Richard Hagel liebt die Schlangenhaut

Iserlohn. (clau) „Die 60er Jahre in Iserlohn? – Das war eine wilde, wüste Zeit. Da hat doch fast jeder von sich geglaubt, dass er jetzt ein Beatle wird“, lacht Richard Hagel durchaus über sich selbst. Die Stimme der „Peewee Bluesgang“ hat viel erlebt, kann viel erzählen, aber vor allem immer noch sein Publikum rocken – auch mit 67 Jahren.

Genau das wird er tun bei seinem 50. Bühnenjubiläum am nächsten Samstag, 23. November 2013, in der Parkhalle. Um 20 Uhr geht das Spektakel los. Das Beste aus 50 Jahren wird er rauslassen – mit Peewees und handverlesenen Musik-Freunden.

Von Hamburg bis München

Er hofft, dass seine Generation kommen wird. Oder sitzen die, mit denen er groß geworden ist, inzwischen etwa abends Sofakissen platt statt „durchzudrehen“?

Tausende Male hat Richard Hagel mit der Peewee Bluesgang auf den Bühnen der Republik gestanden. 16 Alben und CDs entstanden, Auftritte im In- und Ausland, in Funk, Fernsehen, bei Open-Air- und Hallenkonzerten füllen schier unübersehbar ein halbes Jahrhundert als Sänger, als Frontmann und Rampensau einer der landesweit ältesten und erfolgreichsten Bluesbands.

„Iserlohn ist der Mittelpunkt von Deutschland“, meint Richard Hagel. „Von hier aus ist man überall schnell. Rein in den Tourbus, Gas geben und um 21.30 Uhr kann man von Hamburg bis München überall auf der Bühne stehen.“

Schlangenhaut und Rock ‚n‘ Roll

Das taten die Peewees in früheren Zeiten rund 150 Mal im Jahr. „Zwei Stunden spielen, dann ins Hotel und morgens wieder zurück und arbeiten“, so sah über Jahrzehnte das Leben der Bandmitglieder aus.

„Ich bin vom Sternzeichen her Löwe“, sagt Richard Hagel. „Ich sonne mich gern, mag das Scheinwerferlicht. Bis mittags habe ich gearbeitet, bin dann in meine andere Schlangenhaut geschlüpft und habe meinen Rock ‚n‘ Roll gemacht.“

Von 6 bis 14 Uhr hat der aus einer hochmusikalischen Familie gebürtige Donauschwabe ganz bürgerlich gearbeitet. „Werkzeugmacher war ich 47 Jahre lang. Allein 36 Jahre davon habe ich bei der Firma Reynolds Aluminium meine Brötchen verdient“, erzählt er.

Kein Held für einen Tag

Der berühmte „Held für einen Tag“ – das wollte er nie sein. „Das Musikgeschäft ist schwierig und kurzlebig“, schüttelt er den Kopf. Die meisten „Stars“ von heute treten morgen schon nur noch bei Baumarkteröffnungen, Firmenjubiläen oder in Bierzelten auf, weiß er. Was in Casting-Shows so locker und leicht aussieht, täuscht. „Arbeit. Arbeit. Arbeit. Üben. Üben. Üben!“, stand über Hagels Weg zum Erfolg und steht da bis heute.

Talent? – Das ist nur die halbe Miete, weiß er. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Leuten… – das macht die andere Hälfte aus. Den Jüngeren will er aber als „Opa nichts vom Krieg erzählen“. Zu sehr haben sich Technik, Kommunikationswege und Lebensstil geändert, seit er erstmals die Bühne enterte.

Zu Hause beim „Löwen“

„Ich kann‘s nicht lassen“, gesteht er. „Aber heute habe ich nur noch rund 25 Auswärtskonzerte. Das reicht. Ich muss mir und anderen nichts beweisen.“

Außerdem: Zuhause ist es auch schön. Der unterm Zeichen des Löwen geborene Richard Hagel wohnt jugendlich und bunt in einem Altbau von 1906 nicht weit zu Fuß vom Seilersee. „Einer meiner Lieblingsorte“, sagt er. „Hier bin ich fast jeden Tag – trotz der Brücke!“

Sein Zuhause teilt er nicht nur mit seiner Lebensgefährtin, sondern auch mit rund 5000 LPs und etwa 2.000 CDs. Ein Klavier, eine Klarinette und ein Akkordeon dienen nur zur Deko. Spielen kann Hagel dafür Gitarre – und die Geige, mit der seine musikalische Laufbahn einst begann.

Jäger und Sammler

Hunderte von Käfern, einige Heuschrecken, Tausendfüßler, Skorpione, Spinnen und Fledermäuse wohnen auch bei Hagels. Er hat sie unter Glas in Kästen an der Wand. Sie stammen von überall. „Wenn wir auf Tour waren, bin ich in die einschlägigen Läden gezogen und hab mir so ein Tier gekauft“, schmunzelt er. Ein bisschen Naturforscher oder Jäger und Sammler steckt halt auch in ihm.

Ein Schlusswort? „Ich grüße alle, die mich kennen“, grinst er breit.