Reformation heute

Martina Espelöer, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Iserlohn, stand dem wk Rede und Antwort. (Foto: Archiv)

Iserlohn. (clau) Zu einem bunten Reformationsfest mit viel Musik hatte der evangelische Kirchenkreis Iserlohn am Mittwochabend in die Oberste Stadtkirche eingeladen. Zum Teil in historischen Gewändern wollten die Gastgeber dabei Luther und die durch ihn ausgelöste Reformation erlebbar machen. Der Reformationstag am 31. Oktober forderte aber auch dazu auf, in die Gegenwart und Zukunft zu blicken. Wie wird sie geartet sein, die neue „Kirche nach der Kirche“?

Dem wochenkurier stand hierzu die Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Iserlohn Martina Espelöer zu einem Interview zur Verfügung.

wk: Was verdanken wir Martin Luther?

Martina Espelöer: Er hat eine Bewegung in die Kirche gebracht, die nicht von allen gut aufgenommen wurde. Sogar er selbst wollte zwar eine Erneuerung, aber nicht eigentlich gleich eine neue Kirche! Er wollte, dass die Menschen selber die Bibel lesen können und hat sie das erste Mal ins Deutsche übersetzt. Er selber hat Trost erfahren aus dem Lesen der biblischen Erzählungen durch das tiefe Gewahr-Werden: Du genügst. Um Gott nahe sein zu können, musst du keine Glaubensakrobatik betreiben. Darin liegt ein ganz neues Verständnis davon, was mit „Gnade“ gemeint ist.

wk: Wofür bewundern Sie Martin Luther am meisten?

Martina Espelöer: Dafür, dass er mutig und standhaft war, dass er als kleiner Pfarrer der damaligen römisch-katholischen Kirche die Stirn geboten hat, mit einer Bewegung, die sich bis heute in unser Nachdenken über Kirche auswirkt. Wir erleben im Alltag immer wieder, dass Kirche da besondere Unterstützung findet, wo sie mutig ist.

wk: Was müsste denn heute getan werden? Wo besteht Reformbedarf?

Martina Espelöer: Es hat sich in letzter Zeit schon vieles reformiert. Die Kirche, so wie viele Menschen sie noch in ihrer Vorstellung haben, wie sie sie selbst als Schüler des Religionsunterrichts oder als Konfirmanden erlebt haben, gibt es vielerorts so schon gar nicht mehr.

wk: Was ist neu?

Martina Espelöer: Der autoritäre Umgang mit Jugendlichen etwa gehört ganz der Vergangenheit an. Der Konfirmationsunterricht ist geprägt von Dialog, Kreativität und Projekten. Dazu gehören die beliebten Konfi-Camps mit oft 150 Jugendlichen, die zelten, diskutieren, Gottesdienste feiern und die Bibel erkunden. Das gesamte kirchliche Leben hat ein lebendiges und offenes Gesicht bekommen. Die Pfarrerinnen und Pfarrer samt allen Ehrenamtlichen nehmen die Menschen ernst in dem, was jeder Einzelne mit in die Kirche und die Gemeinschaft bringt. Auch mit unserem neusten Projekt „Barrierefreier Kirchenkreis“ sind wir wieder ein gutes Stück vorangekommen.

wk: Ist das also die Kirche von morgen?

Martina Espelöer: Wir sind erst auf einem Weg zu einer „Kirche nach der Kirche“. In Zukunft wird es, denke ich, ganz neue Sozialformen geben, Zielgruppengemeinden, Jugendkirchen, Besuchskirchen Die klassische ländliche Dorfgemeinde gibt es zwar noch hier und da, aber in Zukunft werden sich an den einzelnen Orten wahrscheinlich unterschiedliche Schwerpunkte herausbilden. Die Kirche als Ort wird sich mehr und mehr der Kunst und der Musik öffnen, um so den unterschiedlichsten Menschen Raum für spirituelle Erlebnisse zu gewähren.

wk: Erreicht die Kirche heute noch wirklich die modernen Kinder und Jugendlichen?

Martina Espelöer: Hier erfüllen die Religionslehrer, die an den Schulen mitten im Leben stehen, eine ganz wichtige Aufgabe. Für viele junge Menschen sind sie der einzige Zugang zur Religion. Ich selbst habe viele Konfirmandengruppen gehabt. Diese 13- und 14-Jährigen stellen genau die richtigen zentralen Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wie bekomme ich Boden unter die Füße? Wie macht mein Leben Sinn? Was kommt nach dem Tod? – Das sind die Fragen, die uns voranbringen, um die es letztlich geht.

wk: Und? Hat die Kirche Antworten?

Martina Espelöer: Der moderne Mensch in seiner Lebenssehnsucht und mit seinem großen Bedürfnis nach Spiritualität ist oft überfordert, steckt im Hamsterrad. Was wir brauchen, ist ein neuer Gnade-Begriff, dieses „Du genügst!“, wie Luther es verstand. Scheitern darf sein! Wir müssen für vieles neue Bilder finden, Begriffe wie den der „Sünde“ heilen und für vieles eine neue Sprache erringen. Ich als eine begeisterte „Anwältin der 13-Jährigen“ plädiere statt für ein pädagogisierendes Belehren für ein gemeinsames Sich-Bilden. Das hinterfragende Gespräch ist eine Bereicherung – für uns alle.