Von einem, der auszog, den Pfunden zu trotzen: Erfolgreicher Kampf gegen Extremgewicht

Iserlohn. (as) Es klingt wie ein Märchen. „Von einem, der auszog, den Pfunden zu trotzen“, könnte es heißen. Christian Fricke hat mächtig getrotzt. Gerade mal zweieinhalb Jahre ist es her, da brachte der gebürtige Iserlohner noch 220 Kilo auf die Waage. „Ein BMI von 64,5“, sagt er. Jetzt, zum Jahreswechsel, hat er eine gewaltige Hürde übersprungen. Er hat 100 Kilogramm abgenommen. Wenn es nach ihm geht, sollen noch weitere Pfunde purzeln.
Mit dem Abnehmen begann für Christian Fricke ein völlig neues Leben. Er begann, sich wieder zu bewegen, hat das Tanzen als Hobby für sich entdeckt – und sich neu verliebt. „Meine Frau“, sagt er, wenn er von seiner Freundin Franziska spricht. Dafür wird sie auch oft gehalten. Denn sie trägt den gleichen Nachnamen. „Wir sind aber nicht verwandt oder verschwägert“, sagt Christian Fricke und lacht. „Das war das Erste, was wir überprüft haben, als wir uns kennengelernt haben.“
Der Jahreswechsel bedeutete einen weiteren gewaltigen Schritt für den Mann, der fast die Hälfte seines Körpergewichts verloren hat. Er ist mit seiner Freundin zusammengezogen. Nach Iserlohn, zum Nußberg. Genau dorthin, wo er aufgewachsen ist.
„Ich war immer dick“, sagt Christian Fricke. „Schon mit 13 Jahren hab ich 120, 130 Kilo gewogen.“ Eine gesunde Lebensweise, sagt er, habe er in seiner Familie nicht kennengelernt. „Es waren“, erinnert er sich, „ziemlich zerrüttete Familienverhältnisse.“
Mit dem Alter stieg das Gewicht. Christian Fricke machte eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Später arbeitete er sechs Jahre lang als Detektiv. Dann stand die Detektei, für die er im Einsatz war, vor der Insolvenz. „Ich hatte Angebote von anderen Detekteien“, sagt Christian Fricke. „Aber ich habe auch gemerkt, dass ich mich erst einmal ändern muss, bevor ich mich auf etwas Neues einlasse.“ Ändern, das hieß: abnehmen.
„Schalter im Kopf“ umgelegt
Christian Fricke lebte mittlerweile in Hagen. Aktiv war er auch neben seinem Beruf. „15 Jahre Katastrophenschutz“, sagt er. Er ist ehrenamtlicher Leiter des Vorhaller DRK-Teams. Auch hier hatte er zunehmend Probleme, mit seinem Gewicht all die Aufgaben erfüllen zu können.
Er legte den „Schalter im Kopf“ um. Diäten aber funktionierten nicht. Er entschied sich für eine radikale Lösung. In einer Klinik in Recklinghausen ließ er sich den Magen verkleinern. Die Pfunde begannen zu purzeln. Nebenher suchte er psychotherapeutische Begleitung. „Man kann die Ernährung erst umstellen, wenn man sich selbst geändert hat“, sagt er heute. „Man muss erst herausfinden, wieso man das ganze Leben in sich hineinstopft.“
In Recklinghausen gab es eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Adipositas, wie die Fettleibigkeit auch genannt wird. „Der Weg war mir allerdings zu weit“, sagt Christian Fricke. Stattdessen gründete er in seiner neuen Heimatstadt Hagen eine Selbsthilfegruppe.
Bei einer sollte es nicht bleiben. Viele weitere folgten. In Hagen, Lüdenscheid, Halver, Olpe, Schwerte und Iserlohn. 17 Gruppen mit fast 1.000 Mitgliedern sind es zurzeit. Was als Adipositas-Netzwerk Hagen begann, könnte bald Nord­rhein-Westfalen umfassen.
Beratung im Adipositas-Zentrum
Er engagierte sich. Das blieb nicht unbemerkt. Es ergaben sich Kontakte zum evangelischen Krankenhaus in Hagen-Haspe. Heute arbeitet Christian Fricke als Koordinationsassistent des Adipositas-Zentrums im Evangelischen Krankenhaus in Haspe. Er berät Menschen, die wie er versuchen abzunehmen. Die auch eine Magen-Operation in Erwägung ziehen.
An seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für das Adipositas-Netzwerk hält er weiter fest. Christian Fricke weiß, wie schwierig für stark übergewichtige Menschen allein der Besuch beim Hausarzt ist. „Man kann nicht gewogen werden, weil die Waage nur bis 150 Kilo reicht“, sagt er. „Und die meisten Blutdruckmanschetten sind ebenfalls zu klein.“
Kleiderkammer in XXL
Deshalb sind die Selbsthilfegruppen so wichtig. Doch das Adipositas-Netzwerk bietet noch mehr: Eine XXL-Kleiderkammer hat Christian Fricke ins Leben gerufen. Und er setzt auf Aktivitäten. Gemeinsames Tanzen, gemeinsame sportliche Betätigungen. „Allein bewegt man sich nicht gern, mit Gleichgesinnten machen die Aktivitäten viel mehr Spaß und man hält sich gegenseitig bei der Stange“, sagt er. Ein eigentlich einfaches Konzept. Mittlerweile sind über die Gruppen hinaus Kontakte und Freundschaften entstanden, die vielen weiteren Menschen das Leben leichter machen.
Ein neues Leben geschenkt
Zum Adipositas-Netzwerk gehört ein Therapiekonzept unter ärztlicher Begleitung sowie die Mitwirkung von Psychologen, Ernährungsberatern, Fitness-Studios und Rechtsanwälten. Hinzu kommen Freizeitangebote wie Schwimmen, Gymnastik und Zumba.
Christian Fricke ist noch in ganz anderer Hinsicht aktiv geworden. Einen Lastwagen- und eine Motorradführerschein hat er gemacht. Und viele Pläne hat er noch für die Zukunft.
Christian Fricke hat sich selbst ein neues Leben geschenkt. Das ist fast noch besser als ein Märchen.

„Gute Vorsätze – Der Speck muss weg“ heißt der Gesundheitsvortrag, den Christian Fricke am Samstag, 14. Januar, um 17 Uhr im „All inclusive“-Fitnessstudio, Reiterweg 1 in Iserlohn, hält. Der Vortrag ist öffentlich und kostenfrei.
Kontakt zu Menschen, die zu viel auf die Waage bringen, gibt‘s auf der Internetseite www.adipositas-netzwerk-hagen.de. Hier werden auch alle 17 Selbsthilfegruppen, die XXL-Kleiderkammer und eine Menge Aktivitäten vorgestellt.
Das Adipositas-Zentrum Hagen im Ev. Krankenhaus Hagen-Haspe bietet Adipositas-Sprechstunden an. Kontakt (ab Dienstag, 10. Januar): Tel. 02331 / 476-2991.