Rolli-Fahrer (71 Jahre) bittet: Liebe Politessen, verschont mich!

Iserlohn. (clau) Er, der zeitlebens immer nur schnelle Sachen liebte,
wurde vom Schicksal brutal ausgebremst. „Plötzlich saß ich auf dem Hintern.
Schlaganfall“, sagt Gerd Brinkmann. Das war vor sechs Jahren.

Bis dahin stand der damals 65-jährige Iserlohner immer noch mitten im Leben.
Er arbeitete in seinem eigenen Geschäft als orthopädischer Schuhmacher wie vor
ihm sein Vater und Groß­vater. „Fertige Schuhe habe ich selbst ausgeliefert
und zwar mit dem Motorrad“, erzählt er und grinst. „Ich hatte eine
180-PS-Maschine, bin Motorboot gefahren und Wasser-Ski. Noch heute fahre ich
gern schnell: Mein Rollstuhl macht zwölf Stundenkilometer statt der üblichen
sechs.“
Ein ständiger Kampf
Er ist ein großer, stattlicher Mann. „Brinkmann. Wie der aus der
Schwarzwaldklinik“, lacht er bei der Begrüßung. Die dicken orthopädischen Schuhe
an seinen großen Füßen hat er noch selbst gemacht. Aber laufen kann er darin
fast gar nicht mehr. Ein paar mühsame Schritte am Stock fordern ihm äußerste
Anstrengung ab, zumal auch der rechte Arm nicht mehr so kann, wie er soll.
Gerd Brinkmann rollt nun beschwerlich durch den Alltag. „Um alles muss man
kämpfen“, sagt er. „Ob nun der elektrische Rollstuhl oder die Pflegestufe 2 oder
nur ein passender Parkplatz – nichts wird einem zugebilligt, ohne dass man erst
laut werden muss.“
Sein ganzes Leben lang hat er an der gleichen Adresse in der Altstadt im
ersten Stock gelebt. Aber der Schlaganfall veränderte alles. „Ich habe schon im
Badezimmer Umbauten vorgenommen und schlafe in einem erhöhten Galgen-Bett, aber
ich komme ja gar nicht mehr die Treppe rauf“, sagt der heute 71-Jährige. Deshalb
ist er nun umgezogen. Schon seit ­November lief der Mietvertrag für eine
behindertengerechte, barrierefreie IGW-Wohnung mit Aufzug in ­Wermingsen.
Einziehen konnte er aber ­monatelang nicht, obwohl er schon Miete zahlte.

Langes Tauziehen
Und das lag am Parkplatz. Das Haus liegt zwischen den Straßen „Auf dem
Winkel“ und „In der Lau“ an einem steilen Hang. Der Eingang zum Aufzug befindet
sich unten. Dort aber müsste Gerd Brinkmanns großer Kombi, in dem er selbst nur
noch Beifahrer ist, entgegen der Fahrtrichtung parken dürfen.
„Die Stadt ist verpflichtet mir einen Behinderten-Parkplatz zur Verfügung zu
stellen“, sagt er. „Ich kann zur Bürgersteig­seite gar nicht aussteigen. Da
ist die Kante zu hoch. Das schaffe ich nur da, wo ich die Füße auf die Fahrbahn
setzen kann.“ Zudem muss seine Parklücke sehr lang sein, damit hinten die Rampe
ausgefahren werden kann und noch ­Rangierfläche bleibt, um den riesigen
Elektro-Rollstuhl heraus zu manövrieren.
Keine Knöllchen, bitte!
Entgegen der Fahrtrichtung parken? – Dazu ihre Erlaubnis zu erteilen, fällt
der städtischen Behörde schwer. Monatelang zog sich das Tauziehen hin. Einen
passenden Parkplatz an der oberen Hausseite hätte er gleich bekommen können.
„Aber von da sind es 50 Stufen bis zum Hauseingang. Wie soll ich das denn
schaffen?“, fragte der Rollstuhl-Fahrer sich und die Stadt lange. Nun endlich
hat Gerd Brinkmann seinen Parkplatz markiert bekommen. Am unteren Hauseingang,
nahe dem Aufzug steht nun „sein“ Parkplatzschild. „Trotzdem muss ich gegen die
Fahrtrichtung parken, sonst komm ich ja nicht raus“, schmunzelt er. „Ich bitte
also hiermit die Iserlohner Politessen, ein Einsehen mit mir zu haben und mich
mit Knöllchen zu verschonen.“
Schüppchen Asphalt?
Und noch eins: Wenn jemand mal ein Schüppchen Asphalt übrig haben sollte:
Gerd Brinkmann könnte es gut gebrauchen. Damit müsste das eigentlich ganz
unscheinbare Loch in der Fahrbahndecke geflickt werden, das genau da klafft, wo
es ihm das Leben schwer macht. Da genau kommt der Rollstuhl-Vorderreifen zum
Stehen, wenn Gerd Brinkmann mühsam versucht, sich aus dem Beifahrersitz des
Autos herüber zu hieven. Und genau da verheddert und verkeilt sich dann alles
unter dem großen Mann.
Der Humor ist ihm trotzdem nicht ganz abhandengekommen. „Ich träume heute
noch von David Hasselhoffs ‚Firebird‘“, sagt er und dreht fix mit schnittigen 12
Stundenkilometern eine Rolli-Ehrenrunde.