Typisch Mädchen?

Iserlohn. (clau) „Weibsbilder“ sind am Theodor-Reuter-Berufskolleg am Karnacksweg 43 in der absoluten Minderheit. Eine kleine Schar von „Pionierinnen“ tummelt sich in der Welt der Technik, die ansonsten fest in Männerhand ist. Fragt sich nur, wie lange noch.

Frauen und Technik – für sie passt das ganz klar zusammen: (v.l.) Ariane Lauster, Lisa-Elin Wöhrmann und Yvonne Tatay gehören zu den nur 14 weiblichen von insgesamt 360 Lernenden am Theodor-Reuter-Berufskolleg. (Foto: Claudia Eckhoff)

Ariane, Yvonne und Lisa-Elin gehören nicht zu denen, die gerne Sandkuchen backten oder mit Barbie-Puppen spielten, als sie klein waren. Die üblichen weiblichen Berufswünsche wie Tierpflegerin oder Erzieherin lagen ihnen immer schon fern.

Die jungen Frauen sind drei der gerade einmal 14 weiblichen Wesen, die derzeit zur 360-köpfigen Schülerschaft des Theodor-Reuter-Berufskollegs gehören. Alle drei besuchten zuvor eine Realschule und haben sich nun hohe Ziele gesteckt.

Schwellenangst am ersten Schultag? – Ja, die gab es durchaus.

„Frischfleisch“? Von wegen!

Die 18-jährige Hemeranerin Lisa-Elin Wöhrmann erinnert sich noch genau: „Als ich zum ersten Mal zur Tür reinkam, war mir mulmig. ,Oh, Frischfleisch!‘, rief einer von den Jungs.“

Sie hat sich längst eingelebt. Die angehende Industriemechanikerin ist Leistungsträgerin ihrer Klasse. Sie hat wenig Zeit, denn ihre „Lerngruppe“ fordert sie. „Das Arbeiten mit den Jungens finde ich sehr angenehm“, sagt die zierliche junge Frau, die sich den Respekt ihrer Klassenkameraden erarbeitet hat. „Fast meine ganze Klasse gehört zur Lerngruppe. Und mit den Noten geht es bergauf.“ Lisa-Elin Wöhrmann strebt ein Fachhochschulstudium an. Am liebsten würde sie in Soest Maschinenbau studieren.

Die 20-jährige Hagenerin Ariane Lauster und die 21-jährige Lüdenscheiderin Yvonne Tatay zählen zu den angehenden Elektronikerinnen für Geräte und Systeme.

Baukasten statt Barbie

Yvonne Tatay zeigte schon im Sandkasten kein typisch mädchenhaftes Kuchen-Back-Gehabe. „Meine Mutter wusste schon immer, dass ich mal etwas Technisches machen würde“, sagt sie und lacht. „Ich habe mich statt für Puppen nur für Lego und Fischertechnik begeistert.“

Seit drei Jahren schon engagiert sie sich in dem Projekt „Schüler helfen Schülern“ und hat dabei ihre Begabung als Pädagogin entdeckt. „Zum Glück gibt es hier weder Zickenterror noch Haudegen, die einen runtermachen“, sagt sie. „Das gemeinsame Arbeiten empfinde ich als total entspannt. Allerdings muss sich unsereins die Anerkennung der Jungen erst erarbeiten. Wenn die sehen, dass man was kann, akzeptieren sie einen auch ohne Probleme.“

Yvonne Tatay strebt den Lehrberuf an. An der Uni in Münster oder Siegen will sie Informatik und Englisch auf Lehramt studieren.

Was willst du mal werden, wenn du groß bist? – Auf diese Frage gibt es für moderne Mädchen heute viele ganz neue Antworten. (Foto: Claudia Eckhoff)

Eigener Lötkolben mit drei

Ariane Lauster und Technik – das gehört einfach zusammen. Schon zum ersten Tag im Kindergarten bekam die Hagenerin als Dreijährige von ihrer Familie kein Schmusetier oder dergleichen geschenkt, sondern endlich einen eigenen Lötkolben!

Sie ist die vierte Generation in einer „Sippe“ von Elektronikern. Ihr Urgroßvater begann die Tradition. Ihr Vater lernte sein Metier wie nun die Tochter am Theodor-Reuter-Berufskolleg in Iserlohn. Ariane Lauster ist derzeit Klassenbeste – und einziges weibliches Wesen in der sogenannten „FOS 13“.

„29 und ich“, lacht sie. „Ich lerne hier gern. Was ich hier lerne, gibt mir eine schöne Grundlage. Diese Ausbildung ist ein gutes Sprungbrett zur Uni.“

Sprungbrett zur Uni

Die Abiturklasse FOS 13 der Fachrichtung Technik hat die Schwerpunkte Elektrotechnik und Metalltechnik. Berufserfahrene Schülerinnen und Schüler sollen eine erweiterte allgemeine und vertiefte fachtheoretische Bildung erhalten, um an einer wissenschaftlichen Hochschule studieren zu können. Die FOS 13 kann jeder besuchen, der die Fachhochschulreife besitzt und einen Berufsabschluss im Fachbereich Metalltechnik beziehungsweise Elektronik oder eine fünfjährige einschlägige Berufserfahrung vorweisen kann.

Wer mit der Fachoberschulreife ans Theodor-Reuter-Berufskolleg kommt, verlässt es schon nach drei Jahren statt der sonst üblichen dreieinhalb Jahre mit der staatlichen Abschlussprüfung. Er – oder sie – hat nicht nur die Fachhochschulreife, sondern auch den Facharbeiterbrief in der Tasche. Fast 70 Prozent wechseln anschließend zur Fachhochschule, 30 Prozent zieht es in einen Betrieb.

Offen auch für Externe mit den genannten Voraussetzungen ist die FOS 13. Nach nur einem Jahr wird hier die Abiturprüfung – auch ohne „Quali“ für die gymnasiale Fachoberschulreife – abgelegt. Wer besteht, kann nun nicht nur fachgebunden an einer Fachhochschule, sondern auch an einer Universität studieren.

Neues für die Köpfe

Das lockte Ariane Lauster: Sie möchte demnächst an der TU Dortmund Medizintechnik und angewandte Informatik studieren.

„Wenn wir die Frage beantworten, was wir beruflich vorhaben, bleibt den meisten Leuten nur so der Mund offen stehen“, lachen die drei. „In vielen Köpfen passen Frauen und Technik offensichtlich immer noch nicht recht zusammen.“

Mehr Infos gibt es unter Telefon 02371/ 9685-0 oder unter www.trbk.de im Internet. Anmeldungen sowohl zur Höheren Berufsfachschule als auch zur FOS 13 sind noch möglich.