SonnTalk: Für ewig Dame

Für Friseurin Ivonne war Gesine Meckenheim ein fast täglicher Gast unter ihrer Trockenhaube. Gesine hielt vom Scheitel bis zur Sohle extrem viel auf ihre makellose äußere Erscheinung. Das musste sie schon rein beruflich. Denn sie war eine „Ankleide-Dame“. „Zofe“ nannte man das früher und noch früher „Folgemagd“. Gesine tat ihren Dienst – fast wie im Märchen – auf einem Schlösschen in der Nähe von Ivonnes Salon bei einer echten „Von-und-Zu“, einer Land­adeligen hier bei uns in Westfalen.

Ihre Pflicht war es, der Dame des Hauses in deren Gemächern bei der „Toilette“, also der Körperpflege, und beim Ankleiden zu helfen. Sie beriet sie in Sachen Schmuck, Kleider, Schuhe, Make-up, Accessoires und Frisur. Sie half bei der täglich oft mehrfachen höchst schwierigen Auswahl der richtigen Stücke, um die Baronin je nach Anlass morgens, mittags, abends perfekt in Szene zu setzen. Sie bewies nicht nur Geschick mit Nadel und Faden, sondern auch einen untrüglich guten Geschmack. Dabei gab sie sich stets taktvoll und absolut diskret.
Eins hat Gesine bei Ivonne immer besonders betont. Sie sei eine Ankleide-Dame, aber keine Dienerin! Nicht ein einziges Mal habe sie ihrer Herrschaft auch nur einen Kaffee einschenken müssen. Dafür seien schließlich andere zuständig.
Irgendwann, als die würdevolle, elegante Gesine allmählich sichtbar älter wurde, bat sie Ivonne einmal leise um einen ganz besonderen Gefallen. Es fiel ihr nicht leicht zu fragen: „Wir kennen uns jetzt so gut und so lange. Wenn ich einmal tot bin, machen Sie mir dann bitte auch die letzte Frisur? Die für den Sarg?“
Tja, manchmal ist es im Tode wie im Leben – den einen ist es egal, was mit ihnen passiert, andere möchten „ewig Dame“ sein. So sind wir Menschen.
Schönen Sonntag.