Wann kommt die Gleichstellung? Iserlohnerin sammelt für künstliche Befruchtung

Iserlohnerin sammelt für künstliche Befruchtung
Helfen ist ihre Passion. Jessica Fitz-Kahle unterstützt ein Ehepaar, zwei Frauen, die ein Kind bekommen möchten.(Foto: A. Schneider)

Iserlohn. Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck. „Andere Menschen glücklich zu machen, macht mich auch glücklich“, sagt Jessica Fitz-Kahle. Deshalb zieht sie los mit ihren Sammelbüchsen. Die Iserlohnerin sammelt Geld für ein Paar, dessen sehnlichster Wunsch ein eigenes Kind ist. Dieser Wunsch ist nur über eine künstliche Befruchtung realisierbar. Denn bei dem Paar handelt es sich um zwei Frauen.

Laura und Sarah sind seit mehreren Jahren „verpartnert“, wie die eingetragene Partnerschaft genannt wird. Vor einigen Monaten wurden sie standesamtlich getraut. Das war, kurz nachdem die Ehe für alle ermöglicht worden war. Beide stehen mit ihren Beinen mitten im Leben, sie sind glücklich in ihrem kleinen Häuschen. Und sie träumen von der eigenen Familie. Ein Kind, das wissen sie, würde das Glück perfekt machen.

Doch genau bei diesem Herzenswunsch zeigt sich, dass die Ehe für alle nicht jedem Paar die gleichen Möglichkeiten bietet. Während heterosexuelle Paare sich bei einem innigen Kinderwunsch auch an ihre Krankenkasse wenden können, ist dieser Weg für ein gleichgeschlechtliches Ehepaar versperrt. So sind Laura und Sarah auf sich allein angewiesen. Sie müssen eine seriöse Klinik finden, die ihren Kinderwunsch in die Realität umsetzt. Bezahlt werden müssen Behandlungen, Klinikaufenthalte, Samenspenden und schließlich auch die künstliche Befruchtung aus eigener Tasche.

Hier kommt Jessica Fitz-Kahle ins Spiel. „Ich möchte helfen“, sagt sie. „Auch finanziell.“ Dabei ist ihre Bitte um eine Spende vielmehr ein Anstupsen. Die charmante Aufforderung, nachzudenken und ins Gespräch zu kommen. Kann es sein, dass hier, wo doch angeblich alle Menschen gleich sind, noch so viel Ungleichheit herrscht? Wieso haben homosexuelle Paare so viel größere Kosten und Schwierigkeiten, wenn es ums Kinderkriegen oder eine Adoption geht als ihre heterosexuellen Pendants? Denn eines weiß sie: Das Kind oder die Kinder der beiden verheirateten Frauen hätten ein glückliches, behütetes, aktives Leben.

Deshalb die Spendenaktion. Natürlich soll von der Summe, die zusammenkommt, der erste Versuch einer künstlichen Fertilisation bezahlt werden. Doch eigentlich ist das Geld zweitrangig. Denn natürlich können Laura und Sarah die Klinikaufenthalte, die Eingriffe und alles, was danach kommt, selber finanzieren. Hier geht es vielmehr um ein Statement. Wer Geld gibt, egal ob 50 Cent oder 50 Euro, bezieht klar Position für eine Gesellschaft, in der gleich tatsächlich gleich bedeutet. In der homosexuelle Paare die gleichen Rechte, aber natürlich auch die gleichen Pflichten haben wie heterosexuelle. In der Menschen, die sich vom Mainstream vielleicht unterscheiden, willkommen sind und als Bereicherung erlebt werden. Denn das Leben ist bunt.

Jessica Fitz-Kahle ist überwältigt von der Spendenbereitschaft. Jugendliche haben Geld von ihrem Taschengeld abgezweigt. Die älteste Spenderin ist 92 Jahre alt. Freunde und Arbeitskollegen haben die Aktion unterstützt, ihre drei Kinder und ihr Ehemann sowieso.
Denn sie wissen, dass Jessica Fitz-Kahle gar nicht anders kann als zu helfen. Genau so, wie sie den Verein Flaschenkinder unterstützt, wie und wann immer es möglich ist. Und genau so, wie sie in Iserlohn eine Selbsthilfegruppe für adipöse Menschen leitet. Auch hier kann sie Mut machen und ein positives Lebensgefühl weiter geben. Denn sie weiß, wie es war, übermäßig dick zu sein. Sie hat es geschafft, mehr als 35 Kilo abzunehmen. Heute fühlt sie sich wohl. „Auf einem guten Weg“, sagt sie. „Ich stand kurz vor einem Diabetes.“ Doch das ist vorbei. Genau wie ihr Bluthochdruck, die Rückenschmerzen, die Kurzatmigkeit. Die neu dazu gewonnene Lebensfreude gibt Jessica Fitz-Kahle nun an Menschen weiter, die sich auch vorgenommen haben, ihren Pfunden den Kampf anzusagen. Das Leben umzukrempeln. Sie ist wie ein Versprechen, dass alles gut werden kann.

Nun setzt sich die 39-jährige Iserlohnerin für die Gleichstellung ein. Fast 1.600 Euro sind schon zusammen gekommen von Menschen, die Münzen oder Scheine in ihre Sammelbüchsen gesteckt oder auf ihrer Facebook-Seite „Kinderwunschhilfe / Fertility Help“ gespendet haben. Eine Spende ist auch einfach so per Überweisung möglich. Die IBAN lautet DE 16 4455 0045 0000 7720 04. Verwendungszweck: Kinderwunschhilfe.

Viele Menschen können Jessica Fitz-Kahle dabei helfen, dem Iserlohner Paar einen Herzenswunsch zu erfüllen und so nebenher, was beinahe noch wichtiger ist, ein Statement dafür abgeben, dass nach der Ehe für alle nun auch die Gleichstellung kommen muss.