Wertvolle Funde in der Bücherei

Drei Damen von der Bücherei: Jutta Goeke, Gudrun Völcker und Petra Koch (v.l.) über Bücherei-Gebühren und skurrile Lesezeichen. (Foto: A. Schneider)

Iserlohn. (as) Sie sind Expertinnen. Lesezeichen-Expertinnen. Man sieht es ihnen zwar nicht an, aber die drei Damen haben tatsächlich bereits in den 80er Jahren in der Iserlohner Stadtbücherei im Alten Rathaus gearbeitet: Gudrun Völcker, heute Leiterin der Stadtbücherei, Petra Koch, heute zuständig für die Erwerbungsabteilung, und Jutta Goeke, Ansprechpartnerin für Bücher auf Rädern. Immer wieder haben die drei Damen, aber natürlich auch die anderen Bediensteten der Iserlohner Stadtbücherei, Gegenstände aus den zurückgegebenen Büchern gezogen, die zwar den Zweck erfüllten, aber mit kunstvollen Lesezeichen recht wenig gemein haben: Einkaufszettel gehörten dazu, Rezepte, Fotos, Postkarten, Einladungen, Lineale und so manche Skurrilität. Rote Ohren gab es einmal, als ein heißer, 18 Seiten langer Liebesbrief zwischen den Seiten gefunden wurde. Diskret werden Kontoauszüge in einen Umschlag gesteckt und den Kontoinhabern ausgehändigt.

Doch vor fast anderthalb Jahrzehnten ist die Lesezeichen-Vielfalt arg zurückgegangen. „Im März 1996 wurde die Ausleihe auf den EDV-Betrieb umgestellt“, sagt Büchereileiterin Gudrun Völcker. Mit den ausgeliehenen Medien wird den Bücherei-Nutzern nun ein Quittungsbeleg ausgehändigt. „Oft wird jetzt diese Quittung als Lesezeichen genutzt“, sagt Gudrun Völcker. Aber nicht immer: Erst vor wenigen Tagen wurde ein 50-Euro-Schein zwischen Buchseiten entdeckt. Der letzte Entleiher konnte schnell ermittelt werden. „Vermissen Sie etwas? Wir haben da etwas gefunden!“

Woher kamen die 1.800 DM?

Die wohl spektakulärste Fundsache liegt allerdings schon lange zurück. „Gut 20 Jahre“, schätzt Petra Koch. Seinerzeit wurde ein Umschlag in einem Buch entdeckt. Darin: 1.800 DM in Hundertern. Auch in diesem Fall konnte die letzte Leserin schnell ermittelt werden. „Das war eine Rentnerin“, sagt Jutta Goeke. Hatte die alte Dame womöglich ihre Rente abgeholt, ins Buch gelegt und abgegeben? Saß sie jetzt ohne einen Pfennig zu Hause? „Wir haben uns richtig Sorgen gemacht“, sagt Petra Koch. Völlig unnötig. Die alte Dame beharrte darauf, nichts zu vermissen – die Rente schon gar nicht. Sie war nicht davon zu überzeugen, dass es sich vielleicht um ihr Geld handeln könnte. „Wir hatten das Gefühl, ihr etwas Ungehöriges andrehen zu wollen“, erinnert sich Jutta Goeke. Doch die Dame blieb eisern: Nein, in dem Buch habe sie bestimmt nichts zurückgelassen.

Also, wohin mit dem Geld? Zum Fundbüro. Ein Jahr lagen die 1.800 DM in ihrem Umschlag im Fundbüro. Und niemand erhob Ansprüche darauf. Ulrich Pagenstecher, damals Leiter der Iserlohner Bücherei, hatte für diesen Fall vorgesorgt. Das Geld wurde der Bücherei gutgeschrieben. „Von den zehn Prozent Finderlohn hatten wir eine prima Betriebsfeier“, erinnern sich Petra Koch und Jutta Goeke. Vom Rest des Geldes konnte die Bücherei Regale anschaffen.

Unterwelt in der Bücherei?

Derweil brodelte die Gerüchteküche. Weshalb hat niemand Anspruch auf das Geld erhoben? Sollte die Stadtbücherei etwa Schauplatz irgendeiner verbrecherischen Planung gewesen sein? Geldwäsche? Sollte mit dem Geld ein Unterwelt-Geschäft beglichen werden? Getreu der Phantasie: „Das Geld liegt im Buch XY, und der nächste Verbrecher holt es sich heraus.“ Geklärt wurde die Herkunft der 1.800 DM nie. Noch heute wandern die Gedanken häufig zurück zu diesem Fund.

Lesezeichen gehören immer wieder zu den Gesprächsthemen in der Stadtbücherei. Doch zurzeit drehten sich die meisten Diskussionen um die Bücherei-Gebühren. Seit dem 1. Juni dieses Jahres werden volljährige Personen, die über ein eigenes Einkommen verfügen und nicht von Sozialleistungen leben, für die Nutzung der Bücherei zur Kasse gebeten. Zwölf Monate Lese- und Medien-Spaß kosten zehn Euro. Kinder und Jugendliche bis einschließlich 17 Jahren sind von der Gebühr befreit. Das gilt auch für Bezieher von Sozialleistungen. Wer volljährig ist, aber noch zur Schule geht, studiert, eine Ausbildung macht, Wehr- oder Ersatzdienst leistet, zahlt eine ermäßigte Gebühr von fünf Euro für ein Jahr Büchereinutzung.

Ein ganzes Jahr Bücherei für zehn Euro

Die ersten Wochen nach Einführung der Gebühr wurden für Büchereileiterin Gudrun Völcker zur Nervenprobe. Die Bücherei wurde nur wenig besucht. Beobachtet wurde ein massiver Rückgang von Lesern und Medienfreunden. Doch allein mit der neuen Gebühr ließ sich dieser Einbruch nicht erklären. Erst die Fußball-WM, dann die Ferien und die große Hitze. Es gab viele Gründe, die Leserinnen und Leser von einem Bücherei-Besuch abgehalten haben.

Jetzt haben die Nutzer-Zahlen zwar immer noch nicht Vorjahres-Niveau erreicht, doch sie sind wieder angestiegen. Geradezu sprunghaft gestiegen ist sogar die Zahl der Kinderanmeldungen. Die Erklärung ist naheliegend. Wieso soll zehn Euro pro Jahr zahlen, wenn die Kinder ihre Kindermedien kostenfrei entleihen können?

Verunsicherung haben Gudrun Völcker und ihr Team bei erwachsenen Nutzern ausgemacht. Viele verstehen unter dem Jahr das Kalenderjahr – und sie fragen sich, wieso sie jetzt zehn Euro zahlen sollen, obwohl das Jahr schon bald beendet ist. Hier gilt es aufzuklären: Wer sich jetzt in der Bücherei anmeldet, kann das Angebot der Bücherei ein Jahr lang, also bis in den nächsten Oktober hinein, nutzen.

Und vielleicht bleibt wieder das ein oder andere interessante, spannende oder aufregende Lesezeichen in den Büchern zurück. Aber Vorsicht: Nicht alles kann mit Humor genommen werden. Wenn die Bücher beschädigt werden, können die Nutzer für den Ersatz zur Kasse gebeten werden.