Von Frank zu Kathy

Iserlohn. (clau) In unserer Serie „1000 Wege zum Glück“ erzählen wir heute einen wahrlich nicht alltäglichen Fall: Für die zarte Kathy Hören wäre es das größte Glück, endlich amtlich korrekt, körperlich und öffentlich für alle sichtbar das sein zu können, was sie seit frühester Kindheit nur heimlich ist: Eben weiblich.

Ganz einfach? – Von wegen! Kathy steckt im falschen Körper. Gerade erst hat sich die 46-Jährige auf den langen, schweren Weg der Wandlung gemacht. Dazu musste sie zuerst ihrer Lebenspartnerin offenbaren, wie es um sie steht und dass sie in Wirklichkeit nicht der Mann ist, der sie zu sein scheint.

Und auch ihre vier erwachsenen Kinder mussten erfahren, dass ihr Vater früher oder später eine Frau sein wird.

Barbie und Ken und der Missbrauch

Als Junge wurde Kathy 1967 in Iserlohn inmitten einer großen Geschwisterschar geboren und erhielt den Namen Frank. Die Mutter hatte sich eigentlich ein weiteres Mädchen gewünscht. Franziska hätte es heißen sollen.

„Schon als Kind habe ich am liebsten mit meinen Schwestern Barbie gespielt“, erzählt Kathy Hören zaghaft. „Ken und Barbie – das war für mich das Höchste. Ich habe zuhause auch meist Mädchensachen getragen.“ Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. „Trag was du willst. Mir ist es gleich“, hatte sie stets gesagt.

Einmal – etwa mit elf Jahren – hat Frank morgens nicht aufgepasst, ist zur Schule gegangen mit Blümchenstrumpfhosen und Mädchen-Unterwäsche unter der Jeans. Aufgefallen ist er damit in der Umkleide der Sporthalle, wurde zum Gespött – und später zum Opfer. „Auf einer Klassenfahrt in der 6. Klasse haben sich ein paar der dann schon Halbstarken an mir vergangen“, berichtet Kathy Hören. „Sie haben zu mir gesagt: ,Wenn du dich schon wie ein Mädchen gibst, dann sollst du dich auch wie ein Mädchen fühlen.‘ Erzählt habe ich das nie jemandem.“

Bloß nicht aus der Männer-Rolle fallen

Er hat sich total in sich verkrochen und die Kathy ganz in sich vergraben. Damals – um 1980 – outeten sich in Deutschland mutig die ersten Homosexuellen. Transsexualität oder Geschlechtsumwandlung allerdings waren noch immer Dinge, die man in gutbürgerlichen Kreisen kaum auch nur auszusprechen wagte.

Frank Hören erlernte den Beruf des Tankstellenkaufmanns, arbeitete lange Jahre beim Blutspendedienst in Hagen, heiratete und bekam drei Kinder. „Für meine Kinder war ich eine richtige Glucke“, so nennt Kathy Hören ihr fürsorgliches väterliches Verhalten.

Dieser Frank Hören war in jenen Jahren ein stiller, fleißiger, strebsamer, in sich gekehrter Mensch. „Aber es war ungeheuer anstrengend, mich immer als Mann zu geben, männlich zu reagieren, männlich zu tun und zu keinem Moment aus der Rolle zu fallen“, beschreibt die Frau im Werden ihre Jahre als Mann.

Kathy lässt sich nicht mehr verdrängen

Als vor sechs Jahren in den Medien einen Missbrauchsfall auftauchte, der dem eigenen ähnelte, kochte in Frank Hören, der mittlerweile als Selbstständiger einen Fachbetrieb für Objekträumung in Hohenlimburg führt, das Verdrängte wieder hoch. Er wurde krank und begann die Kontrolle über sich zu verlieren. „Herzrhythmusstörungen, Atemnot – ich bin einfach dauernd umgekippt“, berichtet Kathy Hören. „Immer wieder gingen mir die Lichter aus und ich fand mich im Rettungswagen wieder.“

So konnte es nicht weitergehen. Mithilfe einer Psychotherapie konnte Frank Hören die Kathy in sich wieder finden und endlich zu sich selber stehen. Und jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Noch ein langer Weg

„Vor einem Jahr habe ich mich in der Familie und in meinem näheren Umfeld geoutet“, sagt Kathy Hören. „Seitdem nehme ich nun Hormone, trage auch öffentlich Frauenkleidung und führe immer einen Ergänzungsausweis von der Deutschen Gesellschaft für Transsexuelle und Intersexualität bei mir. Im Falle eines Falles will ich als Frau behandelt werden.“

Namensänderung, Personenstandsänderung, Stimmband-OP, eventuell später eine geschlechtsangleichende OP – der Weg wird lang, schwer und auch teuer werden.

„Meine Krankenkasse hat mir die neue Versicherungskarte auf den Namen Franziska Katharina Hören zwar anstandslos geschickt – aber mit meinem alten Männerfoto. Da frage ich mich, war das nur ein Versehen?“

Damen- oder Herrentoilette?

Noch ist der Alltag für die werdende Kathy Hören voller Stolpersteine: Damen- oder Herrentoilette? „Herr“ oder „Frau“? „Er“ oder „sie“? Und wie kauft man/frau in der Damenabteilung Kleidung, ohne öffentliches Ärgernis zu erregen?

Ohne die Unterstützung ihrer Lebenspartnerin und die Treue langjähriger Geschäftspartner sähe es übel aus. „Ich danke all denen, die zu mir stehen, auch wenn es schwer fällt“, sagt sie.

Ein langer Weg liegt noch vor der werdenden Kathy, aber der frühere Frank auch schon ein ganz schönes Stück hinter ihr.