Aber auch aktuellere Zeitdokumente finden sich hier: Ahnentafeln aus der Zeit des NS-Regimes, ein Entlassungsschein von der Wehrmacht sowie Dokumente zur Unterschutzstellung der Kettenschmiede als technisches Kulturdenkmal 1983.

„Iserlohner Kettenschmieden“

Der dritte Teil ist eine Neubearbeitung der von Dr. Wilhelm Bleicher verfassten und 1986 vom Westfälischen Heimatbund in Münster herausgegebenen und längst vergriffenen Schrift „Iserlohner Kettenschmieden. Technische Kulturdenkmale in Westfalen“. Mit Genehmigung von Dr. Wilhelm Bleicher konnte sie nun auf diesem Wege wieder aufgelegt werden.

„Teves vor den Gärten“ kann für 15 Euro bestellt werden bei: „die kleine Buchhandlung“, Hagener Straße 29 in Letmathe (Telefon 02374/ 10109), oder direkt bei Günter Opalka unter Telefon 02374/ 2919.