„Wenn Sie Pech haben, ist die Hand weg“

Klein und unscheinbar: Mit dieser Zündladung kann bereits eine Hand weggesprengt werden. (Foto: Stadt Hemer)

Hemer. (Red.) Nicht nur den Verantwortlichen aus Hemer, sondern vor allem den Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD) der Bezirksregierung Arnsberg standen vor Schreck die Haare zur Berge. Auf dem ehemaligen Bundeswehr-Übungsgelände Duloh hatten Unbekannte einen illegalen Bikepark angelegt. Das wäre ja noch zu ertragen. Doch das Gelände ist nicht, wie es im Kampfmittel-Slang heißt „entmunitioniert“. Das heißt: Dort liegen nach wie vor hochexplosive Zündladungen, die bei Berührung hochgehen können.

Mit Brettern, Bäumen und Holzpaletten wurden im Duloh Rampen und Schanzen für den Bikepark gezimmert. Jede Menge Arbeit steckt in dem illegalen Bike-Park, der beinahe die Größe eines halben Fußballfeldes umfasst. Dazu gehören auch jede Menge Buddeleien. Offensichtlich wurden Gräben mit dem Spaten ausgehoben. Glück, dass dabei keine Granate explodierte. (Foto: Stadt Hemer)

Aufmerksam gemacht auf den Bikepark wurde das Hemeraner Umweltamt vom Bundesförster. Die Anlage, die etwa die Größe eines halben Fußballplatzes hat, hatte er zufällig bei einem Streifgang durch ein Waldstück entdeckt.

Erstes Problem: Der Bikepark ist illegal auf Grundstücken der Stadt Hemer und der Bundesrepublik Deutschland geschaffen worden.

Zweites und weit pikanteres Problem: Das Gelände ist nicht entmunitioniert, zu jeder Zeit besteht außerhalb der Gehwege Lebensgefahr. In dieser Woche hatte der Kampfmittelbeseitigungsdienst Nato-Munition und auch eine hochexplosive Zündladung bei Test-Detektionen im und um den Bikepark herum entdeckt. Hemers Erster Beigeordneter Guido Forsting, Umweltamtsleiter Edgar Schumacher und Ordnungsamtsleiter Linus Klinner haben sich vor Ort aus erster Hand informieren lassen. Ihr Fazit: „So leid es uns für die Jugendlichen tut, die hier beeindruckendes gebaut haben, wir werden in Absprache mit dem Bund den Bikepark zerstören müssen. Das kann niemand verantworten.“

Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes fanden bei Test-Detektionen schon nach kurzer Zeit eine hochexplosive Zündladung. Die Einschätzung: „Die, die das gebaut haben, hatten Riesenglück, dass nichts explodiert ist.“ (Foto: Stadt Hemer)

Zündladungen aus Zweitem Weltkrieg

Pappiger modellierbarer Lehmboden – das natürliche Baumaterial ist ein Traum für jeden Jugendlichen, der mit seinem Spezialfahrrad gerne Sprünge zeigt und durch schlammige Fahrrinnen rast. Ein Albtraum ist der Bikepark jedoch für die Verantwortlichen der Stadt Hemer, denen die Verkehrssicherungspflicht obliegt. „Es tut mir ehrlich in der Seele weh. In dem Park steckt jede Menge Arbeit, aber wir können die Verantwortung dafür nicht übernehmen“, erklärt Umweltamtsleiter Edgar Schumacher. Nicht nur für ihn sind die ersten Zwischenergebnisse des KBD ernüchternd und ein Handlungsauftrag zugleich. „Die gefundenen Zündladungen sind für Laien nicht erkennbar, und vor allem die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist absolut nicht einschätzbar“, ergänzt Hemers Erster Beigeordneter Guido Forsting, als er die daumendicke und kronkorkengroße Zündladung aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Handschuh des KDB-Truppführers begutachtet. Ihm wird von den Experten erklärt, dass von der für eine Sprengstoffexplosion notwendigen, unscheinbaren Zündladung ein enormes Explosionspotenzial ausgehe. „Wenn sie Pech haben, ist ihre Hand weg“, versichert ihm der Fachmann trocken und ohne Schönfärberei. Sehr wahrscheinlich, dass bei den Test-Detektionen noch mehr dieser so genannten Kampfmittel gefunden werden.

