Spinn doch!

Barbara Wolter-Meinhardt spinnt. Und sie lädt zusammen mit dem Stadtmuseum die Iserlohner ein, es ihr nach zu tun. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) „Spinnst Du!?“ – so heißt es ab sofort in der neuen Ausstellung im Stadtmuseum am Fritz-Kühn-Platz. Und in der Tat: Es spinnen immer mehr!

„Die Nachfrage nach dem Spinnen ist in letzter Zeit gerade zu explodiert“, erläutert Barbara Wolter-Meinhardt. „Man geht von einer Steigerung von 400 bis 500 Prozent der Spinner in Deutschland aus.“

Die Breckerfelderin, die eine Großhandlung für Rohrbeschläge führt, spinnt seit 23 Jahren selbst mit Leidenschaft. Ihre eigene Mutter hatte als Kind die Wolle zweier Schafe auf dem heimischen Hof verspinnen müssen – und es gehasst. Trotzdem brachte sie der Tochter später das alte Handwerk bei.

Auf jedem viereckigen Ei

„Drei Monate und viel, viel Tee habe ich gebraucht, um meinen ersten Faden hinzubekommen“, lacht Barbara Wolter-Meinhardt. „Aber das lag an dem eigentlich untauglichen Spinnrad. Der schwere Start hatte auch sein Gutes: Heute könnte ich wahrscheinlich auf jedem viereckigen Ei einen gleichmäßigen Faden hinbekommen.“

Das wird sich zeigen. Denn die Spinn-Fachfrau wird demnächst häufiger in Iserlohn zu Gast sein. Sie wird ihr Spinnrad unter anderem beim Weihnachtsmarkt in Barendorf aufbauen und an etlichen museumspädagogischen Aktionen mitwirken, um das Stadtmuseum zu unterstützen.

Eintauchen ins Spinnen

„Spinnst Du!?“ – so nämlich heißt die frischeröffnete Ausstellung im Stadtmuseum, die bis zum 23. Januar zu sehen sein wird. Sie vermittelt als aufwändig gestaltete Erlebnis-Ausstellung die Geschichte, Technik und Bedeutung der Spinnerei. Sie wurde erarbeitet vom Römer- und Bajuwaren-Museum im bayrischen Kipfenberg und wird nun zum ersten Mal außerhalb Bayerns gezeigt. Von den ersten archäologischen Belegen in der Steinzeit bis zum Dornröschen-Mythos erzählen die Ausstellungsstücke und Mitmach-Stationen von der Bedeutung einer fast vergessenen Kunst.

„Wir haben die Ausstellung so gestaltet, dass die Besucher richtig eintauchen können in die Welt des Spinnens“, sagt Museumsleiter Gerd Schäfer. „Es gibt Märchen, Filme, Rätsel. Man kann vieles selber tun, anfühlen, ausprobieren. Uns ist es ganz recht, wenn Menschen – vielleicht auch gerade mit Kindern – sich hier gleich für mehrere gemütliche Stunden in Ruhe niederlassen.“

Heute ein Luxus

Gerade in der heutigen hektischen Zeit, in der viele Textilien zum Wegwerfprodukt geworden sind, tut sich rund um das Handspinnen wohltuend eine stille alte Welt auf.

„Rund einhundert Stunden muss man rechnen für die Erstellung eines Pullovers – angefangen vom Waschen des Schafvlieses bis zum fertigen Stück“, erläutert Barbara Wolter-Meinhardt. Je nach Material kostet so ein Stück etwa 60 Euro für Selber-Macher und hält dafür leicht bis zu 30 Jahre lang.

Die Gedanken fließen lassen

„Das Spinnen ist ein emotionaler Ausgleich“, weiß Barbara Wolter-Meinhardt, „eine halbe Stunde am Spinnrad entspannt total. Der Faden ist ein Endlos-Faden, der fließt und fließt, ohne Ende, ohne Rest – dabei können die Gedanken wunderbar schweifen.“

Die Spinn-Fachfrau hat zum Thema Spinnen ganz unverzopft und gar nicht altertümlich viel Spannendes und Haarsträubendes zu erzählen. Sie weiß, warum Schafhaare keine fremden Gerüche annehmen, dass man Wolle mit Ostereierfarbe in der Mikrowelle färben kann, wie sich Hundehaare verspinnen lassen und was ein „Alter Knacker“ ist.

Das Begleitprogramm

Öffentliche Führungen durch die Ausstellung gibt es am Freitag, 3. Dezember, um 15 Uhr, am Mittwoch, 15. Dezember, um 16 Uhr, und am Freitag, 1. Januar, um 15 Uhr. Märchennachmittage für Kinder ab 6 Jahre finden statt am Montag, 6. Dezember, um 16 Uhr und am Freitag, 17. Dezember, um 15 Uhr. Führungen mit Spinnaktionen für Kinder werden am Donnerstag, 9. Dezember, am Dienstag, 21. Dezember und am Donnerstag, 13. Januar, jeweils um 15 Uhr angeboten.

Seidenraupen aus Iserlohn?

Nur wenigen Iserlohnern ist wahrscheinlich bewusst, dass das Thema Spinnen auch in der Waldstadt einmal eine besondere Rolle gespielt hat: Rund um die Bauernkirche gab es im 18. Jahrhundert einmal eine Maulbeerbaumplantage, in der auf Geheiß des preußischen Königs Seidenraupen gezüchtet werden sollten. Man wollte das asiatische Monopol brechen und selbst vor Ort die teure begehrte Seide herstellen, statt sie nur weiterzuverarbeiten. Aber leider: Es ist nichts geworden. Die Raupen haben sich damals in der Waldstadt nicht wirklich wohl gefühlt…