Täter, Opfer, Helfer: Wie verhalten wir uns richtig?

Iserlohn. (clau) Im Schalterraum einer Bank ist ein älterer
Mann zusammengebrochen. Etliche Bankkunden steigen über ihn hinweg ohne zu
helfen. Der Mann stirbt später im Krankenhaus. Dieser verabscheuungswürdige Fall
von unterlassener Hilfeleistung ereignete sich jetzt in Essen-Borbeck. Immer
wieder berichten Medien, dass auch bei Gewalttaten niemand eingreift, mehr noch:
dass sogar die Rettungskräfte angegriffen werden. Was ist da los und wie verhält
man sich richtig, wenn es einmal ernst werden sollte? Der Wochenkurier sprach
darüber mit dem Iserlohner Psychotherapeuten und Psychologen Thomas Graumann.

Wie erklären Sie sich, dass die Gewaltbereitschaft in unserer
Gesellschaft so zugenommen hat?

Thomas Graumann: Rein zahlenmäßig und statistisch hat sie gar nicht
zugenommen. Sie wird nur stärker wahrgenommen. Der Bürger hört dreifach von ein
und derselben Tat: Wenn sie gerade geschehen ist, wenn Anklage erhoben wird und
nochmals, wenn ein Urteil gesprochen wird.
Aber besonders die Sicherheitskräfte und vor allem die Polizei klagen
doch über zunehmende Gewalt ihnen gegenüber.

Thomas Graumann: Das stimmt. Das ist tatsächlich neu. Die Scheu und
der Respekt vor staatlichen Organen und Autoritäten geht verloren.
Woher kommt das?
Thomas Graumann: Da werden neue Grenzen überschritten. Den modernen
Menschen mangelt es einfach an Grenzen. Das begründet sich im heutigen
Erziehungsverhalten, das Kindern kaum Grenzen setzt. Man will alles und zwar
sofort. Auch Erwachsene sind es gewöhnt, ihre Bedürfnisse und Wünsche mit einem
einfachen Maus- oder Tasten­klick sofort zu erfüllen. Bei den heutigen
Eltern zeigt sich eine starke Erziehungsunfähigkeit und -unwilligkeit.
Wie meinen Sie das?
Thomas Graumann: Sie übernehmen die Erziehungsverantwortung nicht
mehr selbst, sondern laden sie anderen auf: Lehrern, Psychologen, Ärzten und
Therapeuten etwa. Gleichzeitig untergraben sie deren Autorität und missbrauchen
sie gern als Sündenböcke, wenn es Probleme mit den Kindern gibt.
Was hat das mit Gewaltbereitschaft zu tun?
Thomas Graumann: Viele lernen nicht mehr, ihre Gefühle zu
beherrschen und Impulse zu kontrollieren, auf etwas zu warten, Verzicht zu üben,
zu teilen… – stattdessen müssen sie immer alles gleich ungebremst „rauslassen“.
Immer mehr Menschen heutzutage fehlt auch das, was wir „prosoziales Verhalten“
nennen, also etwa die Fähigkeit zu helfen. Ein Fall in den USA hat schon in den
60er Jahren darüber eine erste Studie veranlasst: Da wurde eine Frau überfallen.
Mehr als 30 Zeugen gab es – und kein einziger von ihnen ist eingeschritten, um
zu helfen.
Was hat die Studie ergeben?
Thomas Graumann: Einen Fünf-Punkte-Plan des Helfens: Ich muss
erstens einmal die kritische Situation überhaupt wahrnehmen und sie dann
zweitens als Notfall erkennen. Drittens muss ich mich verantwortlich fühlen, da
einzugreifen und mich viertens dazu auch in der Lage fühlen. Fünftens muss ich
blitzschnell mit mir selbst abklären, was mich mein Eingreifen kosten könnte.

Kosten?
Thomas Graumann: Nun, ist ein Opfer etwa schmutzig oder blutig,
sinken schon seine Chancen auf Hilfe. Auch wer selbst in Eile ist, wird eher
nicht helfen wollen. Und dann ist da noch der sogenannte „By-Stander-Effekt“: Je
mehr Leute dabei sind, umso weniger wird der Einzelne tatsächlich helfen wollen.
Keiner fühlt sich selbst dann noch unmittelbar verantwortlich.
Was raten Sie?
Thomas Graumann: Es nutzt wenig, nur „Hilfe!“ in die Menge zu
schreien. Das Opfer sollte möglichst jemanden ganz direkt um Hilfe bitten mit
einfachen Handlungsanweisungen: „Sie da, mit der Aktentaschen. Rufen Sie die
Polizei“. Wer helfen will, sollte den Täter möglichst ignorieren. Nicht
anschreien! Nicht duzen! Der Helfer sollte ebenfalls die anderen Anwesenden
direkt ansprechen – etwa „Sie da mit der Brille, packen Sie mal mit an!“ – und
dann versuchen, das Opfer abzuschirmen oder fortzuführen und professionelle
Hilfe herbeizurufen.