Iserlohn/Hemer. Das Wort „historisch“ macht die Runde. Während draußen ein ziemlich historisches Hoch die Temperaturen auf Rekordniveau jagt, schwärmt Sandra Pawlas, Chefin der Agentur für Arbeit Iserlohn, von einem „historischen Tief“. Im Juli verzeichnete die Agentur im Juli 13.159 Menschen ohne Arbeit. Das sind 10,6 Prozent weniger als im Juli 2017. Die Arbeitslosenquote beträgt somit 5,8 Prozent. Auf Iserlohn und Hemer heruntergebrochen, heißt das: Im Juli waren 4.403 Personen arbeitslos, 461 weniger als vor Jahresfrist.

Und noch eine weitere Zahl ist bemerkenswert. Zurzeit sind im Märkischen Kreis 6.064 offene, sozialversicherungspflichtige Stellen gemeldet. „Solche Zahlen kenne ich gar nicht“, sagt Volker Riecke, Geschäftsführer des Jobcenters Märkischer Kreis. „Nie dagewesen“, meint auch Lena Brühl, Pressesprecherin der Arbeitsagentur. Sie kann sich noch an Jahre erinnern, als der Bestand an offenen Stellen bei gerade einmal 3.000 lag.

Seit Jahren prognostizieren Sandra Pawlas und auch ihre Vorgängerin im Amt einen Fachkräftemangel im Märkischen Kreis. Er ist, so scheint es, angekommen. „Der Kampf um die Köpfe hat längst begonnen“, sagt Sandra Pawlas. Gut ausgebildete Fachkräfte werden umworben wie nie zuvor. „Langzeitarbeitslose“, sagt Volker Riecke, „haben zurzeit eine echte Chance.“

Der Arbeitsmarkt im Märkischen Kreis ist, wie es Sandra Pawlas, formuliert, „aufnahmefähig wie nie zuvor“. Oder jedenfalls wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch die Agentur-Chefin warnt zugleich. Der einfache Job, das schnelle Geld verführe auch junge Menschen. Doch der Arbeitsmarkt könne sich wieder ändern. „Ausbildung ist die beste Prävention gegen Arbeitslosigkeit“, sagt sie.

Für Sandra Pawlas, Volker Riecke und ihre Teamsbedeuten die hohen Zahlen an gemeldeten Stellen jedoch auch eine Herausforderung: „Es wird zunehmend schwerer, die Wünsche der Arbeitgeber zu erfüllen“, sagt die Agentur-Leiterin.
„Wir sprechen von einem Bewerbermarkt“, führt Sandra Pawlas weiter aus. Das heißt: Auf eine offene Stelle kommen im Märkischen Kreis gerade einmal zwei Bewerber aus dem „Pool“ der arbeitslos Gemeldeten. Gut ausgebildete Fachkräfte werden mit Handkuss genommen.

Immer häufiger aber gilt es auch für die Arbeitgeber, nach Bewerbern zu schauen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht die Top-Kandidaten zu sein scheinen. Arbeitsvermittler Dominik Hausherr erzählt, dass auch Weiterqualifizierung innerhalb der Betriebe zunehmend ein Mittel ist, den Facharbeitermangel wenigstens mittelfristig etwas zu lindern. So bekommen engagierte Mitarbeiter die Chance, sich zu gesuchten Fachkräften weiterzubilden.

Das gilt natürlich auch für Arbeitslose ohne Berufsabschluss oder mit Berufen, die heutzutage nicht sehr gefragt sind. Doch Sandra Pawlas weiß, dass solch eine Ausbildung oder Umschulung für viele Menschen auch Probleme mit sich bringt. Wer eine Familie zu ernähren hat, wird häufig eher den gering qualifizierten Job ergreifen, als Jahre lang weniger zu verdienen als in dem einfachen Job, um eine Weiterbildung beenden zu können. „Hier ist auch die Politik gefragt“, sagt die Agentur-Chefin. Sie denkt an Einkommenszuschüsse für Menschen, die sich auf das Abenteuer späte Ausbildung oder Weiterbildung einlassen. Einen finanziellen Anreiz, der auf jeden Fall über dem Arbeitslosengeld liegen sollte.

Das Thema Ausbildung brennt dem Team der Arbeitsagentur ebenfalls unter den Nägeln. Noch ist das Verhältnis von Bewerbern (2.970) zu Ausbildungsstellen (2.916) ausgewogen. Doch das könnte sich bald ändern. Das Studium, so scheint es, muss nicht unbedingt der Königsweg in den Einstieg in den Beruf sein. Es werden händeringend Fachkräfte gesucht – im Bauhauptgewerbe oder beispielsweise in den Gesundheitsberufen.
„Wenn das so weiter geht, sitzen wir in zehn Jahren alle zu Hause und warten bei Problemen auf den 70-jährigen Elektriker“, wirft Volker Riecke ein.

Manchmal können Wunschberufe so nah liegen. „Oft muss ich jungen Leuten erklären, dass ein Sanitäranlagenmechaniker viel mehr ist als ein Klempner, wie man ihn von den Erzählungen der Eltern und Großeltern kennt“, sagt Berufsberater Henning Preuß. „Hier geht es darum, ganze Anlagen zu betreuen, Programme zu schreiben.“ Hier werden einige Jugendliche schließlich doch hellhörig.

Gerade das Handwerk und die Industrie bietet jungen Menschen viele Entwicklungschancen. Zwar haben sich viele Berufsbilder verändert, haben viel mit Robotern oder dem Einsatz von Computern zu tun, wo man es auf den ersten Blick nicht erwartet. Doch manchmal bleibt auch die gute, alte Handarbeit: „Nicht der Roboter deckt das Dach“, sagt Sandra Pawlas. „Wir Menschen sind weiterhin gefragt und unverzichtbar.“