Verliert Iserlohn weiterhin sein Gesicht?

Holger Lüders (li.) und Peter Treudt vom Initiativkreis Baukultur und Stadtentwicklung machen sich stark für Iserlohns unverwechselbares Stadtbild. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Manche Städte schaffen es, ihr geschichtlich gewachsenes Stadtbild in ein Schmuckstück zu verwandeln, das den Einwohnern ein einmaliges Zuhause bietet und Scharen von Tagestouristen anlockt. Iserlohn gehört derzeit nicht dazu. Iserlohn verliert sein traditionelles Gesicht.

Ob Soest, Rinteln, Detmold oder Hattingen: Menschen fühlen sich wohl in einer unverwechselbaren, geschichtsträchtigen Stadt mit ganz eigenem Gesicht. Sie erfreuen sich an der Fülle architektonischer Erbstücke, die liebevoll saniert wurden. Solche Städte sind Oasen inmitten der austauschbaren Massenarchitektur. Vor allem autofreundlich sollten die neuen Städte in den 60er und 70er Jahren werden. Das war vielerorts das Ende für die kleinen Gassen, für Fachwerk & Co. und für den vermeintlich nostalgischen Blick nach hinten.

Iserlohn ist schön. Gar keine Frage. Aber fällt mehr und mehr alte Bausubstanz dem Abriss zum Opfer? (Foto: Claudia Eckhoff)

Abriss ohne Ende

Der Abrissbagger lief sich heiß. Es entstanden neuzeitliche aufgeräumte, verkehrstaugliche Städte mit spiegelnden Fassaden, an denen der Blick ins Leere geht. Iserlohn hätte allerbeste Chancen gehabt, es besser zu machen. Im Zweiten Weltkrieg wurden hier gerade einmal drei Häuser zerstört. Die Altstadt ging erst nach dem Krieg Stück für Stück verloren. „Im Zuge der Flächensanierung sind bis 1982 dann 53 Prozent der alten Iserlohner Innenstadt abgerissen worden“, weiß Peter Treudt, Kunstlehrer am Berufskolleg in Lüdenscheid und Mitbegründer des „Initiativkreises Baukultur und Stadtentwicklung in Iserlohn“, der sich im letzten November gründete. Der Kreis will sich gegen weiteren Kahlschlag in Iserlohn stark machen.

„Bis heute sind seit 1945 etwa zwei Drittel des historischen Iserlohns vernichtet worden“, rechnet Peter Treudt vor.

„Iserlohner Verhältnisse“

Es gab genug historische Bausubstanz und auch Fachleute, die ihnen eine Zukunft hätten geben können. Was fehlte, war offensichtlich schon in den 60er Jahren eine genügende Wertschätzung in der breiten Öffentlichkeit und seitens der Stadtplaner. „Der frühere Wirtschaftsdezernent Dr. Groth war offenbar nach zwanzig Jahren so frustriert von den Iserlohner Verhältnissen, dass er 1965 nach Soest wechselte“, sagt Peter Treudt. Dort hat er verwirklicht, was in Iserlohn wohl nicht gewollt war. Soest ist zu einer städtebaulichen Perle geworden. Iserlohn nicht.

Stattdessen bestimmt der Zeitgeist der 60er und 70er Jahre bis heute großflächig das hiesige Stadtbild.

Beispiel Schützenhof: Linksseitig ist hier allein in den letzten fünf Jahren die Hälfte der Bebauung – für Iserlohn einst typische Handwerkerhäuser – abgerissen worden. (Foto: Claudia Eckhoff)

Wunden im Stadt-Gesicht

Zwar gelingt es immer mal wieder Einzelstücke unter Denkmalschutz zu stellen und zu retten wie das Haus Hohler Weg 24, aber alle Tage wieder werden neue Wunden ins Gesicht der Stadt geschlagen.

Soeben ist das letzte der historischen Iserlohner Gartenhäuser zwischen Post und Schauburg abgetragen und eingelagert worden. Die Villa davor musste im letzten Jahr schon weichen. Verschwunden sind 2012 auch eins der nur noch wenigen Alt-Iserlohner Häuser am Marktplatz und das Gebäude Friedrichstraße 64 an der Ecke zum Hohler Weg.

Und es geht weiter: Zur Zeit ringt man rund um den unteren Hohler Weg, den Südengraben und den Fritz-Kühn-Platz um Lösungen. Wertvoll oder Ballast? Abriss oder Erhalt? Auch am „Schlieperblock“ geschieht trotz mittlerweile erfolgter Eintragung als Baudenkmal nichts Zukunftweisendes. Stillstand, schleichender Zerfall, Abriss – das wiederholt sich in Iserlohn zu oft, meinen die Mitglieder des Initiativkreises Baukultur und Stadtentwicklung, zu dessen Aktiven auch Holger Lüders gehört.

Barendorf reicht nicht

„Es gibt viele städtebauliche Schätze in Iserlohn, aber zu wenig Wertschätzung für sie“, glaubt der Diplom-Restaurator, der auf der Burg Altena arbeitet. „Wir wollen die Iserlohner aufmerksam machen auf ihre Schätze und sie zu deren Schutz und Erhalt ermutigen.“

Sie verstehen sich als Bewohner dieser Stadt, Bewahrer und Weitergeber an nachfolgende Generationen. Ein schmuckes „Barendorf“ vor den Toren der Stadt reicht ihnen nicht. Bei den stark abrissgefährdeten Bauten wie im Südengraben und am Fritz-Kühn-Platz heißt ihre Devise im Moment erst einmal: Zeit gewinnen!

Sie planen Aktionen, die auf Iserlohns Schätze aufmerksam machen sollen. „Alte rotlackierte Fahrräder mit Infotafeln wollen wir als Hingucker und Wachrüttler vor erhaltenswerten Gebäuden postieren“, verrät Holger Lüders. „Die könnte man dann als Quizspiel oder Fahrradrallye miteinander in Verbindung bringen. Warum soll man nicht auch an einem schönen Tag mal ein Café vor dem Haus Zeughaus 14 am Fritz-Kühn-Platz improvisieren? Dann ließe sich erleben, wie schön das dort eigentlich sein könnte, wenn man nur wollte.“

Beauftragter muss her

Gesprächsbereit in alle Richtungen will der Initiativkreis sein. Schnellstens möchte er einrichten, was es in anderen Städten längst gibt: Ein ehrenamtlicher Beauftragter für Denkmalschutz mit Rederecht im Kultur- und Planungsausschuss soll aufmerksam machen, vermitteln, wachrütteln, warnen und auf kurzem Wege Informationen austauschen zwischen allen, die an der Stadtentwicklung mitarbeiten. Das wäre ein wichtiger Schritt, um das ausdrucksvolle Gesicht der Stadt für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu retten.

Mitstreiter sind willkommen. Kontakt gibt es unter der E-Mail-Adresse holger-lueders64@web.de.