Sümmern in der Vorkriegszeit

Von Wolf Seltmann

Sümmern. Die Bürgergemeinschaft Sümmern/Griesenbrauck hatte zu Kaffee und Kuchen in den Gemeindesaal der evangelischen Kreuzkirche eingeladen, und einige ältere Frauen und Männer, die seit ihrer Kindheit in Sümmern leben, waren gekommen. Unter der Leitung von Thomas Brenck sollten sie aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erzählen. Wie war das Leben auf dem Dorfe damals?

Wie war das Leben auf dem Dorfe vor dem Zweiten Weltkrieg? In Sümmern werden hierzu Zeitzeugen befragt. Jetzt ist eine Broschüre geplant. (Foto: Privat)

Sümmern hatte etwas mehr als 1000 Einwohner, die teilweise ziemlich weit vom Ortskern entfernt verstreut auf den Bauernhöfen lebten. Zunächst berichteten die Gäste von der katholischen Volksschule; sie bestand aus drei Klassen mit jeweils mehreren Jahrgängen. Das erste und zweite Schuljahr unterrichtete „Fräulein“ Leonie Wojnke, das dritte und vierte Schuljahr betreute Alfred Spindeldreier. Diese beiden Klassen wurden im ältesten Teil der heutigen Carl-Sonnenschein-Schule unterrichtet. Die dritte Klasse war im alten Gemeindehaus an der Getrudisstraße gegenüber der Kirche untergebracht.

Die Schuljahre 5 bis 8 unterrichtete der Hauptlehrer Göckeler, der später von Leo Pelzer abgelöst wurde. Pelzer habe die Stelle bis zum Kriegsende innegehabt, er sei durch und durch ein Nazi gewesen, wurde berichtet. 1937 wurde die neue Schule gebaut, die den Namen „Hermann-Göring-Schule“ erhielt. Heute befindet sich in dem Gebäude die Carl-Sonnenschein-Schule. Nach dem vierten Schuljahr sei es einigen Kindern vergönnt gewesen, nach Menden aufs Gymnasium zu gehen.

Große Armut

Denn damals herrschte große Armut in Sümmern. Die Mehrzahl der Landwirte waren Kleinbauern oder Kötter mit einem Pferd und zwei, drei Kühen. Was von der Ernte nicht für den eigenen Bedarf gebraucht wurde, wurde in Iserlohn auf dem Markt zum Verkauf angeboten.

Wenn die Feldarbeit es erlaubte, leisteten Bauern Spanndienste; so habe sich zum Beispiel die Familie Reck, die heute ein großes Fuhrunternehmen besitzt, ein Zubrot mit Holz- und Kohlefuhren verdient. Im Winter arbeiteten die Bauern in den wenigen Handwerksbetriebne, etwa in Spickhoffs Kettenschmiede. Es gab einige Handwerksbetriebe, zwei Läden und fünf Gaststätten.

Das größte Unternehmen im Dorf war die Gerberei und Lederfabrik der Familie Kissing, genannt Leuers, an der Gerberstraße. Eine Anzahl Sümmerner arbeitete auch in Fabriken in Menden oder Iserlohn.

Für die medizinische Betreuung sorgte Dr. Bomnüter, der mit der Pferdekutsche aus Menden kam. Um ihn telefonisch zu erreichen, musste man zur Post im Hause Sondermann gehen; es gab nur zwei, drei Telefone im Dorf.

Wasser vom Brunnen

Überhaupt war das Leben im Dorf damals, gemessen an heutigen Standards, noch ziemlich primitiv: Die Straßen waren noch nicht gepflastert; der Postbus fuhr über die Sümmerner Straße (nicht durchs Dorf). Es gab kein fließendes Wasser in den Häusern; das Wasser holte man sich an einem Brunnen oder am Bach, für die Abwässer hatte man Gruben, die ab und an geleert werden mussten.

Es wurde auch nach der politischen Situation im Dorf in jener Zeit gefragt. Die Anwesenden waren zwar damals noch Kinder, aber aus der eigenen Erinnerung und aus den Erzählungen ihrer Eltern konnten sie doch einiges berichten. Sümmern sei nicht „braun“ gewesen. Natürlich habe es einige gegeben, die aus praktischen Gründen sich zur NSDAP bekannten, um zum Beispiel Arbeit zu bekommen. „Richtig braun“ seien die Leute jenseits des Baarbachs etwa in Kalthof gewesen.

In Sümmern seien Versuche, eine Jungvolkgruppe oder eine Gruppe der Hitlerjugend zu gründen, gescheitert. Wenn hier SA-Leute aufgetreten seien, seien sie von auswärts gekommen.

Zentrum stark

Das Zentrum sei hier immer die stärkste Partei gewesen. Der letzte frei gewählte Bürgermeister Mengelkamp wurde von den Nazis abgesetzt, der als Nachfolger gewählte Wilhelm Ax durfte sein Amt gar nicht erst antreten. An seine Stelle trat der Nationalsozialist Stracke, der weitgehend allein oder auf Weisung von oben entschied, was zu geschehen hatte. Der Gemeinderat konnte die Vorhaben allenfalls beraten.

Ärger bereitete den Nazis der Gemeindepfarrer Heinrich Schulte, der mutig das predigte, was er für wahr und richtig hielt. Als er einmal deswegen von der SA in die Steinwache nach Dortmund verschleppt worden sei, hätten die katholischen Frauen Sümmerns dauerhaft die Kirchenglocken geläutet und sogenannte Sturmandachten gehalten. Als die SA dagegen einschreiten wollte, habe man den Männern geantwortet, sie sollten nur aufpassen, dass man ihretwegen nicht Sturmandachten halten würde.

Nach sieben Tagen sei Pfarrer Schulte wieder in Sümmern zurück gewesen. Als dann Ende 1939 die ersten polnischen Kriegsgefangenen in Sümmern zur Arbeit verpflichtet worden seien, habe Pfarrer Schulte für sie sonntags nach dem Hochamt eine eigene Messe gelesen. Die Jungen, die als Messdiener dabei gewesen seien, habe Lehrer Pelze am nächsten Tag als „Polenlümmel“ beschimpft.

Der Vorsitzende der Bürgergemeinschaft, Friedrich Spickhoff, hat die Gespräche aufgezeichnet und angekündigt, daraus eventuell eine Broschüre zu machen. Zu einem weiteren Gespräch wird der Verein nach der Sommerpause einladen.