Sündiges Geschäft!

An die Tür der Wittenberger Schlosskirche soll Martin Luther seine „95 Thesen wider den Missbrauch des Ablasshandels“ genagelt haben. (Abbildung: Stich aus dem 19. Jahrhundert)

Iserlohn. (clau) Am letzten Tag im Oktober begeht man hierzulande keineswegs nur das Gruselfest Halloween. Am „Reformationstag“ feiert – häufig genug nur noch „ganz nebenbei“ – die protestantische Kirche ihre Entstehung und erinnert an den Tag, der alles veränderte, der die mittelalterliche Kirche ins Wanken brachte und sie schließlich spaltete.

Damals war die Sache mit den sogenannten Ablassbriefen ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war der ohnehin fragwürdige Ablasshandel wenigstens noch streng geregelt: Nur einige bestimmte Sündenstrafen konnten durch zusätzliche Geldgaben an die Kirche – und auch dann nur nach der Beichte und unter reichlich tätige Reue – erlassen werden.

Eine Frage des Geldes

Dann aber brauchte man in Rom plötzlich Unsummen von Geld für den Bau des Petersdomes und auch die mächtigen Augsburger Kaufleute Fugger standen dem Papst als Gläubiger unangenehm auf den heiligen Füßen.

Also lockerte Rom flugs die alten Bußregeln und machte Kasse mit der Sünde. Auch ohne Beichte vor einem Priester konnte nun der Sünder die Strafe durch den einfachen Kauf eines Ablassbriefes abzahlen.

Damit es dabei gerecht zuging, verfuhr man nach einer Art Bußgeld-Katalog: Meineid oder Kirchenraub waren mit neun Dukaten aus der Welt zu schaffen. Ein Mord ließ sich dagegen schon mit acht Dukaten zumindest im eigenen Sündenregister ungeschehen machen.

Das Geschäft zwischen Kirche und Sündern blühte, die Kasse des Klerus glühte und alle Westen wurden rein. Das ging so weit, dass manch einer heute schon für die Sünde zahlte, die er morgen erst begehen wollte!

Aber es kam noch „besser“: Schließlich konnte man auch Ablässe für Verstorbene kaufen.

Ablasshändler Tetzel

„Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel zum Himmel springt“ oder „Wenn ihr mir euer geld gibt dann werden eure toten verwanden auch nicht mehr in der Hölle schmoren sondern in den Himmel kommen“ – so soll der wohl berühmteste Ablasshändler Johann Tetzel in der Art eines Marktschreiers den Sündenabkauf betrieben haben.

Tetzel wirkte vornehmlich im Gebiet des Erzbistums Magdeburg, aber auch viele Wittenberger Bürger kauften sich bei ihm ohne echte Buße oder Sühne von ihren Sünden frei.

Eine Frage der Moral?

Martin Luther, Beichtvater vieler Wittenberger, beobachtete das mit Verbitterung. Er lehrte damals als Professor für Moralphilosophie an der Universität und war Prediger in der Stadtkirche.

Es muss lange in ihm gegärt haben, bis er seine 95 Thesen fertig formuliert hatte. Am 31. Oktober 1517 soll er sie an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt haben. Diese Tür galt damals als „Schwarzes Brett“ für öffentliche Bekanntmachungen. Luther wollte mit seinen Thesen zunächst nur eine öffentliche Diskussion über den unwürdigen Ablasshandel anregen.

Einladung zum Reden

Er leitete sie ein mit folgenden Worten: „Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden. Deshalb bittet er die, die nicht anwesend sein und mündlich mit uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.“

95 gesalzene Thesen

Und seine Kritik hat es gesalzen und gepfeffert in sich. Es folgen einige Beispiele aus Luthers 95 Thesen:

5. Der Papst will und kann keine Strafen erlassen, außer solchen, die er auf Grund seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat.

33. Nicht genug kann man sich vor denen hüten, die den Ablaß des Papstes jene unschätzbare Gabe Gottes nennen, durch die der Mensch mit Gott versöhnt werde.

36. Jeder Christ, der wirklich bereut, hat Anspruch auf völligen Erlaß von Strafe und Schuld, auch ohne Ablaßbrief.

40. Aufrichtige Reue begeht und liebt die Strafe. Die Fülle der Ablässe aber macht gleichgültig und lehrt sie hassen.

45. Man soll die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht, ihn übergeht und statt dessen für den Ablaß gibt, kauft nicht den Ablaß des Papstes, sondern handelt sich den Zorn Gottes ein.

48. Man soll die Christen lehren: Der Papst hat bei der Erteilung von Ablaß ein für ihn dargebrachtes Gebet nötiger und wünscht es deshalb auch mehr als zur Verfügung gestelltes Geld.

50. Man soll die Christen lehren: Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablaßprediger wüßte, sähe er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als daß sie mit Haut, Fleisch und Kochen seiner Schafe erbaut würde.

Selten hat ein Schriftstück mehr Weltgeschichte gemacht als dieses Thesenpapier. Wie ein Funke setzte es die Welt des 16. Jahrhunderts in Brand.