Rio im Blick – Iserlohn im Herzen

Iserlohn. (hc) Der größte Traum eines Sportlers ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Dafür wird hart trainiert und so manche Entbehrung in Kauf genommen. Stets an der Seite dieser Sportler sind ihre Trainer. Wie Carlos Esteves. Der Iserlohner ist Taekwondo-Bundestrainer und leitet zudem das TKD-Center in der Waldstadt. Sein größter Erfolg war die Bronzemedaille von Helena Fromm bei den Olympischen Sommerspielen in London im Jahr 2012.

Dabei hätte die sportliche Laufbahn von Carlos Esteves, wenn es nach dem Willen von Esteves Senior gegangen wäre, eine ganz andere Richtung genommen. Mit 18 Jahren war er in Portugal zum Probetraining bei Boavista Porto und  Sporting Lissabon. Damals war Fußball nämlich noch die Hauptsportart im Hause Esteves. Als Carlos den unterschriftsreifen Profivertrag vorliegen hatte, entschied er sich gegen den Fußball und für das Taekwondo. „Mein Vater hat anschließend ein halbes Jahr nicht mehr mit mir geredet. Er hat gesagt, dass ich ein einfacheres Leben hätte haben können, doch ich bin mit der Entscheidung auch noch heute zufrieden“, erklärt Esteves.

Nach dieser wirklich richtungsweisenden Entscheidung blieb er in Deutschland und wurde unter anderem zehnmal deutscher Herrenmeister.

Einstieg in das Trainergeschäft

Nach seiner aktiven Karriere blieb er dem Sport erhalten und wechselte von der Matte auf den Trainerstuhl. Seine akribische Arbeit brachte ihm innerhalb kürzester Zeit Erfolg. „Ich habe innerhalb von sechs Jahren beim Letmather TV eine Taekwondo-Abteilung gehabt, die international erfolgreich war.“ Europameister, Vize-Weltmeister – Esteves Zöglinge standen für Erfolg, vor allem weil der Trainer viel Herzblut und Zeit in seine Sportler investierte.

„Von nichts kommt nichts“, lautet sein Motto. Zwei Trainingseinheiten pro Woche standen ihm in der Turnhalle zu Verfügung, viel zu wenig aus Sicht des Trainers, der den Leistungssport im Blick hatte. Also baute er den Dachboden seines Hauses aus und trainerte dort mit seinen Schülern. „Im Winter hat es reingeschneit“, berichtet er von der Zeit damals.

Aufstieg

Der Erfolg blieb nicht unbemerkt. Zunächst wurde Esteves Trainer beim Bezirks-, dann beim Landesstützpunkt. Schließlich war er für die Kämpfer aus ganz Nord­rhein-Westfalen zuständig – mit großem Erfolg. „Unsere Kämpfer haben alles abgeräumt“. Der nächste Schritt auf der Karriereleiter wäre der Bundestrainer gewesen, doch Esteves fehlte etwas ganz Elementares – er war nicht lizensiert.

Allem Fachwissen zum Trotz, der Verband bestand darauf, dass er seine Trainerscheine nachholte. Und binnen zwei Jahren war er A-Trainer.  Schon während dieser Zeit war er allerdings als Assistenztrainer beim Bundesverband tätig und war ab 2005 für den weiblichen Nachwuchs zuständig.

Ein Traum wird wahr

Und auch der Olympiatraum erfüllte sich 2008. In Peking war er erstmals dabei, musste aber mit ansehen, wie man „mit offenen Augen ins Verderben rannte“. „Ich habe die Fehler gesehen, konnte sie aber nicht abstellen“, berichtet er. Deshalb beschloss er, sich selbst für das Amt des Frauen-Bundestrainers zu bewerben. Doch seine Bewerbung fiel zunächst nicht auf einen Nährboden. „Ich habe meine Vorstellungen einer Kommission vorgestellt, und die haben gesagt ‚Das geht nicht!‘ und ich habe geantwortet: ‚So mache ich es aber schon die ganze Zeit!‘.“

Im Gefühl, dass es zwischen Verband und ihm nicht zusammenpassen würde und 19 andere Bewerber ebenfalls gerne den vakanten Job haben wollten, wollte er bereits abreisen. Doch nach stundenlangem Warten erhielt er die positive Nachricht: Er wurde neuer Bundestrainer. Gleich machte er sich akribisch an die Arbeit. In London wurde sie mit der Bronzemedaille gekrönt. Als Helena Fromm sich für das Familienleben entschied, musste Esteves ganz neu anfangen.

Neuanfang für  Rio 2016

Und mit Rabia Gülec, Gewinnerin der EM-Bronzemedaille in diesem Jahr, hat er nun die nächste Hoffnungsträgerin. Doch ob seine Karriere als Frauen-Bundestrainer nach den Spielen in Brasilien weitergeht, lässt Esteves offen. Eine Stelle beim Verband auf Bundesebene will er aber weiterhin bekleiden, um seine Erfahrungen und Ideen an andere Trainer und Athleten weiterzugeben.

Leistungszentrum

Apropos Ideen: Eine ganz große möchte der Erfolgscoach noch in seiner Heimatstadt verwirklichen. Ein Leistungszentrum, dass sportartübergreifend genutzt werden kann. Wenn er von diesem Projekt spricht, kann man die Leidenschaft spüren. „Es geht darum, dass man einzelne Elemente aus den Sportarten nimmt und für andere nutzbar macht.“

Dieser von ihm angesprochene Synergieeffekt soll den Sport in Iserlohn insgesamt weiter nach vorne bringen. Eishockey-Spieler können an ihrer Rumpfstabilität arbeiten, gegenüber die Leichtathleten an ihrer Sprungkraft – Carlos Esteves hat ein ehrgeiziges Ziel.

Herz und Seele

Das Feilen an Trainingsmethoden hat ihn zu einem sehr erfolgreichen Taekwondo-Trainer gemacht. Doch über die Grenzen des eigenen Sports hinaus sieht er Möglichkeiten und Potenziale, die er nutzbar machen will. Das treibt ihn an, das macht ihn zu Herz und Seele seines TKD-Centers, aber auch des Taekwondos in Iserlohn und Deutschland.