Erich Arndt (l.), Truppführer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, erläutert Umweltamtsleiter Edgar Schumacher die Gefahrensituation. (Foto: Stadt Hemer)

Dabei ist das gesamte Dulohgebiet mehr oder weniger mit Munition übersät. In den 90er Jahren wurden die am schlimmsten mit Kampfmitteln verseuchten Gebiete bereits überprüft und „gereinigt“. Das gesamte Areal ist in Parzellen, so genannte Flurstücke, eingeteilt, wobei sich die Bundesrepublik Deutschland und die Stadt Hemer mehrfach als direkte Nachbarn begegnen. Genau auf einer dieser Grundstückgrenzen erstreckt sich zu etwa gleichen Anteilen der Bikepark. Bereits Mitte der 90er Jahre wurde die Bundes-Fläche abgesucht. Resultat: sieben Handgranaten und unzählige Funde von Nato-Munition. Und die ersten Ergebnisse der vergangenen Woche lassen nichts Gutes für den betroffenen städtischen Bereich erahnen.

Abriss, aber ohne großes Gerät

Fest steht aber schon jetzt, dass der Bikepark keine Zukunft haben kann. „Man wird niemanden finden, der das verantworten kann“, so Schumacher, „schon alleine das Betreiben einer solchen Anlage in einem Wald kann nicht geduldet werden, da wir jederzeit in der Verkehrssicherungspflicht sind.“ Schumacher muss handeln. Mit schwerem forstwirtschaftlichen Gerät, wie beispielsweise einem Harvester, wird er nicht anrücken können. „Das ist genauso gefährlich wie die Bodenarbeiten der Bikepark-Erbauer.“ Handfällungen lautet das einzig sichere Motto, das auch vom KBD als gefahrenfrei eingestuft wird. Die offiziellen Ergebnisse des KBD müssen noch abgewartet werden, Gespräche mit dem Bund zum weiteren gemeinsamen Vorgehen können aber bereits jetzt parallel geführt werden.

Zahlreiche Schilder weisen auf die Gefahrensituation im Duloh. Die Stadt appelliert an den gesunden Menschenverstand, sich daran auch zu halten. (Foto: Stadt Hemer)

Rückblende: Vor einer Woche war das Umweltamt durch den Bundesforst auf die Situation im Duloh aufmerksam gemacht worden. Selbstverständlich wurde der Bikepark sofort großflächig abgesperrt und Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Absperrmaßnahmen scheinen die Bike-Park-Gestalter jedoch nicht davon abgehalten zu haben frische Löcher mit Spaten zu buddeln. Die Stadt Hemer appelliert ausdrücklich an die Vernunft und den gesunden Menschenverstand, die Wege im Duloh nicht zu verlassen. Es besteht Lebensgefahr! In diesem Zusammenhang hat Umweltamtsleiter Edgar Schumacher bereits angekündigt, dass die Kontrollgänge des Stadtforstes deutlich intensiviert werden. Im Fokus stehen dabei allerdings auch illegale Grillplätze und Feuerstellen.

Feste Gehwege nicht verlassen

Manche Bürgerinnen und Bürger mögen sich in diesem Zusammenhang fragen, warum der Duloh nicht schon lange von Munitionsaltlasten befreit worden ist. Dazu muss man wissen, dass die Wege und weite Teile rund um den ehemaligen Schießstand bereits entmunitioniert sind. Eine vollständige Beseitigung aller Kampfmittel kostete mehrere Millionen Euro. Da waren sich bereits Anfang der 90er Jahre die Städte Iserlohn und Hemer sowie der Bundeswehr-Standortverwaltung Iserlohn einig. Eine Entmunitionierung bedeutet weiterhin keine 100-prozentige Sicherheit. Eine Gefahr sieht die Stadt Hemer allerdings bei bestimmungsgemäßer Benutzung der festen Gehwege (nicht Trampelpfade!) nicht.